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StartseiteBüchermarktGlaube als Beruf28.07.2004

Glaube als Beruf

Petra Morsbach: "Gottesdiener"

Es ist erstaunlich, dass eine durchaus atheistische Autorin sich über die Existenz eines katholischen Pfarrers den Kopf zerbricht. Zehn Jahre trug Petra Morsbach den Stoff mit sich herum; sie arbeitete sich in die Theologie ein, besuchte Vorlesungen der Jesuiten, las Messbücher und Rituale, nahm an Exerzitien und Pilgerfahrten teil und sprach mit jedem Pfarrer, der dazu bereit war. Entstanden ist so ein differenziertes Bild eines katholischen "Gottesdieners", der seinen Glauben nach innen und außen in einer weitgehend säkularisierten Welt behaupten muss. Wie kommt Petra Morsbach, die sich bisher nie mit religiösen Themen beschäftigt hat, ausgerechnet zu diesem Stoff?

Von Eva Pfister

Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)
Steinernes Kreuz vor der Kulisse des Mangfall-Gebirges (AP)

Ich wollte zunächst über das Dorf schreiben, in dem dieser Pfarrer lebt. Mein Vater lebte 23 Jahre in Niederbayern, wir besuchten ihn dort, er erzählte zuhause davon, es waren archaische Verhältnisse. In seinen Erzählungen kam auch ein Pfarrer vor, ein einsamer Pfarrer, der natürlich wenig ausrichtete in diesem Dorf und auch darunter litt. Und dann dachte ich plötzlich, man sollte mal über dieses Dorf aus der Sicht des Pfarrers schreiben, aber das ist lange her, also entgegen meinem vorigen Konzept rückte dann der Pfarrer sehr stark in den Mittelpunkt.

Tatsächlich scheint auch Petra Morsbachs Gottesdiener mit dem schönen Namen Isidor Rattenhuber auf verlorenem Posten zu stehen. Zwar ist an hohen Feiertagen seine Kirche voll, und wenn er oft genug ins Gasthaus geht, und zuweilen eine Wallfahrt organisiert, sind seine Schäfchen im Bayerischen Wald mit ihm zufrieden. Dass sie deswegen nach Gottes Wort leben würden, kann man jedoch nicht behaupten. Isidor aber weiß um Gottes Gnade, die er vor allem jenen, die sich mit ihrem Gewissen plagen, zu vermitteln sucht. Seine Beichtstunden und Krankenbesuche geben Petra Morsbach Gelegenheit zu ihrer großen Kunst: Sie skizziert vielfältige Schicksale, erzählt lakonisch kleine Tragödien und große Grausamkeiten, und scheut sich nicht, manche Miniaturen mit einer Pointe abzuschließen. Diese Form kennen wir schon aus ihrem Buch "Opernroman". Wie dort gibt es zwar einige durchgehende Figuren, aber darum herum wimmelt es von Personen, die oft nur einen Auftritt im Roman haben. Warum erzählt die Autorin Petra Morsbach so gerne in Episoden?

Die Episoden, das ergibt sich aus seinem Beruf. Er steht im Zentrum dieses Dorfes, hat mit den Leuten zu tun, sie kommen auf ihn zu und wollen was von ihm, er selber erlebt sie episodenhaft. Aber für mich war reizvoll, künstlerisch, in diesen kurzen Episoden die Problematik einer ganzen Existenz aufzuschlagen und sie zu messen an der spirituellen Frage: Was soll das Ganze, was kann man tun, was kann der Pfarrer tun, was könnten die tun, was hat das Leben mit ihnen vor. Das war für mich eine interessante Übung, das jeweils so zuzuspitzen in einer einzigen Szene.

Im Zentrum steht jedoch der katholische Priester. Warum hat sich der junge Mann der Kirche geweiht? Um sich zu opfern, um Gutes zu tun, sagte er - oder scherzhaft: "Was bleibt einem anderes übrig, wenn man Isidor Rattenhuber heißt, rothaarig ist und stottert?" Seine Herkunft war geprägt von streitenden und schuftenden Menschen, von Lärm, Zank und Armut. Die Kirche rettete ihn, sie bot ihm ein geistiges Dasein, die Stille der Andacht, und die Worte der Liturgie, die Isidor vorlesen konnte, ohne zu stottern.

Aber wie kann Isidor die Botschaft der Liebe verkünden, wenn er sich diese selbst versagen muss? Als er merkt, wie sehr er an seiner Einsamkeit leidet, holt er sich seine Cousine Roswitha als Pfarrköchin ins Haus. Er freut sich, dass ein menschliches Wesen da ist, aber nach einiger Zeit wird Roswitha fernsehsüchtig. Sie schaut sich alle möglichen Serien an und jeden Nachmittag "Pfarrer Fliege" denn ihr Cousin ist ja nie für sie da.

Schuldgefühle begleiten zunehmend Isidors Existenz: Ist er Pfarrer geworden, weil er vor der Liebe weggelaufen ist? Er hadert mit sich und der Welt. Geschult in Dogmatik und Moraltheologie laufen seine Gedankengänge im Zickzack, denn in eigener emotionaler Sache ist er hilflos. Im Lauf der Zeit entwickelt der Zweifler Isidor abends beim Wein eine ausgeklügelte Privat-Theologie. Darüber wird er allerdings zum Alkoholiker und kommt nur mit größter Anstrengung von seiner Sucht los, während er zugleich versucht, das Unglück seiner unerfüllten Liebe zu einer Frau zu verarbeiten, deren Leid er auch nicht mildern konnte.

Petra Morsbach schildert ihren Protagonisten mit Sachkenntnis und Sympathie. Wie steht sie selbst, die in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen ist, zur katholischen Kirche?

Der katholische Ritus, der spricht mich erst mal an, ich komme ja vom Theater, das ist ein sehr sinnlicher Ritus für mich. Mich bewegt die Liturgie, mich bewegen die Texte, das hat etwas sehr Schönes und Entrücktes. Das ist die eine Seite. Die Dogmen und der Katechismus, die sprechen natürlich eine andere Sprache, das ist viel problematischer. Es ist sehr schwer, eine Moral zwingend zu erklären aus der Bibel... Ich war neugierig, mich haben andere Dinge interessiert, mich hat zum Beispiel interessiert, wie wird Gott begründet, wie wird Gott bewiesen. Das hat mich interessiert, aber es geht uns auf allen Gebieten so, auch in der Kunst, ich kann nicht erklären, was Kunst ist. Ich würde auch ohne zu erröten, sagen, es geht um Wahrheit in der Kunst, aber was diese Wahrheit ist, wie man sie definiert, das ist fast unmöglich.

Obwohl Petra Morsbach kein simpel kirchenkritisches Buch geschrieben hat, werden die Probleme eines katholischen Pfarrers – und dazu gehört auch das Zölibat – natürlich nicht ausgeklammert. Vermutlich ist das der Grund, warum die Bischöfliche Pressestelle Passau bereits eine negative Stellungnahme zum Roman abgegeben hat. Das ist schade, denn Petra Morsbach hält sich ganz aus den Polemiken um die katholische Kirche heraus und fragt sehr genau nach dem Stellenwert von Religion in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft und danach, wie es jemandem ergeht, der den Glauben zum Beruf macht.

Manche von Isidors Kollegen machen es sich leichter: Sie brechen das Zölibatsgelöbnis ohne Bedenken oder genießen die Macht, die ihnen ihre Position bietet. Isidor aber ist ein Suchender, ein Idealist, der sich an der Wirklichkeit abplagt, und dem doch die Freude an der Liturgie bleibt. Petra Morsbach sieht ihn durchaus nicht als Gescheiterten:

Es gibt einfach keine einfachen Antworten auf unsere Existenz. Und er ist sehr ehrlich zu sich selbst, er versucht, den Anforderungen des Lebens zu begegnen, und ich halte das für eine große Leistung, ich möchte sagen, ich habe diese Gespräche mit den Pfarrern sehr genossen, es waren alles ganz skrupulöse, gescheite Leute, und ich fühlte mich in diesen Gespräche selbst durchaus beschenkt; vielleicht gerade dadurch, dass sie so geknechtet waren durch ihr Dogma, waren sie besonders sensibilisiert, besonders angeschärft in ihrem Bewusstsein für die Widersprüche ihres Berufes und ihres Lebens, aber das imponiert mir immer noch hundert Mal mehr als jemand, der gedankenlos sich ständig materiell befriedigt.

Das Bewusstsein für die Widersprüche geben Petra Morsbachs Gottesdiener seine philosophische Tiefe, die vielfältigen Porträts der Menschen im Bayerischen Wald machen den Roman kurzweilig und oft auch amüsant. Denn Petra Morsbach hat von Horvath gelernt, dass das Leben im Ganzen zwar tragisch, aber im Einzelnen durchaus komisch sein kann.

Petra Morsbach
Gottesdiener
Eichborn Verlag, 380 S., EUR 22,90

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