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StartseiteForschung aktuellGleichförmige Vielfalt22.05.2008

Gleichförmige Vielfalt

Artenreichtum der Städte gleicht sich auf der ganzen Welt

Umwelt. – Städte sind entgegen dem Stereotyp der Betonwüste durchaus vielfältige Lebensräume für zahlreiche Pflanzen und Tiere. In Punkte Artenzahl sind sie den meisten natürlichen Biotopen sogar überlegen, doch von Stadt zu Stadt gleicht sich die Fauna und Flora stark. Die Städte der Welt, so hieß es auf der Konferenz "Urbane Biodiversität" in Erfurt, seien eher Horte der Uniformierung als der Vielfalt.

Von Volkart Wildermuth

Städte, hier Tel Aviv, beherbergen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. (Stock.XCHNG / Jonathan Fain)
Städte, hier Tel Aviv, beherbergen zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. (Stock.XCHNG / Jonathan Fain)

Städte sind Inseln der Biodiversität. Je mehr Menschen auf einem Fleck leben, desto mehr Tier- und Pflanzenarten gibt es. Rüdiger Wittig, Professor für Stadtökologie an der Universität in Frankfurt am Main, hat in seiner Heimatstadt über 1300 Farne und Blütenpflanzen ausgemacht und damit mehr, als im nahegelegenen Taunus.

"Arten kommen immer dort besonders viele vor, wo verschiedene Lebensräume zusammenstoßen, wo eine große Strukturvielfalt ist, und wer einmal eine Stadt von einem erhöhten Punkt gesehen hat, der weiß, dass dort eine große Vielfalt von Strukturen ist, dass eine Stadt viel stärker gegliedert ist als beispielsweise ein Wald oder eine Wiese oder ein Kornfeld und dementsprechend haben wir dort auch mehr Arten."

Ob diese Beobachtung nur für Frankfurt gilt, oder für alle Städte in Deutschland, wollte Sonja Knapp herausfinden. Eine große Aufgabe, deshalb musste die Geoökologin ihre Wanderstiefel schweren Herzens in die Ecke stellen.

"Ich war nicht draußen, außer am Wochenende, ich sitze meist an meinem Computer."

Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle kombinierte sie große Datenbanken zu Landnutzung und Pflanzenvorkommen und konnte so belegen: In Sachen Artenvielfalt ist die deutsche Stadt dem deutschen Wald überlegen. Das positive Bild änderte sich allerdings, als Sonja Knapp nicht die bloße Zahl der Arten in den Blick nahm, sondern auch berücksichtigte, zu welchen Pflanzenfamilien sie gehören. Knapp:

"Das war eben das Überraschende. Es ist natürlich so, dass wir zum Beispiel in Städten viele Arten haben, die aber alle relativ eng miteinander verwandt sind, also letztlich alle aus den gleichen Familien kommen. Zum Beispiel Nachtkerzen sieht man viele verschiedene in Städten, oder es gibt auch viele verschieden Gräser oder Korbblütler, wo die Löwenzähne und Sonnenblumen dazugehören, da gibt es auch sehr viel verschiedene, aber das beschränkt sich dann eben auf ganz bestimmte Gruppen, die mit diese städtischen Verhältnissen besonders zurecht kommen."

Die Stadt beheimatet viele Arten aus wenigen Pflanzengruppen, denen die höheren Temperaturen, die niedrigere Luftfeuchtigkeit, die Schadstoffe und Störungen der Stadt wenig ausmachen. Dieser besondere Lebensraum wird inzwischen weltweit immer ähnlicher, wie Rüdiger Wittig beobachtet.

"Wenn Sie vielleicht vor 300 Jahren in New York angekommen wären oder in einer japanischen Stadt oder einer chinesischen Stadt, dann hätten sie allein schon an der Flora oder der Fauna gemerkt, dass Sie in einem anderen Kontinent sind. Wenn sie heute auf einem Flughafen ankommen, was ihnen da entgegenfliegt ist wahrscheinlich ein Spatz, was es bei uns auch gibt. Und was dort wächst ist ein Löwenzahn oder ähnliches, ein Knöterich, den sie genau bei uns in den Pflasterritzen finden. Das heißt also, die Städte tragen eher zu einer Vereinheitlichung bei. Es ist zwar insgesamt viel in den Städten, aber weltweit dasselbe und darum insgesamt weltweit betrachtet doch weniger."

Die Laubwälder Europas und Nordamerikas mögen dagegen auf den ersten Blick ähnlich aussehen, sie bestehen aber aus völlig verschiedenen Arten. Dagegen kreucht und fleucht im Stadtboden immer dasselbe Getier, wie Dr. Ferenc Vilisics von der Universität Budapest herausgefunden hat.

"”Wir haben verschiedene europäische und eine Stadt in Nordamerika untersucht und überall dieselben Asseln, Würmer und andere Wirbellose gefunden. Die Bodenfauna dieser Städte ist sich sehr ähnlich.""

Auch wenn die Stadt einer Lebensgemeinschaft aus unzähligen Tier und Pflanzenarten Raum bietet, lässt sich die weltweite Biodiversität deshalb nicht über die Biodiversität der Städte erhalten. Trotzdem ist die Vielfalt der städtischen Fauna und Flora extrem wichtig, meint Rüdiger Wittig.

"Wenn wir die biologische Vielfalt der Welt erhalten wollen, dann müssen schon Kinder im frühen Alter, müssen Jugendliche, müssen eigentlich alle Menschen in Kontakt mit Biodiversität kommen. Sie müssen sehen, dass das etwas Interessantes sein kann, dass da etwas Spannendes ist. Die meisten Menschen der Welt leben in Städten, es werden immer mehr. Und darum ist es wichtig, so etwas in der Stadt zu haben, damit man überhaupt eine Beziehung dazu bekommt. Damit man es kennenlernt. Denn nur was man kennt, kann man schützen. Nur das, womit man gute Erfahrung gemacht hat, wird man bereit sein zu man schützen."

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