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StartseiteForschung aktuellGluten: Verpatztes Treffen mit Immunzellen12.10.2011

Gluten: Verpatztes Treffen mit Immunzellen

Mraseks Molekül-Mosaik

Das Protein Gluten ist Bestandteil der Getreide Weizen und Dinkel und damit ziemlich allgegenwärtig in unserer Ernährung. Normalerweise wird es im Magen verdaut. Bei Zöliakie-Kranken löst es aber Immunreaktionen aus und führt zu chronischen Darmentzündungen.

Von Volker Mrasek

Gluten (Tobias Stengel)
Gluten (Tobias Stengel)
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Mraseks Molekül Mosaik

Gluten, auch Klebereiweiß genannt. Ein Speicherprotein im Korn von Weizen, Dinkel und anderen Getreidearten, die zu unseren Grundnahrungsmitteln gehören. Ausgerechnet so ein Stoff macht viele von uns krank. Er löst bei ihnen Immunreaktionen aus und führt zu chronischen Darmentzündungen. Die einzige Therapie bisher: eine völlig Gluten-freie Ernährung. Doch jetzt gibt es vielversprechende Ansätze, die Krankheit vielleicht zu heilen.

"Jetzt sind wir im Zwölffingerdarm. Das ist so weit, wie wir bei einer Magenspiegelung kommen. Und jetzt gehen wir dann etwas zurück wieder in den Magen."

Eine junge Patientin auf dem OP-Tisch, in der Universitätskinderklinik Gießen

"Also, ich steuere im Moment jetzt die Zange, mit der wir die Biopsien entnehmen."

Gewebeproben also



"Einmal die Zange bitte öffnen." "Auf." "Und schließen." "Zu."

Der Verdacht: ein entzündeter Darm. Womöglich Zöliakie. So heißt die Erkrankung, wenn junge Menschen Gluten nicht vertragen und Ärzte feststellen müssen,

"dass die Schleimhaut im Dünndarm nach Verzehr von Getreideprodukten zugrunde geht und eine Resorptionsstörung für alle Nährstoffe entstehen kann."

Eine schwerwiegende Erkrankung sei das, betont Klaus-Peter Zimmer, Chefarzt und Leiter der Abteilung für Allgemeine Pädiatrie in Gießen.

Die Weichen für die Gluten-Aversion des Darms werden schon früh im Leben gestellt:

"Für jeden Organismus ist das Gluten zunächst mal ein Fremdkörper. Normalerweise ist es so, dass ein Säugling, wenn die Beikost beginnt, so mit fünf, sechs Monaten, wenn er zum ersten Mal diese Getreideprodukte zu sich nimmt - dass der Körper eine Toleranzreaktion entwickeln muss. Und bei den Zöliakie-Patienten ist das nicht zustande gekommen, das heißt, sie entwickeln lebenslang einen Abwehrmechanismus."

Die Forscher erklären sich das so: Gluten wird im Magen des Säuglings verdaut. Dabei entstehen verschieden große Protein-Bruchstücke, auch solche, die man Gliadin-Peptide nennt. Manche haben hohe Anteile der Aminosäuren Prolin und Glutamin. Diese Trümmerstücke spielen offenbar eine entscheidende Rolle bei Zöliakie.

Im Darm von Gesunden werden sie von bestimmten weißen Blutkörperchen, den T-regulatorischen Zellen, erkannt und als ungefährlich eingestuft. Bei Zöliakie-Patienten dagegen verpassen sich die Partner. Stattdessen stimulieren andere Gliadin-Splitter andere Abwehrzellen. Und die tun, was sie nicht tun sollen: Sie produzieren Antikörper gegen die Nahrungsbestandteile. Zimmer:

"Deswegen haben wir uns gedacht: Wenn es uns gelingt, dieses Gliadin-Stück, was nicht erkannt wird, so zu verändern, dass es von den T-regulatorischen Zellen erkannt wird, dass wir damit vielleicht eine Toleranz-Reaktion auslösen können."

Das Konzept der Gießener Mediziner dabei: Sie koppeln das Gluten-Peptid mit einem Molekül, das als Lotse fungiert. Es hat Oberflächenstrukturen, die gezielt in Darmbereichen mit T-regulatorischen Zellen andocken. Im Tierversuch klappte das schon.

"Wir kennen Kinder, die 'ne erbliche Veranlagung haben. Und denen könnte man dieses Peptid sozusagen als Schluckimpfstoff verabreichen, "

Und zwar schon in den ersten Lebensmonaten.

Ein Patent auf seinen Peptid-Einschleuser besitzt Klaus-Peter Zimmer bereits. Als Nächstes sollen klinische Studien am Menschen folgen.

" "Das dauert sicherlich noch einige Jahre. Aber ich denke, es ist die einzige Therapie, die wirklich verspricht, dass man diese Erkrankung heilt."

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