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StartseiteBüchermarktDeutschland, Irland und der Man Booker International Prize28.04.2017

GlosseDeutschland, Irland und der Man Booker International Prize

Für deutsche Autoren auf den englischen Buchmarkt zu gelangen, ist schwierig. Mit dem Man Booker International Prize werden seit dem letzten Jahr auch Werke in einer nicht-englischen Fremdsprache ausgezeichnet. Eileen Battersby, Literaturkritikerin aus Dublin, hat sich jüngst zur Man Booker International Shortlist zu Wort gemeldet. Eine Glosse.

Von Tanya Lieske

Bücherregal (imago / Westend61)
Auch in Irland ist es schwer, von der schönsten Nebensache der Welt zu leben. (imago / Westend61)
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Dublin ist so etwas wie die heimliche Literaturhauptstadt Europas. Die Dichterdichte ist hier besonders hoch, kein Taxifahrer, der nicht einen Roman im Handschuhfach liegen hat, keine Kellnerin, die nicht an einem Roman arbeitet. Eine Art umgekehrte Wirklichkeit: Man begegnet auf der Straße scheinbar Staatssekretärinnen und Postboten, in Wahrheit handelt es sich um verkleidete Autoren, denn sie schreiben alle.

Das schon seit Jahrzehnten und auf rekordverdächtigem Erfolgsniveau. Ok, auch in Irland ist es schwer, von der schönsten Nebensache der Welt zu leben. Erst kürzlich hat der Erfolgsautor Donal Ryan – seine Bücher sind Bestseller und erscheinen in deutscher Übersetzung bei Diogenes - verkündet, er würde aus pekuniären Gründen seinen Job als Beamter wieder aufnehmen. Was sofort zu allerhand Witzen führte: Dann hätte Donal Ryan ja erst recht Zeit, weiterzuschreiben, so wie einst in den 40er-Jahren ein gewisser Regierungsbeamter namens Flann O’Brien.

Dublin ist ein Literaturbiotop. Alle wissen, was alle gerade schreiben, auch, wie hoch der Vorschuss war. Man kennt sich, liebt sich, streitet und betrinkt sich, und man kann sich nur aus dem Weg gehen, wenn man gerade auf Lesereise in Boston oder in New York ist. Freundschaften sind so dick wie Feindschaften. Am Werk des anderen herumzunörgeln kann folgenreich sein, denn es spricht sich garantiert rum. Man setze in diese Gemengelage noch einen oder zwei Literaturkritiker, deren Job es ja erwiesenermaßen ist, hin und wieder zu nörgeln! Tricky, das Ganze.

Eileen Battersby - Literaturkritikerin aus Dublin

Die Chefkritikerin des Landes arbeitet auch in Dublin. Sie ist geborene Amerikanerin, heißt Eileen Battersby, weiß viel über Kafka und folgte vor einigen Jahren John Banville im Amt der Literaturchefin der "Irish Times". Banville hatte ab jetzt wieder Zeit für seine eigenen Romane. Einige Zeit später nahm Battersby, das ist ihr Job, ein Werk von Autor A auseinander. Woraufhin sich Autor B, Freund von A, beide sind Iren, zu Wort meldete und Battersby beschimpfte, mit Vokabeln, die er sich zu diesem Zweck bei James Joyce geliehen hatte, was die Sache nicht besser machte. Eileen Battersby, und jetzt wird es für deutsche Autoren interessant, muss so etwas wie eine Risikoberechnung ihres Jobs gemacht haben, eine Kosten-Nutzenerwägung, eine Quality-of-Life-Analyse, so genau hat sie sich nicht in die Karten schauen lassen, aber sie sagte der Community of Irish Writers im wesentlichen Adieu. Wenn die was ganz Wichtiges schreiben, dann muss es eben Jemand besprechen, der oder die sich nicht gerade in Irland aufhält. Belinda McKeon in New York über den neuen Roman von Anne Enright, so was eben.

Eileen Battersby machte sich auf die Suche nach neuen, lesenswerten, nicht irischen Büchern, und sie wurde fündig. Mit dem für sie typischen Furor meldete sie vor ein paar Tagen zu Wort, als die Short List des Man Booker International bekannt gegeben wurde. Mathias Enard mit seinem "Kompass" ist auf der Liste und auch Amos Oz mit "Judas", alles schön und gut, aber wo sind die deutschen Autoren? Eine "schockierende Auslassung", schrieb Battersby in der "Irish Times", sei die Tatsache, dass Clemens Meyer mit "Bricks and Mortar" ("Im Stein") es nicht auf die Shortlist geschafft habe, und dass Lutz Seiler mit "Kruso" noch nicht einmal auf der Longlist stand.

Ärger bei irischen Autoren

Anzunehmen ist, dass sich die buchinteressierten Leser der "Irish Times" mal wieder die Augen gerieben haben. Lutz Who mag der eine oder andere gefragt haben, aber immer mit der Ruhe liebe Buchpreisgewinner, stetes Schreiben höhlt den Stein. Und was tun die vielen Autoren in Dublin mit einer Chefkritikerin, die ständig über sie hinweg nach Deutschland schaut? Nun ja, sie regen sich auf. Man kann das auch nachlesen, zum Beispiel im jüngsten Roman des noch jungen Dubliner Autoren Paul Murray. Er heißt: der gute Banker. Darin beschwert sich ein irischer Autor namens Paul über eine Kritikerin namens Mary Cutlass, die nur Romane rezensiert, in denen es wenigstens einen Gulag gibt. Man kann das nachlesen, ab Seite 230. Es ist wirklich lustig, und es geht um Jenny Erpenbeck: Die liebt Eileen Battersby ganz besonders.

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