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StartseiteBüchermarktGoNza magilla05.06.1998

GoNza magilla

Ein Leben in Briefen

"Ich genieße schon den ganzen Sommer meine Krankheit zum Tode. Bitte schreibe mir. Dir fällt das Schreiben viel leichter als mir, denn ich habe immer das Gefühl, sobald ich in einem Brief nicht irgendein Problem aufs Tapet bringe, habe ich nicht wirklich einen geschrieben."

Christoph Burgmer

Unterschrieben ist der Brief mit dem Namen Teresa. Teresa, das ist Jane Bowles. Sie benutzte das Synonym für ein Liebesspiel, das sie mit Paul Bowles über den sie trennenden Atlantik betreibt. 1947 sind beide schon seit zehn Jahren verheiratet, Paul Bowles lebt im "Tanger international", Jane Bowles in New York. Sie ist gerade 30 Jahre alt und träumt von einer großen Karriere als Schriftstellerin, ist lesbisch, wechselt so häufig Beziehungen wie Stimmungen, fährt nach Conneticut, Vermont und New Mexico, hat wenig Geldnöte, man plaudert. Das Nachkriegsamerika ist noch von einem Hauch Roosveltscher Aufbruchstimmung umweht, Künstler und Intellektuelle sind noch nicht die auserkorenen Opfer des Kommunistenjägers Mc Carthy. Die amerikanische Kunstszene der Zeit gibt sich im Alltag gewandt, jeder hofft auf die große Karriere. Doch für Jane Bowles stellt sich der Erfolg als unerfüllter Wunsch heraus. Sie fühlt sich ausgeliefert, wartet darauf, das sich ihre mit allen Emotionen aufgeladene Spannung zum Schreiben entlädt. Solchen Arbeitsschüben folgen lange Phasen angstvoller Erstarrung, genährt durch den eigenen ungeschminkten Blick auf die Schrecken eines drohenden Versagens, etwas, das die amerikanische Gesellschaft nicht verzeiht. Sie spürt schon längst, daß nicht sie, sondern ihr Mann Paul Bowles als Schriftsteller erfolgreich sein wird.

"Deine Briefe sind wirklich wunderbar und ausführlich....Die Story, an der ich arbeite, um Geld zu verdienen, ist in meinem Notizbuch beinahe schon sechzig Seiten lang - es sind große Seiten -, also habe ich ganz ordentlich gearbeitet, sie dann aber seit einer Woche nicht mehr angerührt. Ich bin zwei Tage nach Maryland geflogen, und als ich wiederkam, mußte ich mich drei oder vier Tage um Deine Wohnung kümmern. Jetzt habe ich große Lust, damit weiterzumachen. Sie ist vollkommen unverkäuflich, aber bisher gefällt sie mir, wenn ich sie bloß zu Ende kriege!"

Paul Bowles, der Empfänger der meisten Briefe von Jane Bowles, hat sich gerade in dem durch die westlichen Staaten gemeinsam regierten Tanger eingerichtet. Seinem Erfolg als Komponist in den 30er und 40er Jahren folgt Ende der Vierziger wie vorgezeichnet der Erfolg als Schriftsteller. Doch was ihn zu literarischen Höhenflügen orientalisierender Literatur inspiriert, läßt sie nach und nach verstummen. Sie lebt jetzt in Tanger, verliebt sich in Cherifa, eine Marokkanerin, der sie 1956 das Haus in der Kasbah Tanger überschreibt. Es ist die glücklichste Zeit ihres Lebens.

"Ich habe Cherifa eine Woche allein gelassen, und als ich wiederkam, hatte sie angefangen, mit zwei Frauen Karten zu spielen, die beide, so sagt sie, aussehen wie Pekinesen. Ich kann es nicht glauben, daß das stimmt - nicht alle beide - und glaube, daß sie es nur sagt, um mir zu gefallen. Sie sind schwarz, und ihre Männer sind totenbleich und arbeiten beide im Kino. In Wirklichkeit glaube ich, daß es nur eine Frau ist. Wie könnten sie sich sonst so ähnlich sein?"

Jane Bowles reist von New York nach Tanger und zurück, aber zunehmend entfremdet sie sich dem amerikanischen Literaturbetrieb, auch wenn 1954 ihre Theaterstücke im Dodd Mead Verlag erscheinen. Aus Tanger schreibt sie Briefe an Freundinnen und ehemalige Geliebte. Auf einem Photo aus dem Jahr 1956 sitzt sie in einem Liegestuhl auf einem Boot, im Hintergrund Takelage und Reling, beide Beine übereinandergeschlagen. Auf ihrem Schoß liegt ein Buch. Sie schaut verbittert in die Kamera. 1957, nach der Veröffentlichung ihrer Geschichte "A Stick of Green Candy" in der Zeitung Vogue, mit nur 40 Jahren, erleidet sie einen Schlaganfall. Jane Bowles ist jetzt nicht nur physisch, sondern auch psychisch gebrochen. Es folgen Aufenthalte in Sanatorien und Krankenhäusern. An die amerikanische Musical-Sängerin Libby Holmann schreibt sie 1965:

"Darling Libby, es ist jetzt schon so lange her, daß ich nicht mal sicher bin wie dein Name buchstabiert wird. Ich schreibe immer weniger, weil ich oft unsicher bin wie man etwas schreibt, daß ich aufgebe und den Brief beiseite lege. Ich weiß nicht, daß es mir besser oder schlechter geht oder anders gesagt, ob meine Rechtschreibung besser oder schlechter ist und warum es eine Rolle spielen soll, aber das tut es... Es ist nie jemand in meiner Nähe, den ich fragen könnte außer Paul, und er ist die halbe Zeit nicht erreichbar... Alle Welt ist verrückt nach Truman Capotes Buch "In Cold Blood", ich werde es wahrscheinlich nie schaffen, aber ich hoffe irgendwann wenigstens einen Blick reinzuwerfen."

Im Verlag Sans Soleil sind die Briefe Jane Bowles, in einfühlsamer Übersetzung, nun endlich auch in deutsch erschienen. Formal hielt man sich dabei an die Chronologie ihres Entstehens von 1930 bis 1970. Inhaltlich dokumentieren die Briefe jahrzehntelange unerfüllte Sehnsüchte einer Schriftstellerin, die zeit ihres Lebens im Schatten ihres Mannes Paul Bowles stand. In ihrer unerfüllten Sehnsucht gleicht Jane Bowles so Kafkas Landvermesser, mit dem sie, trotz des Wissens um die Dinge, die Unfähigkeit zur Revolte teilt. Für den Leser wird mit jedem Brief die Gewalt einer Gesellschaft spürbarer, deren schockierend phantasielose und brüchige Realität sich zunehmend über die Existenz von Jane Bowles legt und der sie sich nicht erwehren kann. 1967 bis 1973 verbringt Jane Bowles in psychatrischen Kliniken im spanischen Malaga und in Los Angeles. Als sie dort 1973 stirbt, hat sie schon drei Jahre lang keine einzige Zeile mehr geschrieben.

Deutsch erschienene Werke von Jane Bowles: Zwei sehr ernsthafte Damen (1984), Einfache Freuden (1985) und Eine richtige kleine Sünde (1988), alle im Hanser Verlag

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