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StartseiteKultur heuteGoldfisch im Glas16.09.2010

Goldfisch im Glas

Hayao Miyazakis "Ponyo" im Kino

Ponyo, die Titelheldin im neuen Film des japanischen Großmeisters Hayao Miyazaki, ist eine goldige kleine Meeresjungfrau: Das Goldfischmädchen findet einen menschlichen Spielkameraden und will fortan ein Mensch sein.

Von Josef Schnelle

Szene aus dem Film "Ponyo" von Hayao Miyazaki (Universumfilm/Studio Ghibli)
Szene aus dem Film "Ponyo" von Hayao Miyazaki (Universumfilm/Studio Ghibli)

Man kann an Andersens "Kleine Meerjungfrau" denken, was durchaus beabsichtigt ist. Oder einfach eine niedliche Kindergeschichte darin sehen. Oder einen grandiosen Ritt durch uralte Meeresmythen und eine ökologische Mahnung. Hayao Miyazakis neuer Zeichentrickfilm ist das alles und er ist noch mehr. Das kleine Goldfischmädchen Ponyo gerät in ein Marmeladenglas, wird darin an den Strand gespült und wird von dem fünfjährigen Sosuke daraus befreit. Der schleppt seine neue Spielgefährtin fortan in einem Wassereimer herum und zeigt ihm seine Welt. Danach will Ponyo nur noch eins: ein Mensch werden. Der Vater ist entsetzt.

Ponyos Vater ist ein mächtiger Zauberer im Reich der Fische, aber auch Ponyo selbst beherrscht schon allerhand Zauberzeug. So versucht sie - ganz verzogene Göre liebevoller Eltern - ihr Wünsche allein durchzusetzen. Die Hände und die Beine ploppen als dem amorphen Goldfischkörper und endlich steht sie als kleines Mädchen mit roten Haaren - genauso hat man sie sich auch vorgestellt - vor Sosuke um ihre ewige Kinderliebe auszuleben. Mit einem Lied und mit einer Prise Sentimentalität. Doch nun bricht der Sturm los. Nicht nur ein Sturm - elementare Kräfte wühlen das Meer auf wie einen wütenden Gott. Und auch der letzte lebende Zeichentrickvirtuose Hayao Miyazaki ist endlich in seinem Element. Wellenspitzen werden zu Raubfischarmeen. Bizarre Urwesen aus dem Meer reißen ihre Mäuler auf, und wenn nicht Ponyo auch als neuer Mensch so leichtfüßig übers Wasser rennen könnte, dann würde die Geschichte auch - zumindest für die Menschen - übel ausgehen. Geht sie natürlich nicht. Das kann sich ein Trickfilm nicht erlauben. Dabei kann Miyazaki schon alle Register ziehen. Das hat er mit seinen Trickfilmmeisterwerken "Prinzessin Mononoke" und "Chihiros Reise ins Zauberland" gezeigt. Auf die gute alte Walt-Disney-Welt, wo einer der sieben Zwerge auch einmal ohne Grund stolpert, verweist Miyazakis Zeichentrickkunst. Zugleich setzt er sich aber schon davon ab. Nur in Disneys "Dumbo" und in "Fantasia" waren auch surreale Albträume zugelassen. Sonst waren die so hoch gelobten Disneyfilme reichlich steril und überkorrekt. Der amerikanische Trickfilmkonkurrent Tex Avery war da eher zuständig für skurrile Abweichungen wie Wölfe, denen beim Anblick von Blondinen die Augen buchstäblich aus dem Kopf fallen. Miyazaki und sein Studio Ghibli sind zwar auch für die etwas zu niedliche TV-Serie "Heidi" zuständig gewesen, haben sich dann aber immer mehr davon emanzipiert. Die Bildwelten des fast 70-jährigen Meisterregisseurs wurden immer grandioser. Türen öffnen sich in Nichts . Ein ganzes Schloss kriegt Beine und läuft davon. Verglichen mit diesen surrealistischen, erwachsenen Filmen ist er mit Ponyo wieder in die schlichte Kinderwelt zurückgekehrt. 13 Millionen Zuschauer allein in Japan dankten es ihm. Für Hayao Miyazakis Durchbruch ist die Berlinale verantwortlich, die 2002 seinen Film "Chihiros Reise ins Zauberland" im Wettbewerb zeigte. Dem Goldenen Bär verkündet von der französischen Schauspielern Juliette Binoche und der indischen Regisseurin Mira Nair, folgte ein veritabler Oscar. Miyazaki war endlich auf der Landkarte der internationalen Filmgrößen aufgetaucht. Am japanischen Originaltitel versuchten sich die Binoche und Mira Nair bei der Preisverleihung im Sprechchor.

In einer Zeit, in der noch der grenzdebilste Film mal eben mit ein paar 3D-Effekten verschnörkelt wird, ist Miyazaki fast schon eine Qualitätslegende aus uralten Zeiten. "Ponyo" ist völlig ohne Digitaleffekte entstanden. Der Film bekommt dadurch eine wunderbare Leichtigkeit und profitiert schon jetzt vom Überdruss an den immer gleichen 3D-Effekten. Der gezeichnete Film hat eben doch eine enge Bindung an Malerei und grafische Novellen. Der alte Herr Miyazaki lächelt listig und am Ende kichert er sogar, wenn er darauf zu sprechen kommt, wie er in seiner Firma die Computer abgeschafft hat.

"Früher hatten wir Computer. Aber dann habe ich bemerkt, dass das keinem mehr so richtig Spaß machte. Ich habe beschlossen, wieder traditionell zu arbeiten. Das ist doch viel kreativer."

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