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Glück

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke

<em> Im Februar 1945 saßen wir in einem stehenden Viehwaggon auf einer Bank, ich konnte mich nicht losreißen von der offenen Tür, durch die von der verschneiten Ebene her der Wind blies. Weg von Budapest wollte ich nach Hause, ich will kein Gast sein, deshalb diese einwöchige Reise nach Berettyóújfalu, von wo aus unsere Eltern verschleppt wurden und wir Kinder am letzten Tag vor der Deportation verschwunden sind. Hätten wir auch nur einen Tag länger gezögert, wären wir nach Auschwitz gelangt. Meine vierzehnjährige Schwester hätte vielleicht überlebt. Ich war elf; meine Klassenkameraden hat Doktor Mengele allesamt in die Gaskammer geschickt. </em>

Lerke von Saalfeld

Glück , so lautet der ironische Titel der Erinnerungen des Schriftstellers György Konrád, seine Erinnerungen an die Verfolgung und Rettung in den Jahren 1944/45. Zusammen mit seiner Schwester war Konrád ein Jahr lang in Budapest versteckt worden. "Glück" - dieser Titel stammt allerdings nicht vom Autor. Er hatte einen anderen gewählt:

Auf ungarisch der Titel dieses Buches ist Abreise und Heimkehr. Es ist eine Erzählung von einer Bewegung: von Berettyóújfalu nach Budapest und von Budapest nach Berettyóújfalu . Aber einige Menschen, die mit dem Buch etwas zu tun haben – inklusive Übersetzer, Redakteure – dachten, es ist ein schrecklicher Titel. Ich mag lieber die trockenen Titel. Aber man hat gesagt das ist wie ein Fahrplan, und ein Fahrplan ist eine trockene Lesung. Was ist das kürzeste Wort? Es kann paradoxal sein, sogar zynisch, denn es ist keine glückliche Geschichte, aber, im Leben zu bleiben ist doch Glück, andere hatten kein Glück.

Der Knabe war voller Heimweh und tief verstört in sein Heimatdorf zurückgekehrt, er suchte ein Heim, das es nicht mehr gab. Die deportierten Eltern waren noch immer verschwunden, ob sie je lebend wiederkehren würden war ungewiß. Die vertrauten Personen des Dorfes waren fremd geworden. Das Jahr der Abwesenheit, das dazwischen lag, hatte ein Grenze des Schweigens errichtet. Die Heimkehr war keine Heimkehr. Denn dort hatte ihn keiner vermißt, alle hatten sich mit seinem und dem Schicksal der anderen jüdischen Kinder abgefunden. Einige wenige hatten sich sogar darüber gefreut. Naiv also noch an Heimat zu denken, das war nicht mehr möglich. Der Heimatort war zur leeren Hülse geworden, in Budapest hatte der Knabe gesehen, wie Menschen starben. Er hatte mitangesehen, wie Juden wie Tontauben abgeschossen wurden, er hatte gesehen, wie Juden reihenweise in die Donau hineingeschossen wurden. Mit elf Jahren war er angesichts des Todes erwachsen geworden.

Auch bei Konrád hat es lange gedauert, bis er über seine persönlichen Erlebnisse der Bedrohung und der Todesangst schreiben konnte. "Glück" ist in kürzerer und veränderter Fassung bereits 1995 unter dem Titel "Heimkehr" erschienen; nun hat Konrád díe Erinnerungen noch freier fließen lassen:

Ich bin alt geworden, diese Geschichten so genau wie möglich aufzuzeichnen, wie man Geschichten aus dem Speicher der Erinnerung retten kann, man soll sie herausholen, weil alle diese Kinder, alle diese Gesichter sind Asche geworden, verschwunden. Wer weiß, wer war Bábá Blau, ein schönes Mädchen, oder Vera Klein oder Miklós Feuerstein. Was haben wir eigentlich? Wir haben Gesichter. Und da wir nicht mehr so jung sind, hinter diesen Gesichtern ist die Leere, ist ein Grabstein. Irgendwie zurückzugehen und ein wenig diese Leben zurückholen ins Leben aus dem absoluten Vergessen, ist auch eine mögliche, ja private Aufgabe, die man sich selbst gibt.

Die Erfahrung, weggehen zu müssen, um zu überleben - versteckt bei Verwandten und im Haus der Schweizer Mission – schon als Kind verfolgt zu werden ohne sich irgendeiner Schuld bewußt sein zu können, diese Erfahrung sitzt tief und wirkt auch im Alter weiter. Als der junge György Konrád nach seiner Rückkehr einen Schulaufsatz schreiben mußte zum Thema "Warum liebe ich meine Heimat", da fiel ihm nicht viel ein, denn er war schon als Kind verjagt worden. Aber gerade dieses traumatische Ereignisse hat später bei Konrád die Gewißheit gefestigt, sich nie mehr aus seinem Land vertreiben zu lassen: nicht 1956, als so viele das Land verließen; nicht 1974, als er wegen seiner Studie (zusammen mit István Szelényi) über die "Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht" inhaftiert wurde und erst durch internationale Proteste freikam; auch nicht 1978, als er endgültig Schreibverbot erhielt bis zum Jahre 1988. In dieser Zeit erschienen alle seine Romane im Suhrkamp Verlag in deutscher Sprache. Obwohl Konrád Schriftsteller-Stipendien in den USA und in Berlin wahrnahm, er kehrte immer wieder zurück – übrigens sehr zum Mißfallen der ungarischen Regierung, die hätte ihn lieber im Ausland gesehen und nicht als prominenten Sprecher der demokratischen Opposition im eigenen Land. Konrád war jedoch so angesehen als integre Stimme der Wahrheit, daß Kádár es nicht wagte, dem Autor die Rückkehr zu verweigern. Für Konrád blieb es von seiner Kindheit an bis 1989 eine Grunderfahrung, er wurde von Diktaturen verfolgt:

Es ist ziemlich plausibel, daß wenn man fühlt, daß die Behörden sind ständig meine Gegner, dann könnte ich sagen. Ich wurde tatsächlich 1989 befreit und damals war ich schon 56 Jahre alt. Der größte Teil meines Lebens ist so geflogen, daß ich unter irgendwelcher Unterdrückung von mehr oder weniger strengen, mehr und weniger dummen Diktaturen oder Autoritärherrschaften lebte. Da ich wahrscheinlich mehr eine Katzennatur als eine Hundenatur habe. Also, der Ort ist ziemlich wichtig, darum ich dachte, die sind so vorübergehende meteorologische Erscheinungen, diese Regierungen. Es war nicht ganz so, aber am andern Ort kann man dort irgendwelche Genugtuungen finden.

Konrád hatte früh gelernt, das Glück des Überlebens am Schopfe zu packen:

Einer Verkettung von gnädigen Zufällen habe ich mein Leben zu verdanken. Mit elf Jahren die trockene Objektivität kennenzulernen, daß man jederzeit getötet werden kann, und sich in einer solchen Lage nicht töricht zu verhalten, das ist eine beständige Gabe. An den Tod dachte ich im Winter 1944/45 fast ebenso intensiv wie an das Feuerholz. Daran war nichts Besonderes. Ein von mir unabhängiges Ereignis, dem nicht mehr Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben war als der Chance, beim Kartenspiel ein schlechtes Blatt zu ziehen und zu verlieren.

György Konrád hatte wirklich Glück. Er konnte seine Erinnerungen in Romanform gießen - ein Epitaph für alle, die nicht überlebten; ein Mahnmal für die, die ihrerseits das Glück hatten, nie von Vernichtung bedroht gewesen zu sein.

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