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StartseiteBüchermarktGrausame Rituale und Mordlust14.10.2014

"Goat Mountain"Grausame Rituale und Mordlust

Das Begehren nach Töten und Mordlust sind zentrale Motive in David Vanns neuem Roman "Goat Mountain". Dabei fängt alles so harmlos an: Mit einem Jungen, der mit seinem Vater in die kalifornische Idylle fährt. Dann aber ist plötzlich Jesus tot.

Von Martin Zähringer

Ein paarungsbereiter Rothirsch (lat. Cervus elaphus) in der Brunft, aufgenommen am 08.10.2013 in einem Gehege im Wildpark Schorfheide in Groß Schönebeck (Brandenburg). (picture alliance / ZB / Patrick Pleul)
Eigentlich will das Trio Hirsche jagen - dann aber kommt ein Mensch vor die Linse. (picture alliance / ZB / Patrick Pleul)
Weiterführende Information

Familie als Hort der Gewalt

(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 17.04.2013)

Der Schatten des Vaters
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 08.07.2012)

David Vanns neuer Roman "Goat Mountain" beginnt mit der intensiven Beschreibung von Landschaften. Es geht in die Wälder Nordkaliforniens. Ein Elfjähriger, sein Vater, dessen Vater und ein Freund des Trios fahren auf die Jagdranch der Familie. Das ist ein abgelegenes Waldgebiet mit einer Jagdhütte, nicht viel mehr als ein Lager mit Feuerstelle, rohem Eichentisch und einem Gestell zum Abhängen der erlegten Hirsche. Eigentlich ein idyllisches Plätzchen, jedenfalls für Männer, die jagen wollen, und ganz besonders für den Elfjährigen, der in dieser Herbstsaison seinen ersten Hirsch schießen soll. Aber es liegt etwas Befremdliches über der amerikanischen Landschaft. Langsam und verstörend wird es in den Reflexionen des sich erinnernden Ich-Erzählers eingeführt:

"Man hatte mir beigebracht, zum Gewehr zu greifen und zu schießen, und es juckte mich, diese dunklen Knäuel ins Visier zu nehmen, als die Vögel bei der Landung ihre Flügel auffächerten. Sie würden innehalten, nacheinander, mein Blick einen Moment starr, zielen, abdrücken, ein vollkommener Moment, aber hier durfte ich keine Vögel töten. Keine Schüsse, die das Wild verschrecken könnten. Also verschwanden die Wachteln wieder im Gebüsch, und der Pick-up rollte weiter, und ich verspürte ein dumpfes Bedauern. Etwas in mir wollte einfach töten, dauernd und ohne Ende."

Tod eines Wilderers

Immer wieder glitzert diese Mordlust auf, aber Vann stimmt hier nicht in den allzu durchschaubaren Chorus der Tierethiker ein. Das stellt der Roman gleich zu Beginn klar. Als die Männer das Revier erreichen, zeigt der Vater mit seinem geladenen Bärentöter auf einen Wilderer, der Junge blickt durch das Zielfernrohr, drückt ab, der Wilderer ist tot und die Männer sind entsetzt. Es folgen merkwürdige Reaktionen. So spekuliert der Junge kaltblütig, dass dies zwar ein Mensch, aber auch ein toller Schuss war, der Vater holt die Leiche des Wilderers und hängt sie an das Gestell für die Hirsche, der Großvater schleppt sie in den Wald, der Vater holt sie wieder, und dann gehen die Männer nicht etwa zum Sheriff, sondern wirklich auf ihre erste Jagd der Saison. Zwei Tage und eine Nacht in der Wildnis, drei Männer und ein Junge, für einen Roman ein recht enger Fokus. Aber der wird kunstfertig erweitert. So nehmen alt- und neutestamentarische Mythen den Diskurs des Erzählers in Beschlag, und während die Männer sich in einer dramatischen Auseinandersetzung um den Toten finden, schimmert noch etwas Verborgeneres durch. Ich habe David Vann gefragt, was die Szene mit dem Aufhängen der Leiche bedeutet:

"Als sie nicht weiterwissen, was mit dem Körper dieses toten Mannes zu tun ist, geht der Vater schließlich in die Routine über, denn dieses Buch thematisiert das Wesen der Rituale: Dass ein Ritual den Horror normal erscheinen lässt, dass es uns in unmöglichen Situationen sagt, was zu tun ist, damit alles in Ordnung ist. Wenn Sie über Rituale nachdenken, sie sind doch alle grausig, sie sollten nicht in Ordnung sein, aber sie werden eben aus diesem Grund zu Ritualen, um uns die schweren Dinge des Lebens einfacher, leichter, erträglicher zu machen. "

Vann erklärt zudem, er folge dem Prinzip des altenglischen Epos Beowulf. Darin sieht er die Besetzung eines heidnischen Naturraumes durch eine christliche Erzählung. Also beziehen sich die tieferliegenden Schichten der Rituale im kalifornischen Wald auf höher gelegene Regionen ihrer Deutung, und die Richtung wird dem Leser relativ schnell klar. Dieser Jäger auf fremdem Territorium hängt nicht nur anstelle des Hirschs am Haken:

"Und das war für mich selbst die größte Überraschung in diesem Buch, denn ich hatte nicht vor, die Heilige Dreieinigkeit oder Religion überhaupt einzubringen. Aber dann erkannte ich, dass dies ein perfekter Ansatz war, eine zutiefst heidnische Landschaft durch eine christliche Linse zu betrachten."

Das Erbe Kains

Das Jesus-Ritual wirkt zunächst: Naturbeschreibung und Jagd, inneres Erleben und dumpfe Feindseligkeiten in den Dialogen, das tragische Thema der Schuld und die unsicheren Reflexionen des Ich-Erzählers erhalten scheinbar eine sinngebende Beziehungsfigur. Aber irgendwie geraten die Dinge aus dem Takt. Nicht die Romanhandlung selbst, die sorgsam gefügt ist, sondern im Sinne einer eben nur angetäuschten christologischen Erlösung. David Vann dazu:

"Das Buch handelt in Wirklichkeit vom Erbe Kains, vom Begehren nach Töten, von der Mordlust, vom Töten und sich nicht schlecht zu fühlen dabei. Es geht um das Menschliche, welche Gesetze wir vor diesem Hintergrund schaffen, sodass Familie, Gesellschaft funktionieren - und das Christentum wird dabei von diesem Jungen auf eine unausgesprochene Weise abgelehnt."

Ausgesprochen wird vieles nicht, aber es geht hier nicht um obskurant-literarische Reizmittel, sondern um konkrete Dinge. Erklärungsbedürftig sind die schon. David Vann erfuhr vor Kurzem, er habe die Gene von Cherokesen in sich. Im Interview tastet er sich nun zu Spekulationen darüber vor, das indianische Erbe sei möglicherweise ein tieferer Hintergrund für seine Praxis des Nature Writing im Allgemeinen, und für seinen Amerika-Hass im Besonderen:

"Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber da scheint etwas hängengeblieben sein von der Wut, Wut über die verfehlte Verständigung, Wut über die herbe Enttäuschung, die Amerika ist. Das erklärt vielleicht zum Teil meine negative Einstellung gegenüber Amerika. Und außerdem wäre ‚Goat Mountain' schlicht ein verrücktes Buch, wenn ich nicht diesen Cherokesenhintergrund hätte. Denn warum ist es Jesus, der hier als Wilderer auftaucht und erschossen wird, als ein illegaler Jäger. Für Native Americans war Jesus schlicht der Zerstörer ihrer Kultur, der ihnen ihre Religion und Identität stahl. Mit diesem kulturellen Hintergrund ergibt das Buch einen perfekten Sinn."

Mordlust und Jagdkultur

Ein Deutungsansatz wäre also, dass der Junge mit seinem Achtel Indianerblut im Geist der ursprünglichen Besitzer Amerikas gehandelt hat, zumal er die christliche Sühnethematik ablehnt. Der Text liefert weitere Möglichkeiten: Wenn man den Cherokesen-Schlüssel auf die Rituale dieser kalifornischen Jagd anwendet, dann wird klar, warum der Großvater in seiner dekadent-stoischen Angepasstheit dem Enkel und dessen revitalisierter Cherokesennatur an den Kragen will. Die Enträtselungen dieser Zusammenhänge zwischen Mythos und Naturgeschichte, Mordlust und Jagdkultur machen den Reiz des Romans aus, ein weiteres trägt zu einer empfehlenswerten Lektüre bei: Die Übersetzerin Miriam Mandelkow hat die verschiedenen Stil- und Spielarten in Vanns Text mit feinem Gespür ermittelt und doch den langen Atem des Ganzen durchgehalten. Zu letzten Fragen sei der Erzähler in "Goat Mountain" zitiert:

"Die Wahrheit ist ein Märchen. Wir glauben eigentlich nicht, dass es je Dinosaurier gegeben hat, weil wir uns die Zeitspanne nicht vorstellen können. Wir sehen ihre Knochen und reden uns ein, wir wüssten, dass ein Brontosaurus auf unserer Erde umhergelaufen ist und diesen Riesenhals durch die Luft geschwungen hat, aber das ist nicht dasselbe wie Glauben. Glauben ist viel näher, viel intimer als Wissen. Dinosaurier haben sich in einer anderen Welt zugetragen. Aber Töten ist uns geblieben. Töten ist eine vergangene Welt, die sich mit unserer überlappt, und wenn wir nach ihr greifen, verdoppelt sich unser Leben."

"Man hatte mir beigebracht, zum Gewehr zu greifen und zu schießen, und es juckte mich ..." räsoniert er noch am Anfang des Romans, und was wir am Ende wissen können: Das Töten ist kein natürlicher Trieb, sondern eine kulturelle Disziplin, für die der Mensch die Verantwortung zu übernehmen hat. David Vann übernimmt sie als amerikanischer Schriftsteller in der Literatur und sorgt hier für Bewegung, auch wenn er das Handtuch in seinem politischen Kampf gegen die übermächtige Waffenlobby der USA geworfen hat und inzwischen im Ausland lebt. 

David Vann: "Goat Mountain. Roman. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow." Suhrkamp 2014, 271 Seiten.

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