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Startseite@mediasresQuintessenz einer Karriere07.02.2018

GlosseQuintessenz einer Karriere

Der BGH hat entschieden: Weder Einkaufswagen noch Lebensmittel waren auf dem "People"-Foto die Hauptsache. Also darf die Boulevard-Presse das Foto mit Christian und Bettina Wulff beim Shoppen veröffentlichen. Arno Orzessek findet, Christian Wulff hätte das Medien-Einmaleins besser beherrschen müssen.

Von Arno Orzessek

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(Julian Stratenschulte/dpa)
"Wegen eines läppischen Einkaufswagen-Fotos" hätte Christian Wulff nicht vor Gericht ziehen müssen, findet Arno Orzessek (Julian Stratenschulte/dpa)
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Vorab ein kurzer Fakten-Check.
Ob man nun die aktuelle "Freizeit-Revue", die "Gala", die "Frau mit Herz", die "Illu der Woche" oder "Die Aktuelle" durchblättert: Nirgendwo findet sich ein Promi-Foto mit Einkaufswagen.

Woraus folgt: Das Einkaufswagen-Sujet ist in der Regenbogen-Presse eher unüblich.

Einer Einkaufswagen-Szene am nächsten kommt noch ein investigatives Foto in "7 Tage. Das große Adelsmagazin". Es zeigt Sarah Ferguson, Boulevard-Junkies als Herzogin Fergie bekannt.

Fergie schiebt allerdings keinen Wagen. Sie trägt, außer einer papierenen Edelboutique-Tüte, eine Hermes-Handtasche, laut "7 Tage" in dieser Form nicht unter 5000 Euro erhältlich.

Und weil es um Fergies Raffgier geht, steht die eminente journalistische Bedeutung des Fotos natürlich außer Frage.

Kein öffentliches Interesse an Wulff-Einkäufen

Unser Bundespräsident a. D. aber war einfach nur im Supermarkt einkaufen, als ihn der Paparazzo  des "People"-Magazins in den Fokus nahm.

Hand aufs Herz: Gab es ein öffentliches Interesse an der Lebensmittel-Beschaffung des Christian Wulff? Nein, das gab es nicht! Die ersten Gerichts-Instanzen lagen insoweit komplett richtig.

Tja, aber noch richtiger liegt der Bundesgerichtshof, der nun genau das Gegenteil behauptet.

Der BGH in seinem Scharfsinn hat nämlich erkannt: Weder Einkaufswagen noch Lebensmittel waren auf dem "People"-Foto die Hauptsache, es waren die People Christian und Bettina Wulff.

Und die waren zum Einkaufszeitpunkt nach zünftigem Rosenkrieg... man erinnere sich: in "Jenseits des Protokolls" hatte Bettina echt fies herumgegiftet... gerade wieder ein Paar geworden. -

Gewiss, Christian Wulff hat sich unser aller Samthandschuh-Behandlung verdient. Der Mann ist schließlich ein Opfer. 

"Niemals zuvor haben die Medien unseres Landes einen Politiker so erbarmungslos verfolgt", heißt es auf dem Umschlag seines Klageliedes "Ganz oben Ganz unten".

Und falsch ist das nicht. Wulff wurde wegen Nichtigkeiten aus dem Amt gejagt, ihm wurde ein bombastischer Prozess gemacht - und er wurde freigesprochen.

Aber, sehr geehrter Bundespräsident a. D., kann es sein, dass Sie sich in der Causa Einkaufswagen trotzdem, na ja, ganz schön lächerlich gemacht haben?

Das kleine Medien-Einmaleins

Googeln Sie doch mal die Such-Begriffe 'Wulff Bunte' und klicken auf 'Bilder'! Was sehen Sie da?

Genau: Sie sehen sich und Ihre Bettina, vor Glück strahlend, mit einer Ausgabe der "Bunten" in der Hand. Wer aber knutscht auf dem Titel der "Bunten", die sie zusammen in der Hand halten, herum? Sie und Bettina. Und wie heißt der Titel? Er heißt: "Scheidung gestoppt. Sie sind wieder ein Paar."

Also, geehrter Herr Wulff: Es scheint so, als ob Sie in puncto Umgang mit den Medien auch noch nach Ihrer medial forcierten Amts-Entfernung ein bisschen naiv waren.

Wer sich so wild entschlossen an die Regenbogen-Presse heranschmeißt wie Sie, aber wegen eines läppischen Einkaufswagen-Fotos vor Gericht zieht, der verdient es, in einem Atemzug mit Lothar Matthäus und Boris Becker genannt zu werden...

Besagt doch das kleine Medien-Einmaleins: Dem Boulevard hingeben und zugleich seine Unschuld bewahren, das klappt nie. 

Amtspflichten mit der Bussy-Society

Und jetzt mal unter uns, Herr Wulff: Wir haben insgeheim schon gedacht, dass Sie um das Jahr 2010 herum eine Wette mit Karl-Theodor zu Guttenberg laufen hatten. Und zwar des Inhalts, wer von Ihnen nebst Gattin eines Tages als teutonische Inkarnation von John F. und Jacqueline Kennedy gelten würde.

Des Weiteren kam es uns so vor, als wollten Sie rund um den Bezug von Schloss Bellevue recht dringend die Botschaft verbreiten: Auch Carsten Maschmeyer gehört zu Deutschland! Sowie dessen liebe Frau Veronica Ferres. Und, na klar, die ganze Bussy-Society, mit der fotogerecht zu poussieren Sie schon als Ministerpräsident zu Ihren Amtspflichten zählten.

Bitte sehen Sie der Wahrheit mutig ins Auge, Herr Wulff: Das Einkaufswagen-Foto in "People" hat nichts anderes gezeigt als die Quintessenz Ihrer Karriere.

Rahmen Sie es ein! Geben sie ihm einen Ehrenplatz in Ihrem Wohnzimmer in Großburgwedel!

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