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StartseiteTag für Tag"Wir haben keinen Mangel an Werten in dieser Gesellschaft"03.06.2015

Glauben im Wandel"Wir haben keinen Mangel an Werten in dieser Gesellschaft"

Die Religion in der offenen Gesellschaft - Eine Herausforderung für die Kirchen (Teil 3)

Die Kulturen der Welt sind näher zusammengewachsen und die Gesellschaft hat sich für neue Ideen und Weltbilder geöffnet. Die Kirchen gingen aber auf für diese vielfältigen religiösen Erfahrungen kaum ein, sagte der Theologe Matthias Kroeger im Deutschlandfunk. "Die Kirchen stehen nicht in dem Ruf, dass sie Unterstützer freiheitlicher religiöser Entwicklungswege sind."

Matthias Kroeger im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Denkmal des Reformators Martin Luther (1483-1546) mit der Stadtkirche im Hintergrund in der Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt).  (dpa / picture alliance / Peter Endig)
Luthers Thesen sind auch heute noch eine Herausforderung. Das Denkmal des Reformators in Wittenberg (dpa / picture alliance / Peter Endig)
Weiterführende Information

Auflösung traditioneller religiöser Milieus
Matthias Kroeger im Gespräch, Teil 1

Christlicher Anspruch auf Absolutheit
Matthias Kroeger im Gespräch, Teil 2

Rüdiger Achenbach: Die Theologie der Reformation hat sich auf das Schriftprinzip sola scriptura berufen. Das war eine Abgrenzung gegen die Position des Papstes, weil die Bibel als höchste Lehrautorität angesehen wurde. Aber für die Reformatoren wie Luther war selbstverständlich, dass die Bibel ausgelegt werden musste. Es war eben nicht alles das, was überliefert wurde, von gleichem Wert. Kann man das so sagen?

Matthias Kroeger: Ja - oder mindestens nach Luther sollte alles, was in der Schrift steht, einem geheimen inneren Kanon untergeordnet werden. Innerer Kanon heißt in Luthers Sprache "alles was Christum treibet" - alles im Blick auf die eine Grundfrage, wer bist du Mensch vor Gottes Angesicht und wie kommst du wieder in ein friedliches, befriedetes Verhältnis zu ihm. Das war natürlich ein immenser Befreiungsschlag, den Luther in dieser Formulierung gemacht hat und damit die katholische Lehrautorität zurückgewiesen hat. Wir haben aber inzwischen ja 400 Jahre und mehr Auslegungsgeschichte mit diesem Satz. Wir mussten damit leben. Und es hat sich gezeigt, dass, so wie der Satz da steht, er auch nicht haltbar und stimmig ist, denn wenn man die Schrift auslegen muss, dann wissen wir - mindestens aus den Debatten des letzten Jahrhunderts zum Thema der sogenannten Hermeneutik, wenn man eine Sache verstehen will, dann versteht man nie nur das, was man verstehen will, sondern bringt - zum zwar nicht leider, sondern produktiverweise - lauter eigene Voraussetzungen mit in den Prozess, die mit einwirken. Deswegen kann man legitimerweise eine Sache, die in der Bibel steht, im 16. Jahrhundert so und im 20. Jahrhundert anders verstehen. Das hängt mit den Verständnisbedingungen zusammen. Das heißt, die Schrift alleine ist auch gar nicht in diesem Verständnis und Predigtprozess immer die eigene Größe, sondern es spielt immer die Welt mit – also, in der wir leben. Die bringen wir mit ein.

Achenbach: Das heißt, wir versuchen darüber einzuordnen in das, was wir nachvollziehen und verstehen können und gebrauchen dabei durchaus auch Begriffe, die philosophisch gefärbt sind oder aus unserer Zeit oder aus einer anderen Zeit stammen.

Die Bibel alleine ist es nicht

Kroeger: Wir ordnen es ein, man kann natürlich auch sagen, indem uns ein Text, der etwas Neues zeigt, gegenüber tritt, öffnen wir unsere bisherigen Kategorien und lernen, dass wir nicht einordnen können, sondern darüber hinausgehen und etwas Neues begreifen. Aber es scheint jedenfalls klar zu sein, dass der zentrale Einwand, den die katholische Theologie schon immer gemacht hat, nämlich die Bibel alleine ist es nicht, sondern das Wissen der Christen, die Tradition der Christentums, des Glaubens und der Kirche spielt dabei auch eine Rolle. Ich glaube, dass auf die Länge gesehen, dieses Argument der katholischen Tradition gegen das reformatorische Schriftprinzip sich als berechtigt erwiesen hat und dass deswegen an diesem Satz sola scriptura - allein die Schrift - ist die Weise, in der wir die religiösen Fragen beantworten können, nicht mehr gilt. Da müssen wir natürlich heute auch sagen, dass dieser Satz sich wendet gegen die Anmaßung der kirchlichen Lehre, wenn sie denn behauptet, dass die kirchliche Lehre aus seiner Ausfaltung der Lehre Jesu der einzige Weg zu Gott sei. Auch die protestantische Kirchenlehranmaßung in diesem Punkt - das ist eine verkappte Christologie, die da drin steckt - unterliegt natürlich derselben Kritik. Man muss auch den Protestantismus selbst und seine Gläubigkeit an den protestantischen Papst - die Schrift - muss man genauso anwenden.

Achenbach: Wir gebrauchen jetzt während unseres Gesprächs häufig den Begriff der Religion - ganz selbstverständlich, obwohl Religion seit dem letzten Jahrhundert in großen Kreisen des Protestantismus auch ein negativer Begriff geworden ist.

Kroeger: Ja, das ist ein sehr merkwürdiger Sachverhalt. Wir haben im Kern seit 400 Jahren etwa den Religionsbegriff in der protestantischen Theorie als ein Grundlagenverständnis. Das heißt, man muss ernst nehmen, dass es Religion gibt als einen Grundfaktor von in der Welt sein und Mensch sein.

Achenbach: Das, was man gemeinhin auch das religiöse Apriori nennt.

Wo komme ich her, wo gehe ich hin?

Kroeger: Jawohl. Das ist ein Ausdruck von Ernst Troeltsch und würde ich auch sagen, das ist richtig so. Man kann das auch kirchlich ausdrücken, dann heißt der Satz vom Heiligen Augustin: Wir sind alle zu dir geschaffen und unser Herz ist unruhig, bis dass es ruhe in dir. Dies ist die christliche Formulierung. Das andere ist mehr die religionstheoretische Formulierung für dasselbe. Der Frage als solcher, nämlich wo komme ich her, wo gehe ich hin, was soll das Ganze ...

Achenbach: Also die klassischen Sinnfragen.

Kroeger: Die Sinnfragen, die sind nicht ausschließbar. Faktisch ist es so, dass in der christlichen Tradition und der Religion eben dies verstanden worden ist. Deswegen gab es auch lange Zeit eine Gleichung, religiös sein, heißt christlich sein. Das hat dann auch zu dem Satz geführt, dass Religion eine Form ist, in der der Mensch seine Selbstmächtigkeit mit Blick auf Gott auch dokumentieren möchte, dass Religion eigentlich eine Form der Selbsterlösung ist. Und Christus ist das einzige Gegenbild, welches uns ab diesen Weg. Deswegen brauchen wir nicht religiös zu sein, weil wir glauben. Das ist eine bestimmte Form des Denkens gewesen. Ich würde kurz sagen, sie hat sich nicht bewährt. Die katholische Kirche ist darin sehr viel weiter ausgelegt. Die hat ein altes Verhältnis zur natürlichen Religiosität, hat deswegen diese Geschichte mit solus Christus nie so absolut verstanden wie im Protestantismus. Aber wir entgehen dem nicht. Deswegen lohnt es sich nicht diese alten Debatten zu wiederholen. Religion kann natürlich auf Irrwege geraten, aber das heißt nicht, dass Religion ein Irrweg ist, sondern dass ihre Gestaltung und ihr Gebrauch missbräuchlich und abergläubisch geworden ist.

Achenbach: Spätestens seit der Aufklärung steht Religion vor allem aber auch für Ethik. Diese Vorstellung hat sich auch in unseren Kirchen durchgesetzt. Vor allem im Absolutismus wollen die Kirchen sozusagen die Erziehungsanstalten für die Staatsbürger sein. Die Kirchen hatten für die rechte Moral der Untertanen zu sorgen. Hat damit nicht im Christentum auch eine Phase begonnen, die zu einer ständigen Ethisierung und Moralisierung neigt?

"Genuin christlich gibt es ja nicht"

Kroeger: Natürlich. Aber das ist ja nicht nur in der Kirche, das kann man heute in der Öffentlichkeit jenseits aller kirchlichen Herkünfte für fast selbstverständlich finden, dass Religion heißt, sittlich sein oder ethisch sein. Entsprechend der Erwartung sprechen in der Tat die Kirchen sehr stark - nicht nur, aber sehr stark davon, dass sie mit ihrem Liebesgebot eigentlich die Begründung von Ethik darstellen und liefern können. Darin liegt in der Tat etwas Richtiges verborgen. Nämlich - also ich glaube, dass wir keinen Mangel an Werten in dieser Gesellschaft haben. Es gibt ungeheuer viele Vorschläge, so und so sollte es aussehen. Was wir haben, ist ein Mangel hineinwachsen dieser Werte in die Menschen. Die Werte werden überall frei verkündet und flottierend schwimmen sie rum. Aber dass Menschen sich mit etwas identifizieren und sagen, dies ist mein Wert, dies tue ich, das ist ja genau das, was im Blick auf die jüngere Generation immer gehofft und gewartet wird, dass dieses "Ha, es ist mir egal, man kann so oder auch anders", dass dies gewünscht wird und was von den Kirchen erwartet wird. Ich finde, das ist zurecht so, denn genuin christlich gibt es ja nicht - das sage ich als Protestant, das ist katholisch anders gedacht-– im Protestantismus sagen wir: Es gibt genuin christlich, wie Jesus das verkündet hat, wirklich nur zwei Gebote. Man könnte die auch in eines zusammenfassen, nämlich das Doppelgebot der Gottes- und der nächsten Liebe. Das ist zwei Urwahrheiten, von denen Jesus sagt, du kannst das eine nicht ohne das andere haben. Das heißt, alle Auslegungen, die das gefunden hat, die sind ja nicht unrecht. Denn Menschen müssen lernen zu buchstabieren, was dieses eine große Gebot bedeutet. Daher stammt die Deutungsgeschichte mit den vielen, vielen Gesetzen, die es in fast jeder Religion gibt. Nicht nur im Judentum, im Christentum genauso. Aber die Jesus-Verkündigung sagt dieses Doppelgebot. Und das aufnehmend hat Luther einen Satz gesagt, der im Protestantismus natürlich auch kaum eingeholt ist, und der heißt: Die Christen sollen sein die Schaffer und Schöpfer ihrer eigenen neuen Dekaloge. Es gibt nur ein erstes Gebot am Anfang - nämlich dieses Doppelgebot. Und was daraus folgt, das sollt ihr selber herausfinden.

Achenbach: Aber das heißt doch, es gibt keine christliche Lebensordnung, die mit einzelnen - sagen wir auch in Neuen Testament - Tugenden- und Laster-Katalog festgeschrieben ist für alle Zeiten. Sondern das bedeutet, wenn Luther davon spricht, dass der Christ sich selbst neue Dekaloge machen kann, fordert er ihn ja auf, von diesem Doppelgebot aus, von dieser Grundlage aus sittlich und ethisch zu handeln.

Die Zumutung an den Menschen

Kroeger: Völlig richtig. Das ist natürlich auch eine große Zumutung an Menschen, selber herausfinden zu müssen. Der Protestantismus - soweit er konfessionell war - schauen Sie mal in die Gesangbücher rein, wo die Leute noch ihre Lebensordnungen reingeschrieben bekommen. In den Kirchen, in denen das noch üblich ist, da wird auch versucht, eine Lebensordnung, so hat ein Christ sich zu verhalten. Dies ist genuin unprotestantisch und - wenn man Luther folgt - auch unchristlich. Das Jesus-Gebot heißt dieses Doppelgebot. Alles andere ist frei. Sie müssen sich einmal die Radikalität dieses Lutherischen Satzes klar machen, weil die Welt immer glaubt, die zehn Gebote sind das Grundgesetzt der Welt. Luther sagt, nicht die zehn, das eine. Die neun anderen sind zeitbedingte Auslegungen und wir sollen schauen, ob wir es besser machen. Das ist eine ungeheure Freiheit und eine große Zumutung. Insofern finde ich es völlig berechtigt, wie die Kirchen das heute machen, dass sie gemeinsam suchen, was ist die heute gültige Auslegung - im Blick auf Transplantationsmedizin, Organspende, Gehirntod-Definition. Das muss im Konsens der Zeitgenossen gesucht - und in diesem Fall im Konsens der Christen ausgelegt werden. Alle diese Versuche werden protestantischerseits nicht als das neue Gesetzt verstanden, sondern als Auslegungshilfen, so glauben wir, könnte man das heute verstehen. Das ist das, was gemeint ist mit dem Doppelgebot. Die Konsequenzen sind frei - deswegen beraten wir Zeitgenossen, was es bedeutet.

Achenbach: Wenn heute über christliche Werte, sogenannte christliche Werte gesprochen wird - man müsste das im Einzelnen ja definieren, wir haben es mit dem Doppelgebot versucht zu erklären, wie man so etwas verstehen kann, dann ist in der Regel damit gemeint, dass man mit dem Christentum bessere Menschen machen könnte.

Luther: Die Kirche ist dafür da, um die Freiheit des Gewissens herzustellen

Kroeger: Denn Luther war ganz eindeutig durch seinen Rechtfertigungsglauben davon überzeugt, dass der Zweck seines Glaubens nicht ist, bessere Menschen zu machen, sondern die Menschen in die Urerfahrung der religiösen Wirklichkeit wieder hineinzuziehen. Deswegen konnte er diesen für viele Christen unglaublich fatalen Satz sagen: Sündige tapfer drauf zu, macht gar nichts - Hauptsache ist: du glaubst. Wenn du dein Herz an der richtige Stelle hast, dann wirst du schon wissen, was du tust.

Achenbach: Weil er auch den Glauben als eine Lebenseinstellung gesehen hat.

Kroeger: Ja, und keine primär ethische.

Achenbach: Ja, und von dort aus verstanden hat, dass die Situation, die er Mensch erlebt, wie er sich dann entscheidet, dass das aus seinem Glauben coram deo geschieht.

Kroeger: Das geschieht im Glauben und in der Freiheit des Glaubenden – samt Last natürlich. Aber war du tust, was deine Hände tun, das kannst du entscheiden, wenn dein Herz begriffen hat, worum es geht. Und was die Hände dann tun, überlasse ich euch. Das ist eure Verantwortung.

Achenbach: Wie hat Luther denn die Rolle der Politik in der Kirche gesehen.

Kroeger: Luther hat ganz klar in dieser Frage gepredigt. Er hat gesagt, die Kirche ist dafür da, um die Freiheit des Gewissens herzustellen - was damals ja noch nicht gegeben war. Unter jeder Obrigkeit kann sie leben, wenn ihr die Freiheit der Verkündigung und des Gewissens gelassen wird. Für diese Freiheit einzustehen, das ist die Aufgabe. Deswegen finde ich, sagt auch sehr schön ein heutiger Bischof neulich mal, die Kirche macht keine Politik, aber die ermöglicht Politik, in dem sie Freiheitsräume und den Ursprung des Gewissen vorstellt. Aber die genuine Aufgabe der Kirchen ist nicht politisch und ethisch sein, sondern den Ursprung des Menschen in der religiösen Frage vor Gott im Blick zu behalten, zu ermöglichen. Das ist die Aufgabe der Kirchen. Alles andere folgt nur.

Achenbach: Wenn man es nun genau betrachtet, was wir besprochen haben, auch im Blick auf den Religionsbegriff, könnte man nicht sagen, dass der Schatz, den die Kirchen aufbewahren - ich sehe erst einmal das gesamte Christentum mit 2000 Jahren, dass der heute nicht genug ausgeschöpft wird in den Kirchen?

"Es gibt keine wirkliche theologische Öffnung"

Kroeger: Es müsste ein Gefühl für die Religiosität von Menschen entstehen und von ihrem Recht. Ich habe in dem Buch zitiert einen Satz, den ich neulich auf einem Pfarrkonvent hörte, der hieß: Unsere Aufgabe ist es nicht, uns in den Zoo der religiösen Gefühle von Menschen einzulassen, sondern die Offenbarung Jesu Christi zu verkündigen. Solange die Atmosphäre in den Kirchen auch nur im Verdacht steht, so zu sein, dass das, was Menschen fühlen und langsam zu denken und zu spüren lernen, als Zoo der religiösen Gefühle diffamiert wird, so lange gehen Menschen zu keinem Ritus und zu keiner Kirche. Das heißt mit anderen Worten, es gibt eine wirklich theologische Öffnung und religiöse Öffnung zu der Vielgestaltigkeit religiöser Erfahrungen in unseren Kirchen nicht. Und deswegen sind sie nicht ein Einladungsort einstweilen, in dem man sagt, wenn ich meine Wege suche, gehe ich zur Kirche. Deswegen gibt es diese eminent aufbrechende Religiosität, aber sie wendet sich nicht an die Kirche. Die Kirchen stehen nicht in dem Ruf, dass sie Unterstützer freiheitlicher religiöser Entwicklungswege sind.

Achenbach: Das heißt, die Kirchen müssten hier an einem Image-Wandel arbeiten.

Kroeger: Der Image-Wandel ergibt sich, wenn sie endlich mal theologisch arbeiten. Das ist ein Drama, das im Moment passiert, dass in diesen Jahren, wo diese theologischen Fragen herandrängen, die ganzen kirchlichen Gremien mit Finanzfragen beschäftigt sind - wo man hinschaut. Aus guten Gründen, das kann ich gar nicht kritisieren. Aber die Zentralfrage, wie sieht unser Glaube aus, wie müssen wir im Kern des christlichen Glaubens uns ändern, um die alte Wahrheit zu erhalten. Die kommt nicht genügend zum Zuge - einfach mangels Kraft auch nicht. Menschen sind erschöpft von Verwaltungs- und Umstrukturierungsfragen. Es bleibt kaum Zeit für Theologie.

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