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StartseiteUmwelt und VerbraucherGlyphosat-Rückstände in Mehl, Brötchen und Haferflocken03.09.2012

Glyphosat-Rückstände in Mehl, Brötchen und Haferflocken

"Ökotest"-Chefredakteur fordert generelles Verbot der Vorerntespritzung

In 14 von 20 Getreideprodukten hat "Ökotest" Rückstände des Pestizids Glyphosat gefunden. Es gelange über das Spritzen kurz vor der Ernte in das Getreide, so Jürgen Stellpflug. Der "Ökotest"-Chefredakteur empfiehlt den Verbrauchern, Produkte aus ökologischem Anbau zu kaufen, weil hier die Vorerntespritzung verboten ist.

Jürgen Stellpflug im Gespräch mit Jule Reimer

Glyphosat wird auf Deutschlands Feldern gerne eingesetzt.  (AP Archiv)
Glyphosat wird auf Deutschlands Feldern gerne eingesetzt. (AP Archiv)

Jule Reimer: Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wirkt gegen viele Pflanzen und wird auf Deutschlands Feldern und auch sonst gerne eingesetzt. Es galt lange harmlos für Mensch und Tier, weil es ganz spezifisch nur auf Pflanzen ausgerichtet ist. Doch seit über einem Jahr mehrt sich die Kritik an dem Mittel. "Gift im Korn" titelt die Zeitschrift Ökotest jetzt in ihrer aktuellen Ausgabe. Das Pestizid stecke in Mehl, Brötchen und Haferflocken. – Frage an Jürgen Stellpflug, Chefredakteur von Ökotest: Wie kommen Sie denn zu dieser Anklage?

Jürgen Stellpflug: Ökotest hat ja 20 verschiedene Getreideprodukte – Sie sagten schon: Mehl, Brötchen und auch Haferflocken – untersuchen lassen und war selber zunächst mal erstaunt, dass wir in 14 von den 20 Produkten Glyphosat gefunden haben, Glyphosat-Rückstände gefunden haben, denn die offiziellen Meldungen, die lauteten eigentlich anders. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat in den vergangenen Jahren wiederholt auch Getreideprodukte untersucht, hat auf Glyphosat untersucht, und bei denen waren von über 1000 Proben nur 27 belastet. Also das war gar nicht zu erwarten, dass so viele Produkte, so viele Getreideprodukte mit diesem Glyphosat belastet sind.

Reimer: Aber kann es denn sein, dass Ihre Proben vielleicht alle Ausrutscher repräsentieren?

Stellpflug: Nein, das sind keine Ausrutscher. Man muss sich ja ganz einfach klar machen: wie kommt denn das Glyphosat da rein? Das Glyphosat kommt rein, weil Weizen, Roggen, andere Getreidesorten, aber auch Sonnenblumenkerne kurz vor der Ernte noch gespritzt werden dürfen. Die Bauern sagen dazu "Vorerntespritzung". Und warum macht man diese Vorerntespritzung? Durch diese Pestizid-Dusche bis eine Woche vor der Ernte stirbt das Getreide ab und dann trocknet es gleichmäßig. Da stirbt natürlich dann auch das Unkraut mit ab. Das ist der einzige Grund, warum man das noch mal kurz vor der Ernte damit spritzt.

Reimer: Sie selbst sprechen in Ihrem Artikel in Ihrer Zeitschrift von Spuren von Glyphosat, die die von Ihnen untersuchten Mehle, Brötchen und Haferflocken enthalten. Der Industrieverband Agrar, also die Verbandsvertretung der Pflanzenschutzmittelhersteller, weist darauf hin, dass diese gefundenen Spuren zum Beispiel bei Weizen um die ein Prozent dessen ausmachen, was die Europäische Union an Rückständen erlaubt, und man könne davon ausgehen, dass auch noch die Zulassungsbehörden in ihren eigenen Grenzwerten Sicherheitspuffer eingebaut haben. Kann man dann bei dieser spurenmäßigen Belastung wirklich von Gift sprechen?

Stellpflug: Also zweierlei dazu. Wir brauchen Mineralstoffe, wir brauchen Vitamine, wir brauchen Fett sogar und Zucker. Aber was wir nicht brauchen, das hat mir noch niemand nachweisen können, dass wir Rückstände von Pestiziden in unserem Essen brauchen. Darauf können wir verzichten. Pestizide sind immer per Definition Giftstoffe.

Der zweite Punkt, ganz wichtig dabei, ist: da müssen wir uns die Grenzwerte angucken und uns fragen, warum sind in den Produkten, in den Pflanzen, wo diese Vorerntespritzung erlaubt ist, zehn Milligramm pro Kilogramm erlaubt, während bei allen anderen Obst- und Gemüsesorten nur 0,1 Milligramm erlaubt ist. Das führt zu so komischen Situationen, dass frische Erbsen beispielsweise eben 0,1 Milligramm enthalten dürfen, bei Erbsen, bei denen die Vorerntespritzung erlaubt ist, also die dann getrocknet werden, sind 10 Milligramm erlaubt. Da hat der Gesetzgeber doch offensichtlich gesagt, wir wollen den Verbraucher schützen mit den 0,1 Milligramm und diese zehn Milligramm, die müssen wir erlauben, da war wohl offensichtlich ganz viel Lobbyarbeit im Spiel, weil sonst könnte das mit der Vorerntespritzung nicht mehr funktionieren, sonst lägen diese Produkte, die vor der Ernte gespritzt werden, sehr häufig über den Grenzwerten.

Reimer: Dann sagen Sie uns doch bitte noch mal ganz kurz: was ist denn die Konsequenz aus Ihren Erkenntnissen, was fordern Sie, was empfehlen Sie Verbrauchern?

Stellpflug: Ökotest kann nur sagen, die Forderung ist, dass auf die Vorerntespritzung auf jeden Fall verzichtet wird. Und der andere Rat ist eigentlich ein ganz einfacher: Im ökologischen Anbau, da darf so was nicht gemacht werden, und da man den Brötchen ja nicht ansieht, ob sie gespritzt worden sind, also auch konventionellen, oder ob die Rohstoffe vor der Ernte nicht gespritzt worden sind, sagen wir, greift zu ökologischen Brötchen, greift zu ökologischen Haferflocken, da seid ihr dann wirklich auf der sicheren Seite.

Reimer: Vielen Dank! – Das war Jürgen Stellpflug. Er ist Chefredakteur von Ökotest und Ökotest hat Spuren des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat in Brotgetreide gefunden. Danke für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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