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StartseiteInterviewGlotz: Ausrichtung des Zentrums gegen Vertreibung ist europäisch16.07.2003

Glotz: Ausrichtung des Zentrums gegen Vertreibung ist europäisch

Peter Glotz

<strong>Müller:</strong> Am Telefon sind wir nun verbunden mit SPD-Politiker Peter Glotz, Vorsitzender der Stiftung Zentrum gegen Vertreibung. Herr Glotz, nehmen Sie die Kritiker ernst?

Glotz: Selbstverständlich muss man diese Kritiker ernst nehmen, aber sie gehen von vielen falschen Tatsachen aus. Wir wollen das genauso europäisch. Die Behauptung, dass wir das nur national wollen, ist einfach unrichtig. Sehen Sie, die erste große Aktivität dieses Zentrums war der Franz-Werfel-Menschenrechtspreis, und der ist in Armenien verliehen worden dem Institut für Genozidforschung an der Universität Bochum, das von einem Armenier geleitet wird, und einer tschechischen Gruppe. Das zeigt, dass wir keineswegs eine Renationalisierung wollen. Ich verstehe, dass Polen das fürchten, aber dieses Zentrum will es nicht. Mag sein, dass es den einen oder anderen Vertriebenenfunktionär gibt, der das will, aber dieses Zentrum ist nur handlungsfähig mit beiden Vorsitzenden, und beide Vorsitzende möchten ein europäisches Zentrum.

Müller: Sie wissen ja genauer als wir, was hinter den Kulissen diskutiert wurde und abgegangen ist. Das Thema ist ja ein wenig aus der Öffentlichkeit ausgeblendet worden in den vergangenen Monaten. Haben Sie denn eine Erklärung dafür, warum die Kritiker jetzt befürchten, es handelt sich um ein nationales Projekt?

Glotz: Also die Erklärung ist, dass der Kollege Meckel das immer schon befürchtet hat und auch diese Erklärung jetzt in Gang gesetzt hat. Das aber trifft nicht die Tatsachen. Natürlich kann man über den Standort reden. Ich bin auch keineswegs auf Berlin festgelegt, obwohl ich nicht einsehe, warum man vor Berlin, der Hauptstadt, zu der man diese Stadt nun mal gemacht hat, weglaufen soll, aber warum nicht auch in München oder sonst wo? Bitte nur nicht irgendwo am Rand der Republik, denn es soll ein Kommunikationszentrum sein, wo es viele Leute gibt.

Müller: In der Diskussion steht ja auch die Stadt Breslau als möglicher Standort. Haben Sie da etwas dagegen?

Glotz: Ich habe nicht das geringste dagegen, aber ich bin kein Wilhelminist, verstehen Sie. Ich kann nicht entscheiden, dass Breslau so etwas macht. Ich finde es völlig unverständlich, dass ein Deutscher daherkommt und sagt, das sollen die in Breslau macht. Also wenn Breslau kommt und Polen das unterstützt und sagt, wir wollen ein solches Zentrum in Breslau machen, dann ist das ein hochinteressanter Vorschlag, aber bisher haben den Namen Breslau Markus Meckel und zwei polnische Intellektuelle ins Gespräch gebracht, und ich kann mich nur erinnern, dass bei meinem Besuch in Warschau vor einigen Monaten mir sehr deutlich gesagt worden ist, dass die politische Klasse Polens keineswegs bereit ist, ein solches Zentrum jetzt doch zu machen.

Müller: Reden wir noch einmal über den Aufruf der Kritiker. Wenn wir jetzt nur von den deutschen Unterzeichnern einmal ausgehen, als Beispiel Wolfgang Thierse, Rita Süssmuth, Hans-Dietrich Genscher, Günter Grass, die haben diese Kritik unterschrieben, unterstützt. Hatten Sie denn in der Vergangenheit Gelegenheit, gerade mit ihnen auch darüber zu sprechen?

Glotz: Nein, hatte ich nicht. Die Unterschrift von Hans-Dietrich Genscher wundert mich auch, denn er ist ja ein sehr pragmatischer Politiker sein ganzes Leben lang gewesen. Wir haben auch immer eng zusammengearbeitet, aber im Übrigen ist das natürlich legitim. Diese Menschen wollen halt etwas anderes. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Ich glaube, der Widerstand richtet sich sehr stark einfach dagegen, dass der Bundesverband der Vertriebenen damit irgendetwas zu tun hat. Wenn Bund und Länder sich entschließen sollten, mitzumachen, dann kann man ja auch die Stiftung verändern, dann muss man selbstverständlich Vertreter von Bund und Länder berücksichtigen, dann kann man auch unser erstes Papier verändern. Wir sind zu diesen Gesprächen absolut bereit. Nur, das muss ich schon sagen, über die Vertreibung reden, gegen die Vertreibung kämpfen, aber sozusagen die Vertriebenen ganz rauszunehmen, die ja von heute nicht mehr zu verwechseln sind mit den Vertriebenen des Jahres 68 oder 72, das würde ich für unfair halten.

Müller: Ein Vorwurf der Historiker lautet ja, es besteht die Gefahr, dass durch dieses Zentrum mit dem Standort Berlin die deutschen Vertreibungen ein wenig aufgerechnet werden gegen die Gewalt der anderen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Besteht diese Gefahr?

Glotz: Nein, ich glaube nicht. Wir sind fest davon überzeugt, dass das nicht passieren darf, vor allem darf man das in irgendeiner Weise sozusagen mit dem Holocaust-Denkmal in Verbindung bringen. Der Mord an den Juden war eine Gewaltanwendung von anderer Größenordnung. Man darf die beiden Dinge nicht miteinander vergleichen, aber man darf natürlich schon auch über unsere Toten trauern ohne jegliche Aufrechnung. Dazu kommt, es geht überhaupt nicht nur um die Vertreibungen 1945. Das ist ja der Irrtum dieses Aufrufes, den wir heute diskutieren. Es geht genauso um die Vertreibungen auf den Balkan, um die Vertreibungen von Krajina-Serben oder Kosovo-Albanern.

Müller: Die jüngere Generation, wenn sie das liest - gestern gab es einen großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung - ist ein wenig verwundert. Wir reden über historische Ereignisse, die knapp 60 Jahre her sind. Warum ist dieses Thema denn immer noch von so vielen Empfindlichkeiten heute geprägt?

Glotz: Erstens gibt es immer noch viele Menschen, die noch leben - ich bin ein solches Beispiel - die selber vertrieben worden sind. Ich war ein Kind, aber es gibt auch noch viele ältere, die diese Vertreibung viel bewusster erlebt haben. Zweitens sind wir ja gerade dabei, unsere wechselseitigen Vergangenheiten aufzuarbeiten. Das ist auch dringend notwendig. Die Deutschen müssen sehen, dass sie die größte Schuld an all dem tragen, was 1945 passiert ist, was in den Jahren davor passiert ist und in den Jahren danach, aber selbstverständlich müssen sich auch die anderen Völker fragen, wo die entsprechenden Fehler liegen. Da sind wir mit einigen, zum Beispiel mit den Polen, inzwischen ja sehr weit gekommen, mit den Tschechen noch nicht ganz so weit, aber diese Diskussion muss weitergeführt werden, und zwar nicht in einem politisch korrekten Gesäusel, sondern man muss die Wahrheiten auf den Tisch legen und muss riskieren, dass der andere dann antwortet, und aus diesem Gespräch muss ein Dialog entstehen.

Müller: Warum tun sich denn die Tschechen mit einem offeneren Umgang beim Thema Vertreibung so schwer?

Glotz: Na ja, das hängt damit zusammen, dass sie befürchten, es könnte dann ihre Rechtsposition ins Wanken geraten. Nehmen Sie mal jetzt die aktuelle Diskussion um die sogenannten Benes-Dekrete. Das hat mit uns gar nichts zu tun. Da klagt ein alter böhmischer Adeliger aus ganz altem böhmischen Haus, der ein neunjähriges Kind war, als er enteignet worden ist, und bekommt 1,5 Hektar zugesprochen. Plötzlich rücken alle tschechischen Parteien zusammen und sagen, um Gottes Willen, da könnten die Benes-Dekrete aufgeweicht werden. Uns gegenüber sagen sie, sie sind längst obsolet. Ich meine, das ist ein Symptom der Ängste, und diese Ängste muss man ernst nehmen, aber man muss auch offen darüber diskutieren.

Müller: Vielen Dank für das Gespräch.

Link: Interview als RealAudio

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