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StartseiteBüchermarktGlobalisierung im 19. Jahrhundert26.06.2007

Globalisierung im 19. Jahrhundert

Berliner Historiker streitet für neue Perspektive in der Wissenschaft

Sebastian Conrad, Juniorprofessor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, plädiert für ein transnationales Geschichtsverständnis. Das stößt bei der älteren Historikergeneration auf Vorbehalte. Was Conrad meint, zeigt exemplarisch sein Werk "Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich".

Von Uwe Pralle

Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1896. (AP Archiv)
Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1896. (AP Archiv)

Historiker haben es meistens eher mit den langwierigen Vorgängen in vergangenen Epochen zu tun, doch in der Realität ihres Fachs gibt es natürlich auch Tages-Herausforderungen. Und dazu gehören etwa die Scharmützel um Paradigmen der Historik, wenn eine jüngere Generation ans Ruder kommen will. Das scheint momentan hierzulande im Gang.

"Tatsächlich hat ja etwa Thomas Kuhn in seinem großen Buch über die Paradigmenwechsel beschrieben, dass neue Ansätze sich im Grunde erst dann durchsetzen, wenn die Generation abtritt, die die älteren Paradigmen verfochten hat. In gewisser Weise könnte man das auch für die Gegenwart behaupten","

sagt Sebastian Conrad, Juniorprofessor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin, einer der jüngeren Historiker, von denen jetzt allmählich andere Impulse kommen, als sie von den Michael Stürmers, Arnulf Barings oder Hans-Ulrich Wehlers gewohnt waren. So hat sich Sebastian Conrad in seinem Buch "Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich" jetzt aufs Terrain einer sogenannten transnationalen Geschichte begeben, und das nicht unbedingt unter dem Beifall der älteren Kollegen.

""Also die Ansätze, die transnational ausgerichtet sind, über die Nationalgeschichte hinausblicken - man kann jetzt nicht sagen, dass das eine Front der Ablehnung ist von Seiten der älteren Generation, aber man kann doch sagen, dass es vor allem jüngere Historiker sind, die sich dafür interessieren. Dafür gibt es verschiedene Gründe, da gibt es natürlich biografische Gründe. Das ist eine Generation, die die Globalisierung selber erlebt und als ihre Gegenwart begreift und vor diesem Hintergrund andere Fragen stellt. Man kann sicher auch wissenssoziologische Argumente ins Feld führen. Es ist natürlich bei vielen auch der Wunsch, sich ein wenig von dem abzusetzen, was so die älteren Herrschaften über einige Dekaden gepredigt haben. Also insofern kommen da verschiedene Momente zusammen, und gleichzeitig ist es auch so, dass es einige unter den längst etablierten Historikern gibt, die das sehr stark fördern. Also insofern darf man es nicht ganz auf eine Generationendifferenz reduzieren, aber das spielt da mit hinein."

Worin unterscheidet sich diese "transnationale Geschichte" nun also davon, was vorher unter vielen Historikern lange Zeit das gültige Paradigma gewesen ist?

"Die Geschichte des Nationalismus und auch der Gründung des Nationalstaats ist in Deutschland wie in den meisten anderen Ländern auch in der Regel intern verhandelt worden. Das heißt, man hat die Nationalbewegung, man hat die sozialen Konflikte innerhalb der eigenen Gesellschaft betrachtet und daraus eine Dynamik der Nationswerdung konstruiert. Das Ganze blendet aber aus, dass ganz ähnliche Prozesse in sehr vielen Ländern, in sehr vielen Regionen der Welt gleichzeitig stattfinden und diese Prozesse sich gegenseitig beeinflussen. Mein Argument ist also, dass wir ein System, im Grunde eine systemische Dimension mit in den Blick nehmen müssen, ein System von Nationalstaaten, deren Entwicklungsdynamik sich gegenseitig beeinflusst und nicht jeweils aus sich heraus erklärt werden kann, jedenfalls nicht allein. Mit anderen Worten: Einen Teil der Dynamik, auch der Radikalisierung etwa des deutschen Nationalismus im späten 19. Jahrhundert, können wir nur verstehen, wenn wir es vor dem Hintergrund der Interaktion mit anderen Ländern, Regionen, Gesellschaften in den Blick nehmen."

Überrascht könnte man sich fragen, ob eine Geschichtsschreibung in weltgeschichtlichen Maßstäben in Europa nicht schon im 19. Jahrhundert begonnen habe - zumal viele europäische Staaten von Portugal und Spanien bis zu den Niederlanden und Großbritannien durch ihre koloniale Expansion schon Jahrhunderte lang in globalen Horizonten handelten. Mit Blick auf das britische Empire sagt Sebastian Conrad jedoch:

"Wenn wir etwa, sagen wir mal, an die britische Tradition der Imperial History denken, da ist natürlich klar, dass für diese Historiker das Empire immer eine zentrale Rolle gespielt hat, und Verflechtungen über Grenzen hinweg, das war - wenn man so will - der gängige, der alltägliche Gegenstand. Allerdings, was neu ist in den letzten Jahren, ist, dass die Vorstellung, dass das auch die britische Gesellschaft mit geprägt und beeinflusst haben könnte, dass die erst allmählich ins Bewusstsein der Historiker gerät. Salman Rushdie hat mal den schönen Satz geprägt: "The British don't know much about their history because so much of it happened overseas." Und das kommt jetzt gewissermaßen zurück, die Einsicht, dass vieles von dem, was im Empire geschehen ist, auch die Vorstellung etwa von Englishness, von der englischen Identität, mitgeprägt hat. Und das ist, würde ich sagen, etwas Neues, auch wenn es schon eine lange Tradition der Imperial History gegeben hat."

Genau diesem Phänomen ist Conrad in seinem Buch über Globalisierung und Nation im späten 19. Jahrhundert jetzt mit Blick aufs Deutsche Kaiserreich nachgegangen. Dabei spielt genauso wie bei anderen europäischen Staaten der Kolonialismus eine entscheidende Rolle, denn er ist bei der damaligen Globalisierung die Triebfeder gewesen, nur dass das deutsche Kaiserreich auf diesem Schauplatz zum Teil eine Sonderrolle
einnahm:

"Im deutschen Fall muss man natürlich sagen im Vergleich zu Großbritannien, zu Frankreich, zu den Niederlanden beispielsweise, dass die kurze Dauer des Kolonialreichs, das ja nur 30 Jahre währte, natürlich auch beinhaltet, dass diese Rückwirkungen sehr viel weniger spürbar gewesen sind. Allerdings muss man zwei Dinge im Kopf behalten.

Das erste ist: Die koloniale Erfahrung war in Europa häufig eine, die europäisch war, die mit anderen Worten nur künstlich zwischen unterschiedlichen Nationen getrennt werden kann, also wenn wir zum Beispiel denken, dass die moderne Kunst, der Kubismus, geprägt ist durch die Auseinandersetzung mit der afrikanischen Kunst, dann geht es da nicht darum, wessen territorialer Besitz das gewesen ist, sondern es ist eine grenzüberschreitende Entwicklung. Das ist also der erste Aspekt. Und der zweite ist, dass auch in Deutschland über diese 30 Jahre hinaus die koloniale Fantasie und die koloniale Erinnerung eine sehr viel längere Geschichte aufweisen. Es gibt also koloniale Projekte schon in der frühen Neuzeit und im frühen 19. Jahrhundert insbesondere."

Mit dieser Vorgeschichte etwa in den europäischen Osten gerichteter früher Kolonialbestrebungen beschäftigt sich Conrad in dem Buch jedoch nicht. Der Schwerpunkt liegt vielmehr darauf, die transnationalen Erfahrungszonen im Kaiserreich zu umreißen: Da waren etwa die deutschen Auswanderer nach Brasilien, die in ihren recht geschlossenen südbrasilianischen Siedlungsgebieten zum völkischen Jungbrunnen wurden, indem sie die Vorstellung eines "ursprünglichen Deutschtums" zurück ins Kaiserreich spiegelten. Da waren die Debatten darüber, chinesische Kulis in der Landwirtschaft zu beschäftigen, die Ängste vor Vermischung schürten und ebenfalls zur "Ethnisierung des Nationalen" beitrugen. Und vor allem war da in den ostafrikanischen Kolonien die Mission einer oft brutalen "Erziehung zur Arbeit", bei der sich gerade die Deutschen besonders hervortaten und die umgekehrt wiederum dazu beitrug, "deutsche Arbeit" zum nationalen Wert zu überhöhen.

Ja, auch im Stolz auf das Gütesiegel "Made in Germany" finden sich Spuren dieser kolonialen Vorgeschichte. Eingebettet war die damalige Globalisierungspraxis überall im Westen in die noch weitgehend ungebrochene Auffassung, allenthalben für Weltverbesserung zu sorgen.

"Auf der allgemeinsten Ebene würde ich sagen, dass um 1900 die Ideologie der Zivilisierungsmission noch intakt war. Die Vorstellung also, dass die Zunahme von Austausch inklusive des Austausches, der über den Imperialismus, den Kolonialismus vermittelt wird, letzten Endes zu einer Angleichung der Welt führt, einer Hebung, wie man damals gesagt hat, der Völker, die noch nicht so weit sind, also zur Eliminierung von Rückständigkeit, zur allgemeinen gesellschaftlichen Verbesserung, zur Entwicklung. Und das ist eine Perspektive, die nicht nur in Europa, Westeuropa, oder den Vereinigten Staaten präsent war, sondern die im Prinzip auch von den Eliten außerhalb des Westens mitgetragen wurde."

Erschüttert wurde diese Missionsideologie erstmals durch die Folgen, die der von Sebastian Conrad im deutschen Kaiserreich beschriebene radikalisierte Nationalismus schließlich hatte:

"Es ist klar, dass der Erste Weltkrieg mit der Selbstzerfleischung Europas in gewisser Weise etwas von der Legitimität weggenommen hat, die dieses europäische Projekt besessen hat, und die Zivilisationskritik in Europa in den 20er Jahren, genauso wie etwa aus Asien, zeigt, dass das doch eine wichtige Zäsur gewesen ist."

Mit seinem Versuch, bisher lediglich als innernational verstandene Entwicklungen aus transnationalen Verflechtungen zu begreifen, gibt Sebastian Conrad auch dem Verständnis heutiger Globalisierung einige sinnvolle Impulse. Denn so wird jedenfalls dem verbreiteten Missverständnis der Boden entzogen, Globalisierung allein sei etwa schon ein Schutz vor ein für alle Mal überwundener nationaler Radikalisierung.

"Ich meine, Thomas Friedman, 'The world is flatter', das ist so die Utopie: je mehr Globalisierung, desto friedlicher wird die Welt. Es gibt die Vorstellung, dass die großen Konflikte, zum Beispiel schon der Erste Weltkrieg, das Ende von Globalisierungsprozessen, mit anderen Worten das Gegenteil von einer friedlich gedachten, homogenisierenden Form der globalen Verflechtung gewesen ist. Globalisierung produziert nicht eine einheitliche, eine uniforme Welt, sondern im Gegenteil: Homogenisierung geht einher mit der Herstellung neuer Differenzen, mit Fragmentierung. Und insofern sind die Konflikte, die wir heute beobachten, ebenso globalisierungsinduziert wie die Konflikte am Ende des 19. Jahrhunderts."

Nur auf den ersten Blick ist es paradox, dass eine transnationale Geschichte sehr wohl auch die keineswegs verschwindende Dynamik nationaler Gebilde erfassen kann. Und was nun die Vorbehalte anbelangt, die Conrads Konzept bei manchen aus der älteren Historikergeneration hervorruft, so sieht er darin eher Echos der Debatten über den deutschen Sonderweg, die in den letzten Jahrzehnten die neuere Geschichte hierzulande bestimmt haben:

"Das ist eine Perspektive, die auch durchaus eine politische Dimension hat, die möglicherweise befürchtet, dass eine Globalisierungsgeschichte die Tendenz haben könnte, den deutschen Sonderweg bis ins Dritte Reich hinein in gewisser Weise zu relativieren, indem sie bestimmte Nationalisierungseffekte als von außen induziert beschreibt. Für eine bestimmte Generation wirkt das gefährlich oder wirkt das als Problem."


Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich
C.H. Beck
445 Seiten, 39,90 Euro

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