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StartseiteEuropa heuteWelchen Unterschied macht das Geschlecht in der Kita?08.06.2018

Gleichberechtigung in Schweden (5/5)Welchen Unterschied macht das Geschlecht in der Kita?

Gleichstellung und die Absage an Geschlechterstereotypen werden in Schweden schon in der Vorschule vermittelt. Zum Beispiel in der Kita "Seefahrer-Vorschule". Dort gibt es eine eigene Geschlechterpädagogin - und ein Mädchen wird auch schon mal mit "er" bezeichnet, wenn es das wünscht.

Von Victoria Reith

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10.01.2018, Hessen, Offenbach:  Ein Spielzeug-Zug im Aufenthaltsraum der städtischen Kita «Am Hafen». Ein Projekt in der Kindertagesstätte mit ungewöhnlich langen Öffnungszeiten droht zu scheitern, weil Erzieherinnen fehlen. (zu dpa "Noch vor dem Start: Langzeit-Betreuung für Kita-Kinder droht das Aus" vom 30.01.2018) Foto: Fabian Sommer/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Jungs- oder Mädelsspielzeug? Blöde Frage, findet man in schwedischen Kindergärten und will mit solchen stereotypen Einteilungen gar nicht erst anfangen. (dpa)
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In der Sjöfararens Förskola, der Seefahrer-Vorschule, sind die Kleinsten – zwischen einem und zwei Jahren – gerade vom Mittagsschlaf aufgewacht. Einige sitzen in Bananenkisten, andere spielen mit Milchkartons. Drei blonde Kinder laufen durch den Raum und brüllen wie Raubtiere.

Im Vorraum hängen Jacken, im Sandkasten draußen liegen Förmchen – eigentlich ein ganz normaler Kindergarten. Doch die Vorschule in Hammarbyhöjden, einem Vorort im Süden von Stockholm, hat mit der 54-jährigen Elis Storesund eine eigene Geschlechterpädagogin – das ist auch in Schweden noch ungewöhnlich. Ihr geht es um nicht weniger als darum, im Kindergarten die Unterscheidung zwischen Mann und Frau aufzuheben, erklärt Storesund:

"Wenn wir immer wiederholen, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, erhalten wir die Machtunterschiede aufrecht. Dass Männer die Norm sind und wir Frauen nicht genauso viel Macht haben. Aber es gibt größere Unterschiede innerhalb des Geschlechts als zwischen Mann und Frau."

"Der Erzieher hat sich gefragt, ob es an den Vorbildern liegt"

Nebenan, bei den etwas Älteren, wird gebastelt, gebaut, gemalt. Alle Wände hängen voller Bilder mit Mustern, die Fenster sind bunt bemalt, Hölzer und Farben liegen so niedrig in den Regalen, dass die Kinder selbst rankommen. Fertige Spiele wie Puzzle oder Memory gibt es hier nicht, alles wird kreativ selbst erarbeitet. Und die Kinder werden mit Dingen vertraut gemacht, die früher nicht typisch für ihr jeweiliges Geschlecht waren. Jungen lernen hier zum Beispiel tanzen.

"In der Gruppe mit den ältesten Kindern haben wir gemerkt, dass, wenn getanzt wird, die Jungen nicht mitmachen wollten. Da hat sich der Erzieher gefragt, ob es an den Vorbildern liegt und dass sie denken, dass es nicht jungenhaft ist, zu tanzen."

Elis Storesund arbeitet im Kindergarten Sjöfararens Förskola als Geschlechterpädagogin - und sieht ihre Aufgabe darin, im Kindergarten die Unterscheidung zwischen Mann und Frau irrelevant zu machen (Deutschlandradio / Victoria Reith)Die Geschlechterpädaogin Elis Storesund sieht ihre Aufgabe darin, im Kindergarten die Unterscheidung zwischen Mann und Frau irrelevant zu machen (Deutschlandradio / Victoria Reith)

Daraufhin versuchten die Erzieher, die Kinder in reine Mädchen- und Jungengruppen aufzuteilen, damit die Jungen weniger Berührungsängste haben. Das habe gar nicht funktioniert, die Jungs weigerten sich weiterhin.

"Dann haben wir eine Gruppe gemischt, und die Kinder haben dann mehrmals in der Woche getanzt. Und als alle Kinder sich daran gewöhnt hatten, haben auch die Jungen angefangen, in der Gruppe zu tanzen."

"Wir erzählen nicht noch zusätzlich, dass sie ein Mädchen ist"

Mädchen würden häufig so erzogen, dass sie brav zu sein haben. Auch dagegen arbeitet die Pädagogin Elis Storesund mit ihren Kollegen an.

"Wir wollen Mädchen beibringen, 'Stopp' zu sagen. Man sieht an den Teenagern heute, dass Mädchen noch immer sexuell belästigt werden. Jungen denken, sie hätten das Recht, das zu tun. Wir müssen schon im Kindergarten anfangen, Jungen beizubringen, feinfühlig all ihren Freunden gegenüber zu sein. Nicht nur gegenüber Mädchen. Manchmal ist es aber auch andersherum und Jungen trauen sich nicht, Nein zu sagen und Mädchen nehmen zu viel Raum ein."

Vor vier Jahren wurde in Schweden ein neues Pronomen eingeführt. Neben "er" und "sie" gibt es nun das geschlechtsneutrale "hen". So weit, die Kinder nur noch mit "hen" anzusprechen, gehen die Erzieher in der Seefahrer-Vorschule nicht. Aber:

"Es kann vorkommen, dass ein Mädchen sagt: Heute sollst du mich 'er' nennen. Okay, dann spreche ich es mit 'er' an. Wir hören darauf, was die Kinder selbst sagen. Wenn ein Mädchen sich als Mädchen identifiziert, dann respektieren wir das. Aber wir erzählen ihr nicht noch zusätzlich, dass sie ein Mädchen ist und sich auf eine gewisse Art und Weise zu verhalten hat."

Und weil in Kinderbüchern männliche Hauptfiguren die Norm sind, tauschen die Erzieher beim Vorlesen schon mal ein "er" durch ein "sie" aus, oder sie benutzen gleich das geschlechtsneutrale Hen für den eigentlich männlichen Bären.

Seit 20 Jahren gegen Geschlechter-Stereotypen

Dass Erzieher schon im Kindergarten Geschlechterstereotypen entgegenwirken sollen, schreibt die schwedische Schulbehörde seit Ende der 90er-Jahre vor.

Ein Klischee allerdings greift immer noch: Männer haben in Kindergärten – ähnlich wie in Deutschland - Seltenheitswert. Anders Olsson, Mitte 50, Erzieher im Kindergarten in Hammarbyhöjden und früher Ingenieur in der Telekommunikationsbranche, ist eine große Ausnahme: Nur zwei Prozent der Vorschullehrer in Schweden sind männlich.

Anders Olsson, Erzieher in einem schwedischen Kindergarten und als Mann eine Ausnahme in diesem Beruf (Deutschlandradio / Victoria Reith)Anders Olsson, Erzieher in einem schwedischen Kindergarten und als Mann eine Ausnahme in diesem Beruf (Deutschlandradio / Victoria Reith)

Für die Kinder selbst spiele es zwar keine große Rolle, ob die Erzieher Männer oder Frauen seien. Männlichkeit selbst sei allerdings schon ein Problem, findet Olsson:

"Im männlichen Repertoire ist Gewalt immer noch erlaubt, und das ist nicht okay. Das ist einer der Faktoren, die mich dazu bewegen, geschlechterpädagogisch zu arbeiten: der Gewalt entgegenzuwirken, die meistens von Männern ausgeht."

Olsson bemüht die Statistik: Von denjenigen, die wegen körperlicher Gewalt in schwedischen Gefängnissen säßen, seien mehr als 90 Prozent Männer.

Geschlechterpädagogik laut einer Studie erfolgreich

Die Geschlechterpädagogik wurde vor 20 Jahren von manchem in Schweden zögerlich aufgenommen, von Indoktrinierung und Genderwahn war die Rede. Heute seien die meisten Eltern aufgeschlossen, meint Anders Olsson:

"Weil alle Eltern eines Mädchens wollen, dass sie sich Gehör verschaffen und ihren Unmut äußern kann. Und wer einen Jungen hat, will, dass er sich nicht schlägt und dass er über seine Gefühle sprechen kann."

Das Konzept scheint Wirkung zu zeigen: Eine Studie der Universität Uppsala aus dem vergangenen Jahr kommt zu dem Schluss, dass Kinder, die geschlechterpädagogisch erzogen werden, weniger Vorurteile haben und häufiger mit fremden Kindern des anderen Geschlechts spielen.

Die Seefahrer-Vorschule in Stockholm könnte also ein Vorbild sein – auch wenn noch nicht alle schwedischen Eltern von der Geschlechterpädagogik überzeugt sind.

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