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Gleichberechtigung in Schweden (3/5)Sex kaufen ist illegal, aber Sex verkaufen nicht

Schwedens Sexkaufgesetz kriminalisiert Freier - aber am Ende treffe es die Prostituierten, meinen Kritiker wie Pye Jakobsson. Sie halten die aktuelle Gesetzgebung für inkonsequent: Wer Prostituierten helfen wolle, solle nicht ein Opfernarrativ um sie bauen, sondern ihren Job als Arbeit anerkennen.

Von Victoria Reith

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Pye Jakobsson steht der Rose Alliance vor, einer Interessenvertretung für Sexarbeiter in Schweden (Deutschlandradio / Victoria Reith)
Pye Jakobsson steht der Rose Alliance vor, einer Interessenvertretung für Sexarbeiter in Schweden (Deutschlandradio / Victoria Reith)
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Pye Jakobsson sitzt in einer Hotelbar unweit des Hauptbahnhofs von Stockholm. Die blonde Frau Anfang 50 spricht schnell und viel. Pausen macht sie eigentlich nur dann, wenn sie einen Schluck aus dem Glas mit Weißwein nimmt, das neben ihr steht. Sie trägt schwarzen Lidstrich, große, raschelnde Ohrringe und über dem dekolletierten Kleid eine lange, goldene Kette.

Jakobsson ist Vorsitzende von "Rose Alliance", einer Interessenorganisation für Sexarbeiter in Schweden. Sie findet: Die schwedische Gesetzgebung macht es Prostituierten in Schweden unmöglich, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

"Mit dem Sexkaufgesetz hat man ein sehr spezifisches Narrativ aufgebaut, was eine Sexarbeiterin ist, wie man über sie berichtet. Stereotyp sind die Frauen immer Opfer. Sie sind immer Übergriffen ausgesetzt, sind jung, haben kein Selbstwertgefühl, sie nehmen alle Drogen, sie werden immer in etwas reingelockt und machen nie etwas aktiv."

Sie kritisiert auch die Gesetze zum Mietrecht und zur Zuhälterei. Die sorgten dafür, dass Vermieter die Prostituierten aus ihren Wohnungen werfen, wenn sie dort Freier empfangen, erklärt Pye Jakobsson.

Die meisten arbeiten aus ökonomischen Zwängen

Der Polizei macht sie Vorwürfe, weil sie die Freier in den Wohnungen aufspürt:

"Die machen einen grauenhaften Job. Ich habe ein Problem mit der Art und Weise, wie sie arbeiten, und mit ihrem Fokus."

Die Polizei sorge dafür, dass Frauen aus ihren Wohnungen vertrieben werden. Aus Angst davor würden viele schwedische Prostituierte sich nun nicht mehr trauen, sich bei der Polizei zu melden, wenn ein Freier gewalttätig wird. Ausländische Frauen würden die Polizei nicht mehr einschalten aus Angst, abgeschoben zu werden.

"Frauen aus dem Ausland werden oft ausgeraubt, mit Pistolen oder Messern bedroht, vergewaltigt und erpresst. Und ich höre oft, dass das mehr geworden ist."

Obwohl Gewalt vorkomme, sei Prostitution nicht automatisch Zwangsarbeit. Die meisten würden schließlich aus ökonomischen Zwängen arbeiten, und bei einer Krankenschwester spreche ja auch niemand von Zwangsarbeit.

Das Sexkaufgesetz, so schildert die Prostituierte Pye Jakobsson es, ziele auf die Freier ab, treffe aber die Frauen. Wer etwas für die Frauen tun wolle, müsse Prostitution als Arbeit anerkennen.

"Prostitutionsgruppe" der Polizei überbeschäftigt

Nur ein paar Minuten Fußweg von hier sieht man das ganz anders. Hier liegt die Polizeistation, ein herrschaftliches Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Drinnen, in der Polizeikantine, ist es weit weniger prachtvoll. Auf Holzstühlen in verschiedenen Grüntönen sitzen eine Frau und ein Mann in Zivil und trinken Cola und Kaffee, Hauptsache Koffein, typisch Polizisten, scherzen sie.

Marie Arnberg und Peter Åström gehören zur "Prostitutionsgruppe" innerhalb der Stockholmer Polizei. Insgesamt sind sie zu sechst, könnten aber doppelt so viele sein, und wären immer noch rund um die Uhr beschäftigt, sagt Peter Åström, ein ruhiger Typ mit Glatze und Kapuzenpulli. Sie reagieren auf Hinweise aus der Bevölkerung:

"Wir werten diese Tipps aus und gucken, ob sie ernst zu nehmen sind. Und wenn sie Substanz haben, machen wir weiter und fahnden nach dem Objekt, dem der Tipp gilt."

Das Objekt ist meistens männlich und befindet sich in einem Zimmer oder einem Hotel, in dem eine Frau – oder ein Mann – Sex verkauft.

"Wir sind auch für Ratschläge, Hilfe und Schutz da"

Dass ihre Arbeit mit Schuld daran sei, dass Prostituierte aus ihren Wohnungen rausmüssen, bestreiten die Polizisten. Marie Arnberg, kinnlange, blonde Haare, ernster Blick, wägt ab:

"Klar trifft das die Frauen hart, das kann ich gut verstehen, aber wir sind auch da, um Ratschläge zu geben und Hilfe und Schutz zu bieten."

Der Kontakt zu den Frauen sei sogar relativ gut.

"Wir versuchen, ihnen da rauszuhelfen. (...) Vermitteln Traumatherapie, Kontakt zu Hilfsorganisationen oder Frauenhäusern. Wir wollen zeigen, dass es Hilfsangebote gibt und die bieten wir jedes Mal an, wenn wir junge Frauen treffen."

Deshalb hat die Einheit auch eine eigene Sozialarbeiterin.

Dass es Prostituierte gibt, die freiwillig ihren Körper verkaufen, wie Pye Jakobsson von der Sexarbeiterorganisation Rose Alliance argumentiert, glaubt die Polizistin Marie Arnberg nicht. Dahinter stecke immer ein kriminelles System, meint Peter Åström:

"Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Prostitution und Zuhälterei. Und ich gehe sogar noch weiter und sage, es gibt einen Zusammenhang zwischen Menschenhandel zu sexuellen Zwecken und Prostitution."

"Wir brauchen Gefängnisstrafen"

Die Statistik belegt noch nicht, dass durch ihre Arbeit die Prostitution zurückgehe. Aber die Polizisten machen trotzdem einen Unterschied, glaubt Marie Arnberg:

"Wir haben alle das begründete Gefühl, dass wir nützliche Arbeit machen. Wir haben so ein großes Kontaktnetzwerk mit sowohl Prostituierten und auch Männern, die Sex gekauft haben. Auch wenn ich jetzt keine Zahlen vorlegen kann. Es gibt eine Veränderung in der Einstellung und das ist meine höchstpersönliche Erfahrung, jedenfalls in Stockholm, wo wir arbeiten."

Bisher wurden nur Bußgelder für Freier ausgesprochen. Für Peter Åström zu wenig, um die Nachfrage zu senken.

"Wir brauchen in Schweden Gefängnisstrafen. Ich spreche gar nicht von mehreren Monaten, sondern von ein paar Wochen, die diese Männer bloßstellen. Bisher kriegen sie die Rechnung fürs Bußgeld per Post und keiner erfährt, dass sie bei einer Prostituierten waren."

Peter Åström ist sich sicher: Die Mehrheit der Bevölkerung befürworte, dass der Kauf von Sex verboten ist. Sonst gäbe es das Gesetz ja gar nicht. Er ist stolz, dass sein Land Vorreiter ist. Und er würde sich wünschen, dass viele andere Länder Schwedens Beispiel folgen.

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