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Goldener Käfig

Dietmar Dath: "Sämmtliche Gedichte". Suhrkamp Verlag

In Dietmar Daths zehntem Roman "Sämmtliche Gedichte" geht es nur am Rande um solche: Ein Dichter gerät in die Fänge eines finsteren Manipulators, der ihn - zum Zweck eines neurolinguistischen Experiments - in eine Villa entführt. Tatsächlich handelt es sich um ein Gefängnis.

Von Martin Krumbholz

Der Roman "Sämmtliche Gedichte" verweist bereits mit seiner alten Schreibweise auf das 18. Jahrhundert.  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Der Roman "Sämmtliche Gedichte" verweist bereits mit seiner alten Schreibweise auf das 18. Jahrhundert. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Dies ist also der zehnte Roman des 1971 geborenen Dietmar Dath, und eines kann man ihm gewiss nicht absprechen: einen beträchtlichen Erfindungsreichtum. Dath erzählt nicht immer wieder die gleiche Geschichte neu, sondern immer wieder etwas Neues.

"Sämmtliche Gedichte", mit zwei M geschrieben, das verweist schon im Titel auf das 18. Jahrhundert, und dieses Referenzspiel ist allemal interessanter als der mühsame Plot des Buchs: Ein Dichter namens Adam Sladek gerät in die Fänge eines finsteren Manipulators und dessen sinistren Gehilfen, die ihn, unter dem Vorwand, eine Gesamtausgabe seiner Werke zu ermöglichen, zum Zweck eines neurolinguistischen Experiments in eine Villa, ein Labor, ein Gefängnis in der Gegend von Bruchsal entführen.

Ist ein Autor derart mit allen Wassern der Autofiktion gewaschen wie Dietmar Dath, liegt es nahe, sich die heimlichen Schnittstellen zwischen Klappentext und, ja: romantischer Ironie einmal genauer anzusehen. Es tritt in diesem Roman nämlich eine Figur auf – in der Rolle des besagten Gehilfen -, die den Namen des Verfassers trägt, und so etwas, man verzeihe die Plattitüde, kann kein Zufall sein. Dietmar Dath also, mit t-h. So kokett der Vorgang ist, und so apart, nicht etwa die Hauptfigur nach dem Autor zu benennen, sondern die mieseste Nebenfigur, so viele Fallstricke hängen von dieser Konstruktion ab. Dietmar Dath ist mit seinem Verfasser identisch und auch wieder nicht; er ist wie dieser Schriftsteller und, vermutlich anders als dieser, als Person moralisch verkommen. Über Daths Bücher erfährt der geneigte Leser – aus der Perspektive des Protagonisten – unter anderem folgendes:

"Die Poetik, falls es eine gibt, lebt von nichts als vom sogenannten Erfindungsreichtum, bei dem Adam, der lieber in Ruhe etwas Vertrautes anguckt, bis es seine Fremdheit enthüllt, Zahnfleischziehen kriegt: [ ... ] fliegende Untertassen, sprechende Tiere, Maschinen, welche die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen stören, also lauter kindische Requisiten, Endkämpfe zwischen Gut und Böse, japanischer Animequalster, atemlos runtererzählt, dann wieder mit Reflexionseinschüben überfrachtet."

Macht sich hier ein Autor über sich selber lustig – oder über die bedauernswerten Rezensenten, die sich an einem sperrigen Oeuvre abarbeiten? Plädiert er mit seinem kreuzbraven Protagonisten Adam Sladek für eine Poetik der Verfremdung, oder aber mit seinem Namensvetter Dietmar Dath für eine Ästhetik der Entgrenzung, für einen globalen Manichäismus unter Zuhilfenahme "kindischer Requisiten"?

Jedenfalls verhält es sich hier wie in der Fabel vom Hasen und vom Igel: Dietmar Dath, der Autor des Ganzen, ist immer schon da. Er kennt seine zehn Bücher und die zahllosen Wissensquellen, aus denen sie sich speisen, er kennt aber auch die Einwände seiner Kritiker; ja, er könnte seine Romane selbstverständlich auch selbst rezensieren – und verreißen.
Damit hängt es zusammen, dass Dath seine Leserschaft polarisiert wie kaum ein anderer. Es gibt die Fans, die ihn ob seines – "sogenannten" – Erfindungsreichtums bewundern, und es gibt die Entnervten, die seine Bücher "Feuilletonromane" nennen. Wenn damit gemeint ist, dass Daths Romane – genau wie das sogenannte Debattenfeuilleton – zirkulierende Thesen und Tendenzen in sich aufsaugen und oft in produktiven Erzähl- und Reflexionsstoff verwandeln, ist der Ausdruck berechtigt.

Wie wenig andere zeitgenössische Literatur repräsentiert Daths Oeuvre die heutige Wissensgesellschaft. Darin ähnelt es übrigens Botho Strauß, einem Schriftsteller, mit dem es auf den ersten Blick so gar nichts zu verbinden scheint. Auch Dath – der reale ebenso wie sein ironischer Schatten im Roman – will nämlich ausdrücklich ins 18. Jahrhundert zurück, in –

"den letzten großen Umbruch der allgemeinen Zeitläufte. 'Sämmtliche Werke', Wieland: ein Aufklärer, und ein Mann, der das Künftige erspürt, dadurch aber eben auch vollbracht hat. [ ... ] Ein heiterer Autor. Ein Stil- und Formexperimentator. Kurz, ein Kallimachos, ein Theokrit."

Der Unterschied zu Strauß besteht freilich nicht allein darin, dass dieser seinen Lesern solche doch eher eitlen Scherze wie das Auftreten eines namentlichen Doppelgängers erspart hätte; sondern mehr noch in dem gewichtigen Umstand, dass Strauß eben nicht, wie Dath, selbst Teil des Betriebs ist, sondern sich von diesem bewusst distanziert und erst dadurch einen zwar gereizten, oft genug aber scharf-kalten Blick hervorbringt.

Dietmar Dath dagegen, der frühere Spex- und FAZ-Redakteur, ist so etwas wie eine poetische Betriebsnudel, vom Lärm der Gegenwart affiziert bis auf Haut und Knochen. Das lässt ihn igelmäßig gewieft erscheinen, aber, im endlosen Strom seiner Rede, oft auch redundant und trivial. So steht in diesem schon jetzt voluminösen Werk eines noch jungen Autors manch Gelungenes neben nur Schrägem oder Prätentiösem. In Romanen hängt vieles – wieder eine Plattitüde – von ihren Hauptfiguren ab. Die Abiturientin Claudia im vorletzten Buch "Waffenwetter" war beispielsweise eine plausible, ja lebendige Protagonistin. Adam Sladek dagegen ist eine Pappschablone, eine Marionette, abhängig von ihrem Gegenspieler, dem buchstäblichen Alter Ego des Autors.

Was aber hat es nun mit den "Sämmtlichen Gedichten" auf sich, die dem Roman schließlich seinen kuriosen Titel geben? Reichlich und umfangreich in diesen eingestreut, markieren sie erfreuliche Bruchstellen. Es wäre zu viel gesagt, dass sie in ihrer Gesamtheit hochwertige Lyrik darstellten, eher trifft das Gegenteil zu, so banal plätschern sie seitenlang dahin – und dennoch blitzt in ihnen immer wieder ein überraschender Witz auf. Wie wäre es etwa mit diesem lakonischen Epitaph auf den früh verstorbenen Schauspieler Heath Ledger -

"Ein schwuler Cowboy hat sich ausgerottet
Denn Michelle Williams ist ihm weggerannt.
Jetzt wird er ausgestopft und eingemottet
Oder verbuddelt fortgeschwemmt verbrannt.

Ohne die Maus war alles für ihn Leere
Jetzt ist sein Pferd allein grad wie sein Hut.
Da ich auch selber meine Braut entbehre:
Wie gut ich ihn verstehen kann. Wie gut."


Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2009, 284 Seiten, 22,80 Euro.

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