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StartseiteEuropa heuteWie geht feministische Außen- und Handelspolitik?04.06.2018

Gleichberechtigung in Schweden (1/5)Wie geht feministische Außen- und Handelspolitik?

In Schweden bezeichnen sich auch viele Männer ganz selbstverständlich als Feministen. Gleichberechtigung der Geschlechter ist in dem Land offizielle Staatsräson. Aber wie macht man eigentlich feministische Politik? Ein Treffen mit schwedischen Ministerinnen.

Von Victoria Reith

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Die schwedische Handelsministerin Ann Linde und Irans Vizepräsidentin für Frauen- und Familienangelegenheiten, Shahindokht Molaverdi, unterzeichnen ein Abkommen in Teheran. (AP Photo - Ebrahim Noroozi)
Schwedens Handelsministerin Ann Linde (l.) und Irans Vizepräsidentin für Frauen- und Familienangelegenheiten Shahindokht Molaverdi in Teheran (AP Photo - Ebrahim Noroozi)
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Vielleicht das schönste und beeindruckendste Publikum, das sie je gehabt habe, sagt Schwedens Außenministerin Margot Wallström. Schön für sie ist in dem Fall vor allem, dass ohnehin schon alle auf ihrer Seite sind. Geschlechtergerechtigkeit im internationalen Dialog ist das Thema, wer könnte etwas dagegen haben?

700 Aktivisten, Beamte, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler sind aus der ganzen Welt angereist. Junge, Ältere, Frauen, aber auch Männer, mit Kopftuch, Saris, Hosenanzügen, Jeans. Das Stockholm Forum on Gender Equality ist auch eine Gelegenheit für Wallström, Werbung zu machen für die eigene Regierung, die seit dreieinhalb Jahren offiziell feministisch ist.

"Das ist nicht nur die richtige Politik, es ist auch eine smarte Politik. Wenn wir mehr Gleichstellung leben, dann geht es uns wirtschaftlich besser – wir können ja nicht das Potenzial der halben Bevölkerung einfach liegen lassen."

Grundkurs in Gleichberechtigung für die Regierung

Die Minister und Staatssekretäre der feministischen Regierung bekamen zu Beginn ihrer Amtszeit erst einmal eine Ausbildung in Gleichberechtigung. Jedes Ressort soll Gleichstellung von Grund auf mitdenken. Als Ergebnis kann die feministische Regierung bisher aufweisen, dass sie mehr in die Geburtshilfe und in die Behandlung von Frauen in Notaufnahmen investiert. Außerdem sollen bis 2030 genau so viele Frauen wie Männer einen Lehrstuhl an der Uni haben. Und von der Kita bis zu Uni sollen Geschlechter-Stereotypen aufgeweicht werden.

Schwedens Außenministerin Margot Wallström macht Ländern Druck, die es mit Frauen- oder Menschenrechten nicht so genau nehmen (Deutschlandradio / Victoria Reith)Schwedens Außenministerin Margot Wallström macht Ländern Druck, die es mit Frauen- oder Menschenrechten nicht so genau nehmen (Deutschlandradio / Victoria Reith)

Auf der Konferenz wollen Wallström und ihre Minister-Kolleginnen Isabella Lövin und Ann Linde zeigen, was sie mit feministischer Außenpolitik meinen. Schweden ist noch bis Ende dieses Jahres nichtständiges Mitglied im UNO-Sicherheitsrat. Auch dort will Wallström die Agenda beeinflussen:

"Wir stellen die Frage: Wo stehen die Frauen? Jetzt findet das mehr Ausdruck in der Sprache, in Resolutionen, und wir haben, finde ich, sehr effektiv daran gearbeitet.

Die schwedische Außenministerin hält sich zugute, dass jetzt in allen UNO-Krisenresolutionen explizit die Sicherheit von Frauen erwähnt wird.

Gleichstellung auch außenpolitisch offensiv vertreten

Vor drei Jahren verursachte Wallström eine diplomatische Krise, als sie Saudi-Arabiens Umgang mit Menschenrechten als mittelalterlich bezeichnete. Als ihr daraufhin eine bereits verabredete Rede zu "Frauenrechten" vor der Arabischen Liga verwehrt wurde, stornierte Schweden prompt einen Waffendeal mit Saudi-Arabien.

Dass feministische Außenpolitik diplomatische Fallstricke bereit hält, bekam vor rund einem Jahr auch Handelsministerin Ann Linde zu spüren. Sie reiste mit einer Delegation in den Iran – von 15 Mitgliedern zwölf Frauen – und sie alle trugen Kopftuch. Im Iran ist der Hidschab für Frauen Pflicht. Fotos der Delegation gingen schnell viral. Von einem "Walk of Shame" schrieben Aktivisten, und von einem Zugeständnis der feministischen Regierung an die frauenfeindliche Politik des Iran.

Auf der Konferenz zur Geschlechtergerechtigkeit regt sich Handelsministerin Ann Linde im kleinen Kreis mit Journalisten immer noch darüber auf. Und was bitte, fragt Linde, wäre die Alternative gewesen?

"Ich könnte natürlich sagen: Ich bin zwar eine weibliche Ministerin, aber bitte, kann ein Mann mir helfen? Ich kann nämlich zu keinem meiner sieben Meetings gehen. Ich kann nicht die Grundsatzvereinbarung zur Ermächtigung von Frauen unterzeichnen, weil ich entschieden habe, dass nur Männer für die schwedische Regierung sprechen können und keine Frauen."

Weibliche Ministerpräsenz hatte ein Medienecho im Iran

Im Iran habe die starke Präsenz weiblicher Politiker aus Schweden ein starkes Signal gesendet.

"Als wir da saßen – all diese Frauen, und auf der anderen Seite natürlich ausschließlich Männer – das hat für eine Menge Artikel in den iranischen Medien gesorgt."

Lena Ag, Schwedens oberste Gleichstellungsbeauftragte (Deutschlandradio / Victoria Reith)Lena Ag, Schwedens oberste Gleichstellungsbeauftragte (Deutschlandradio / Victoria Reith)

Die Kritik an Ann Linde gehe am Thema vorbei, findet auch Schwedens oberste Gleichstellungsbeauftragte, Lena Ag:

"Es ist ja nicht so, dass Schweden geschwiegen und keine Kritik geäußert hätte in Sachen Menschenrechte und Gleichberechtigung im Iran."

Die blonde Frau Anfang 60 ist die Generalsekretärin der erst fünf Monate alten Gleichstellungsbehörde in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg.

"Das müssen schon alle gesellschaftlichen Akteure machen"

An diesem sonnigen Frühlingstag ist Lena Ag Ehrengast bei der Jahresversammlung des schwedischen Komitees der Gleichstellungsorganisation UN Women in Stockholm. Beim traditionellen schwedischen Fika – Kaffee mit Zimtschnecken – tauschen 30 Frauen und zwei Männer Neuigkeiten aus und bewundern ein mitgebrachtes Baby. Dann kommt Ehrengast Ag.

"Wir sind der Nabel der schwedischen Gleichstellungsarbeit. Aber es sind nicht wir, die die Gleichberechtigung bewerkstelligen werden, das müssen schon alle gesellschaftlichen Akteure machen, weil Gleichstellung ein Gesellschaftsauftrag in Schweden ist."

Ihr neues Institut liefert allen anderen schwedischen Behörden einen feministischen Unterbau: mit Seminaren, Konferenzen und wissenschaftliche Analysen. An ihrem Blazer trägt die oberste Gleichstellungsbeauftragte einen Anstecker in Form einer Brille – auf einem der kreisrunden Gläser ist der Pfeil für "männlich", auf dem anderen das Kreuz für "weiblich"; sie nennt sie die "Gleichberechtigungsbrille". Durch sie will sie die Gesellschaft betrachten – und mit ihrer neuen Behörde dafür sorgen, dass alle anderen Schweden die Welt mit ihren Augen sehen.

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