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StartseiteBüchermarktGlühende Hymne27.09.2004

Glühende Hymne

Etienne van Heerden: "Das lange Schweigen"

<em> "Ich wuchs auf einem sehr abgelegenen Bauernhof in der Karoo auf, also dem trockenen Buschland tief im Inneren Südafrikas, und bin die 12. Generation einer Schafzüchterfamilie. Da mein Vater starb, als ich 14 war, zogen wir nach Stellenbosch in die Nähe von Kapstadt. Ich denke, zuerst einmal der Verlust meines Vaters und dann der Verlust der Landschaft drängten mich, bereits in sehr jungen Jahren zu schreiben. Ich fing als Teenager an und die Karoo wurde für mich zu einem mythologischen Ort. So kehre ich in meinem Werk so wie auch in meinem letzten Roman oft in diese Gedächtnislandschaft zurück. So nenne ich sie jedenfalls. </em>

Von Johannes Kaiser

Etienne van Heerden: "Das lange Schweigen" (C. Bertelsmann Verlag)
Etienne van Heerden: "Das lange Schweigen" (C. Bertelsmann Verlag)

In der Tat ist der jetzt auf deutsch vorliegende Roman des in Afrikaans schreibenden 48jährigen Etienne van Heerden Das lange Schweigen eine betörende Feier dieser kargen, hitzeflirrenden, verblüffend buschreichen und in zahlreichen Erdfarben glühenden Landschaft, in die die Buren, die holländischen Einwanderer im 18. Jahrhundert zogen, um vor allem Schafe zu züchten. Bis zurück in die Zeit, als die ersten weißen Abenteurer in die Karoo vordrangen, führt uns der Roman, der in der Postapartheidära beginnt.

Die junge Kunstexpertin Ingi Friedländer soll im Auftrag der Kapstädter Nationalgalerie für das Parlamentsgebäude in Kapstadt die Skulptur eines Holzschnitzers erwerben, die in der Kunstwelt bereits für viel Furore gesorgt hat: der taumelnde Fischmann. Also macht sich die Kunstexpertin auf den langen Weg durch die endlose, ausgeglühte Karoo in das kleine Dorf Tallejare, um dem Künstler Jonty Jack die mannshohe Holzplastik abzukaufen. Sie ist vorgewarnt: mit dem Mann soll nicht gut Kirschen essen sein. Ruhm und Geld kümmern ihn nicht. Als Einsiedler lebt er am Bergrand außerhalb des Dorfes, ein scheuer Mann, ein Außenseiter und das hat seine guten Gründe, wie die Fremde allmählich herausbekommt.

Zwei Familien, die sich bis auf die schwarzen Ureinwohner, die Xhosa zurückführen lassen, beherrschen das Dorfleben. Sie halten zwar nicht viel voneinander, sich aber doch so eng miteinander verbunden, dass eigentlich nichts ohne ihre Einwilligung geschehen kann. Sehr ruhig und doch spannungsgeladen durch die sich langsam enthüllenden Familiengeheimnisse breitet Etienne van Heerden sein Generationen-Tableau aus. Zwei Ereignisse spielen dabei eine entscheidende Rolle:

Während des 2. Weltkrieges wurden italienische Kriegsgefangene, die in Nordafrika gefangen genommen worden waren, nach Südafrika gebracht und dort auf Bauernhöfen als Arbeitskräfte eingesetzt und einer der Kriegsgefangenen arbeitete auf der Farm unserer Familie. Mein Vater war damals ein junger Mann Anfang 20 und dieser Italiener hat ihm einen Ledergürtel geknüpft - Sie können sehen, wie er geflochten ist, ein wunderschöner antiker Gürtel, sehr kompliziert -, und ich dachte mir, daraus kann man eine hübsche Geschichte bauen. Also beschreibe ich in diesem Roman, der im Prinzip den fünf ineinandergeflochtenen Lederstreifen folgt, fünf Liebesgesichten und eine davon erzählt von Mario Salviati, dem italienischen Kriegsgefangenen, der das Geheimnis des Goldes kennt, das in diesem abgelegenen Dorf vergraben ist. Das Gold ist der berühmte Goldschatz aus dem englisch-burischen Krieg Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Engländer in die Transvaal Republiken einmarschierten und versuchten, an die Goldreserven zu kommen und Präsident Krüger das Gold, die Staatsreserven auf Ochsenwagen weg schickte. Und es ist immer noch irgendwo vergraben. Das ist einer der Mythen Südafrikas, ein ständig wiederkehrender Mythos, denn alle paar Jahre wieder läutet die Presse eine neue Goldsuche ein. Also dieses Gold ist in dem kleinen Dorf vergraben. Aber das Gold ist bloß das Symbol der Vergangenheit. Das klingt vielleicht kitschig, aber in einem Roman funktioniert das schon. Das ganze Dorf ist davon besessen, dem Geheimnis des Goldes auf die Spur zu kommen. Wie kommt man an es heran und was macht man dann mit ihm? Mario Salvati kennt das Geheimnis.

Doch der taubstumme und inzwischen blinde uralte Italiener denkt gar nicht daran, es zu verraten. Entdeckt hat er es zusammen mit jenem Mann, dem er als Kriegsgefangener als Hilfskraft zugewiesen wurde: GrootKarel Bergh. Dem dunkelhäutigen Sohn einer Indonesierin und eines Hugenottenabkömmlings, der Anfang der Zwanziger Jahre ein Vermögen mit Straußenfedern gemacht hat, kommt der gelernte italienische Steinmetz gerade recht, denn Karel hat eine Vision, wie sich das trockene Dorf und seine ausgedorrten Felder in eine blühende Landschaft verwandeln könnten.

Er will mit Hilfe eines steinernen Kanals Wasser über einen Berg leiten: ein kleines ingenieurtechnisches Wunderwerk, das ihm der Italiener Mario auf Felsquadern zusammenfügen soll. Die Erwartungen sind extrem hochgespannt, zumal sich Karel für seinen Bewässerungskanal hoffnungslos überschuldet hat. Im ersten Anlauf misslingt der Versuch, das Wasser über den Berg zu schicken. Karel setzt sich auf sein Pferd und verschwindet spurlos. So wird er nicht mehr miterleben, wie schließlich das Wasser durch den Blitzkanal doch noch mitten ins Dorf schießt, den Bauern zu reichen Ernten verhilft, die Gemeinde mit blühenden Gärten und Bäumen schmückt.

Zurück bleibt seine Frau Lettie mit ihrem Sohn Jonty Jack, eine unruhige, verzweifelte Frau, die mit ihrem Leben nicht klar kommt. Sie ist eine von vielen Frauengestalten, die dem Roman einen Gutteil seiner Kraft und seiner Dynamik geben, denn immer wieder sind es die Frauen im Hintergrund, die mit stiller Leidenschaft oder fröhlicher Unbekümmertheit, raffinierter Intelligenz oder berechnendem Charme die Geschicke des kleinen Dorfes lenken. Es sind vor allem die farbigen Frauen, Abkömmlinge der Ureinwohner, denen die weißen Männer allen Rassengesetzen zum Trotz verfallen. Da mag die Apartheid noch so streng richten, sie kann die Liebe über die künstlichen Rassenschranken hinweg nicht verhindern, nur dramatisch erschweren. Insofern feiert Etienne van Heerdens Roman auch Südafrikas vielfarbige Geschichte, über die bis zum Ende der Apartheid geschwiegen werden musste:

Es ist ein Roman über ein Land, das jetzt mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, seinen Mischlingsformen. Im Roman gibt es Xhosa Leute, San – Buschmänner, Franzosen, Deutsche, Holländer. Unsere Vermischung ist niemals akzeptiert worden. Sie war aber schon immer da. Es geht also darum, eine Vergangenheit wiederzuerschaffen, die wirklicher ist als jene Vergangenheit, die in den Geschichtsbüchern heilig gesprochen wurde. Es ist die Suche danach, was und wer wir sind und welche schöpferischen Möglichkeiten in diesem Zusammenkommen der Menschen stecken. Es gehört zu einer ganzen Welle in der südafrikanischen Literatur, die im Grunde genommen Geschichtsschreibung ist. Sehen Sie sich nur all die wohlbekannten Autoren an, und sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Nehmen Sie die jüngeren Autoren, die in Afrikaans und Englisch schreiben: es ist klar, wir sind intensiv damit beschäftigt, über die Vergangenheit schreiben.

Etienne van Heerdens Roman verblüfft auch durch seine phantastischen, irrealen Momente, in denen Engel auftreten und übersinnliche Erscheinungen das Geschehen lenken, so als sei das selbstverständlich. Diese Art des Schreibens ist noch nicht allzu alt, denn wie viele andere oppositionelle Schriftsteller fühlte sich der Autor zu Zeiten der Apartheid verpflichtet, realistisch-kritisch zu schreiben. Alles sollte sofort verstanden werden, weil man ein politisches Anliegen hatte. Jetzt traut man sich absurde, verrückte, surreale Geschichten zu erzählen, springt durch Zeiten und Bewusstseinsebenen, mischt Phantastisches in die Wirklichkeit. Immerhin birgt der schwarze Kontinent zahlreiche Mythen und Märchen:

Was Europäer als Magie ansehen, betrachten wir als Teil des normalen Lebens, besonders in der Region, in der ich aufgewachsen bin. Mythologie ist für die Menschen genauso wahr wie die Wirklichkeit. Ich würde mich also eher als mythologischen Schriftsteller bezeichnen. In die Vergangenheit zurückzugehen ergibt eine wunderbare Tapisserie von Mythologie und Folklore und Geheimnissen.

Etienne van Heerden
Das lange Schweigen
C. Bertelsmann, 509 S., EUR 22,90

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