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StartseiteBüchermarktGlaubhaftes Märchen14.05.2013

Glaubhaftes Märchen

César Aira: Der Literaturkongress, Ullstein

Für alle, die den argentinischen Autor César Aira noch nicht kennen, ist dieses Buch der perfekte Einstieg. Es ist gleichzeitig eine Parabel und ein Märchen und doch ist man geneigt, dem Autor dank seiner realistischen Erzählweise diese unglaublich Geschichte zu glauben.

Von Martin Grzimek

César Aira: "Der Literaturlkongress" erschien das erste Mal bereits 1997 (picture alliance / dpa / Ricardo Ceppi)
César Aira: "Der Literaturlkongress" erschien das erste Mal bereits 1997 (picture alliance / dpa / Ricardo Ceppi)

Dieser Kurzroman des 63-jährigen Argentiniers César Aira mit dem Titel "Der Literaturkongress" ist gewiss das merkwürdigste Buch, das über ein solches Thema geschrieben werden kann. Wer schon bei dem bloßen Wort "Literaturkongress" die Stirn runzeln mag in der Vorahnung, nun wieder einmal eine schriftstellerische Nabelschau oder eine süffisante Auseinandersetzung mit dem Kulturbetrieb in wohlgewählten Worten vorgesetzt zu bekommen, wird schon nach den ersten Sätzen auf angenehme Weise überrascht sein. Denn gleich zu Beginn finden wir uns mit dem Erzähler, natürlich einem Schriftsteller, an der venezolanischen Küste Südamerikas wieder und begegnen einem bisher ungelösten Rätsel, dem "Faden von Macuto". Was das ist, nun ja, eben ein Rätsel, ein Faden, der irgendwo im Meer endet und an dessen Ende ein Schatz angebunden ist, den bislang niemand heben konnte. Doch dem recht erfolglosen Schriftsteller César, angereist, um an einem Kongress in der Andenstadt Merida teilzunehmen, gelingt es auf wundersame Weise, den Faden gewissermaßen ‚aufzunehmen’.

"Und dort, am Fadenende, flog die Schatztruhe mit einem sagenhaften Knall durch die Luft, mit einer Gischtexplosion von solcher Wucht, dass sich die Truhe etwa achtzig Meter hoch erhob, dort einen Augenblick lang verweilte, um dann senkrecht herabzustürzen, bis sie, immer gezogen von dem sich verkürzenden Faden, unversehrt auf die Steinplatte aufschlug, einen Meter neben der Stelle, wo ich sie erwartet hatte."

Allein dieser kleine Textausschnitt mag zeigen, wo wir uns, literarisch gesehen, befinden: Mitten in einer Parabel, in einem Märchen, das allerdings durch die Ich-Erzählung realistische Glaubhaftigkeit einfordert, denn wovon uns der Schriftsteller hier berichtet, muss ja wohl auch erlebt worden sein. Zumindest ist er plötzlich, als die Truhe sich öffnet, ein reicher Mann. "Die Taschen voller Geld" macht er sich wie ein Peter Schlemihl auf den Weg zum Schriftstellerkongress. Und ganz gleich, ob wir uns von nun an in einer Traumvorstellung befinden, Halluzinationen oder wilden Fantasien folgen, der Autor César Aira oder auch der Schriftsteller in dem Roman wird immer behaupten, alles sei so geschehen, wie er es beschrieben hat.

Was nun auf den folgenden 100 Seiten seines sogenannten "Berichts" zu lesen ist, gleicht einer Geisterbahnfahrt durch das Labyrinth menschlicher Vorstellungskräfte, bewundernswert in seiner Vielfalt und Buntheit, oder auch irritierend wie übergeschnappte Ideen und Theorien, vor denen man sich nur retten zu können glaubt, indem man sich von ihnen abwendet. Eine kurze Zusammenfassung des Handlungsverlaufs dieses Kurzromans läuft Gefahr, das ganze Buch der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn wie soll man kolportieren, dass der Schriftsteller César eine Klonmaschine erfunden hat, mit deren Hilfe er seinen berühmten mexikanischen Kollegen Carlos Fuentes, der ebenfalls zu dem Literaturkongress kommt, unendlich oft vervielfältigen möchte. Wie kann man verstehen, dass durch einen zufälligen Mutationsfehler aus diesem Fuentes überdimensionale Seidenraupen werden, die gefräßig über die Stadt Merida herfallen. Was hat bei dieser Überdimensionierung des Fantastischen noch eine kleine Liebesgeschichte für einen Sinn, die auf einem Boulevardtheater aufgeführt werden könnte. Und unter all diese grotesk wirkenden Ereignisse mischt der Autor jede Menge philosophische Ideen, spickt seinen Text mit Anspielungen auf Autoren und mediale Phänomene wie die in Südamerika über alles geliebten Telenovelas.

Nicht selten weiß man beim Lesen dieses kleinen Romans nicht mehr, wo einem der Kopf steht angesichts dessen, was dem Erzähler, wie er sagt, so alles "durch den Kopf gegangen" ist. Grundlegend ist zumindest die Verquickung der Idee der Vervielfältigung, der Spiegelung von Figuren und der realistischen Illusion, ein unverwechselbares Merkmal alles Literarischen. Diese Gedanken entwickelt der Erzähler an zwei Beispielen, um danach auf sich selbst als Schriftsteller zu sprechen zu kommen:

"... wenn Adam der einzige Mann und Eva die einzige Frau auf Erden waren, dann konnte Adams Frau, die abwesende Frau, deren Existenz ihn daran hinderte, seine Liebe mit Eva zu leben, niemand sonst als Eva selbst sein. Die Idee (... ich glaube, es ist meine Idee von Literatur schlechthin) hatte darin bestanden, etwas Gleichwertiges zu schaffen wie die zugleich realistischen und unmöglichen Konstruktionen von Eschers Belvedere, die auf der Zeichnung aussehen, als wären sie begehbar, sich aber nicht nachbauen lassen, da es lediglich eine perspektivische Illusion ist. So etwas kann man auch schreiben, allerdings nur, wenn man dabei sehr inspiriert und konzentriert vorgeht. Ich jedenfalls scheitere immer wieder an der Übereilung, an der Hektik, mit der ich es zu Ende bringen will, und weil ich um jeden Preis gefallen will."

Während die Logik von César Airas Adam-und-Eva-Geschichte etwas konfus klingt, deutet der Verweis auf die illusionistische Architektur in den Zeichnungen des niederländischen Künstlers Escher auf die Konstruktion und Absicht von Airas eigenen Romanen hin. Wie viele er bislang geschrieben hat, scheint unklar zu sein, er selbst hat jüngst einmal die Zahl 80 genannt, bei uns ist im Laufe der vergangenen Jahre ein knappes Dutzend an verstreuten Orten erschienen. Allein 2011 veröffentlichte er vier Romane. Unbenommen hat César Aira seine Fangemeinde, die das Sprunghafte und Groteske seiner Literatur lieben und verehren. Besonders in Argentinien wird er mit Jorge Luis Borges verglichen und in die Tradition der fantastischen Literatur Lateinamerikas gestellt.

"Der Literaturkongress" erschien bereits 1997 und gilt als eines seiner herausragenden Werke. Man kann Verlagen wie Ullstein und Klaus Laabs, der die Vorlage flüssig übersetzt hat, nur dafür danken, uns diesen eigensinnigen und oft auch etwas verstiegenen Autor näherzubringen. Zumindest ist für den, der den Autor noch nicht kennt, "Der Literaturkongress" ein guter Einstieg in dessen Werk und äußerst empfehlenswert unter dem Vorbehalt, dass man Schriftstellern nie alles glauben darf, was sie uns erzählen. Angemerkt sei noch, dass man dank der Hilfe eines Computerprogramms Eschers Aussichtsturm Belvedere inzwischen tatsächlich nachbauen kann, was nichts anderes beweist, als dass selbst das Unwahrscheinlichste ohne einen realen Grund nicht auskommen kann. Die Illusion wäre dann allein das Produkt unserer sich allzu gern täuschen lassenden Wahrnehmungen. Liest man César Airas Roman unter dieser Prämisse, kann er viel Vergnügen bereiten, man darf nur nicht zu viel Bedeutung in ihn hineindenken.

César Aira: Der Literaturkongress. Roman.
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs.
Ullstein Buchverlage, Berlin 2012. 108 S., 18 Euro

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