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StartseiteCampus & KarriereFrauen hören seltener den Ruf07.03.2014

Gleichstellung an UniversitätenFrauen hören seltener den Ruf

Beim Thema Gleichstellung sind die Universitäten noch lange nicht angekommen. In einer Befragung des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung gab mehr als ein Drittel der Professorinnen in Nordrhein-Westfalen an, sich schon einmal bei einem Berufungsverfahren diskriminiert gefühlt zu haben.

Von Laura Schneider-Mombaur

Weiterführende Informationen

Schwerpunktthema: Frauen an der Macht (Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 06.03.2014)

Frauenquote: Maas kündigt Gesetzentwurf an (Deutschlandfunk, Aktuell, 19.01.2014)

Wird durch die Frauenquote das Management weiblicher? (Deutschlandfunk, PISAplus, 23.11.2013)

Jede dritte Professorin hat sich schon einmal während ihres Berufungsverfahrens mit der oder dem Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung gesetzt. Mit rund 26 Prozent gaben Frauen fünfmal häufiger Benachteilungen an als Männer. Und sie wurden dabei dreimal so oft im Berufungsverfahren auf ihre Familienplanung angesprochen.

Diskriminierung ist ein Tabuthema

Doch das Thema Diskriminierung ist gerade unter jungen Professorinnen ein Tabu. Denn wer sich öffentlich beschwert oder juristische Schritte einleitet, kann davon ausgehen, dass es vielleicht negative Konsequenzen für die akademische Laufbahn haben wird. Es war nicht einfach eine Frau zu finden, die öffentlich über die Diskriminierungen an deutschen Hochschulen spricht. Telefonieren, ja. Aber im Radio? In einer anonymen, repräsentativen Umfrage des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung an allen NRW-Hochschulen, zeigen Zahlen, was sich kaum einer auszusprechen traut: Bereits im Berufungsverfahren fühlen sich knapp 40 Prozent der Frauen diskriminiert.

Kunsthochschule Kiel. Die Kunsthistorikern Christiane Kruse hat selbst jahrelang Diskriminierungen erlebt. Jetzt hat sie eine feste Professorenstelle und kann offen über ihre Erfahrungen sprechen. Zunächst sah nach ihrer Promotion alles ganz viel versprechend aus: "Ich war dann fertig mit der Habilitation und dachte, jetzt geht es los, ab in die erste Bewerbungsrunde - und zack landete ich auf Platz Zwei. Auf Platz Eins vor mir ein Mann. Und das hat sich dann 15mal mehr oder minder so wiederholt, dass ich also schier verzweifelt war, weil ich quasi immer in einem erfolgreichen Verfahren war und immer dann auf Platz Zwei hinter einem Mann gelistet wurde."

Männliche Bewerber werden bevorzugt

Einmal sagt der Erstplatzierte ab, doch rutscht sie nicht, wie üblich, nach vorn, sondern ein neuer männlicher Bewerber aus dem Bewerberpool wird auf Platz Eins gesetzt. Neue Gutachter werden bestellt. Ein anderes Mal in Österreich landet sie im Berufungsverfahren sogar auf Platz Eins.

Kruse: "Aber der Präsident der Universität wollte nun partout nicht mich, sondern einen Mann. Und zack, bekam ich zwar einen Ruf, der wurde mir aber nach vier Wochen wieder entzogen, weil man lieber den Mann hatte." Der Präsident der Uni habe eigenmächtig kurzerhand die inhaltliche Ausrichtung der Stelle geändert, sagt Christiane Kruse.

Frauen machen auch gute Erfahrungen

Natürlich. Es gibt auch Frauen, die unterstützt werden. Professorin Nele McElvany ist Mitte dreißig und hat eine Traumkarriere hingelegt: Promotion und Habilitation am Max-Planck-Institut, dann - sozusagen ohne Verschnaufpause - hat sie die Leitung des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund übernommen. Die dreifache Mutter hat gute Erfahrungen gemacht: "Ich würde sagen, dass ich an allen Karrierestellen auch gefördert worden bin vom männlichen Direktor einer Arbeitsgruppe oder auch nachdem ich die erste Berufung absolviert hatte. Dann ist man ja wieder am Anfang einer neuen Phase, auch, wenn sie andere Vorzeichen hat. Aber auch da würde ich sagen, dass mein Institutsleiter mich sehr gefördert hat."

Doch ihr Lebensweg ist ein Positivbeispiel der nur insgesamt rund 9000 Professorinnen an deutschen Hochschulen. Diesen stehen laut Statistischem Bundesamt immer noch gut 35.000 männliche Professoren gegenüber. Die Musikprofessorin Ute Büchter-Römer hat zehn Jahre lang versucht, einen Ruf zu erhalten: "Es hat mich also zunächst einmal sehr, sehr belastet, weil ich genau wusste, jetzt hast du alles möglich gemacht -  du bist promoviert, du bist habilitiert, alles das. Aber es ist immer noch eine Sperre. Und das hat mich also ziemlich belastet, muss ich sagen."

Quotenfrauen im Berufungsverfahren

Dann wird ihr eine Stelle als Professorin angeboten. Doch plötzlich soll sie erst vier Semester auf Probe arbeiten. Sie sagt ab. Später erfährt sie, dass der Zweitplatzierte, ein Mann, keine vier Probesemester machen musste. Oft empfindet sie sich als Quotenfrau im Berufungsverfahren. Büchter-Römer: "Ich war auf mindestens sechs Berufungslisten, und im Prinzip war ich immer die Frau, die sie mit einbringen konnten. Ich habe Dinge erlebt, die sind indiskutabel. Diese Dinge laufen auf der Hinterbühne ab und zwar ganz heftig."

Ein Fall von Diskriminierung? Fast ein Viertel der Professorinnen in NRW geht nicht davon aus, dass Professuren immer nach Qualifikation besetzt werden, doch "klagen kann man in solchen Fällen nicht, weil sich das schnell rum spricht und dann wird man auch gar nicht mehr eingeladen.  Man muss still leiden und ertragen", sagt Christiane Kruse.  "Ich habe mich natürlich gefragt, was liegt da vor, was ist mit meiner Person. Man kommt in Selbstzweifel und beim ersten, zweiten, dritten Mal denkt man, dann wird es das vierte Mal. Es ist wirklich zum Heulen. Das geht wirklich bis an die Substanz der Psyche und das überträgt sich auf die Familie, das ist überhaupt nicht lustig."

Grundproblem Berufungskommission

Christian Kruse sitzt heute selbst auf der anderen Seite. Sie ist Gender-Beauftragte ihrer Hochschule. Doch geändert hat sich bisher wenig. Ein Grundproblem seien die Berufungskommissionen, sagt Kruse. Denn die sind meist nicht paritätisch mit Frauen besetzt. In den letzten 20 Jahren ist die Zahl der Professorinnen von 12 auf gut 20 Prozent angestiegen. Sollte es in dieser Geschwindigkeit weitergehen, ist das  Problem an den Hochschulen erst gegen Ende des Jahrhunderts gelöst.  

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