• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 16:05 Uhr Büchermarkt
StartseiteBüchermarktGood Bye "Good Bye Lenin"01.07.2005

Good Bye "Good Bye Lenin"

Bernd Lichtenberg schreibt kein Drehbuch

Bernd Lichtenberg mochte mit seinem literarischen Debüt nicht einfach anknüpfen an die erfolgreiche Wendekomödie "Good Bye Lenin", für die er das Drehbuch geschrieben hat. Eine ganze Reihe von Verlagen ist an ihn herangetreten mit dem Angebot, den Roman zum Film zu veröffentlichen. Doch der bisherige Drehbuchautor Bernd Lichtenberg wollte neue Erzählformen ausprobieren.

Von Christel Wester

Ein Ich-Erzähler in der Ameisenwelt (TAMU)
Ein Ich-Erzähler in der Ameisenwelt (TAMU)

"Ich denke, wenn man etwas zum ersten Mal macht, ist es immer ein Herantasten, Experimentieren, das auf jeden Fall. Ich hab natürlich Bilder im Kopf und einen Fluss von Bildern im Kopf, aber man kann es jetzt wirklich nicht mit dem Drehbuchschreiben vergleichen, weil ich für ein Drehbuch natürlich ganz anders schreibe. Und das quasi, was beim Film durch die Kameraführung, durch den Schnitt passiert, geschieht hier rein durch die Sprache. "

Und so hat sein Geschichtenband mit dem langen Titel "Eine von vielen Möglichkeiten, dem Tiger ins Auge zu sehen" auch erst einmal gar nichts mit der Erzählweise eines Spielfilms zu tun.

"Das ist natürlich nicht handlungs- oder plotorientiert im Sinne, wie man das beim Film macht. Aber es sind, glaube ich, so kleine Minierzählungen schon. Wobei "Erzählungen" ist vielleicht das falsche Wort. Es sind so wirklich kleine Minigeschichten, die vielleicht irgendwann – ja – stecken bleiben oder – ja – aufhören. "

Mag der Titel dieses Prosabandes auch lang sein – die Texte, die er enthält sind es nicht: Auf gerade mal 128 Seiten finden 35 Geschichten Platz. Viele dieser Geschichten gehen nicht über zwei Seiten hinaus und manche sind sogar noch kürzer, einige sind regelrechte Miniaturen und nicht wenige sind von der abstrusen Art. Da begibt sich ein Ich-Erzähler in die Ameisenwelt, stellt Mutmaßungen an über die Lektüre der emsigen Insektenspezies und taucht ab in Erinnerungen an die eigene Kindheit, wo er die Tierchen mit der Lupe in der Hand jagte – nicht, um herauszubekommen, was sie lesen, sondern um die Lupe als Brennglas zu erproben.

Da trifft man auf ein "Fräulein Schwarz": eine Gymnasiallehrerin, die aus den 50er Jahren entsprungen zu sein scheint und ein eigenartiges, unkonventionelles Morgenritual pflegt, das so gar nicht zu ihrer strengen Erscheinung zu passen scheint und darum geradezu surreal wirkt. Auch eine Aluminiumfrau gibt es und ein anderes märchenhaftes Wesen, das in einem Zwiebelturm gefangen ist und sich allmählich in die Freiheit frisst.

Bernd Lichtenberg spielt mit Märchenelementen, schafft surreale oder groteske Situationen, die er wie eine Momentaufnahme präsentiert: knapp, oft ironisch und immer mit einem Schuss Melancholie. Dabei wird nichts ausfabuliert, die Geschichten haben einen fragmentarischen Charakter.

"Es hatte schon auch was Befreiendes für mich, glaube ich mal, in so einer ganz kurzen Form zu schreiben, ohne direkt quasi eine Handlung bis um Ende durchzukonzipieren wie ich das für einen Spielfilm mache. Vielleicht hat das auch ein bisschen damit zu tun, warum ich gerade zu dieser Zeit das gemacht habe, weil ich hatte mehrere Drehbücher geschrieben und hatte wirklich auch Lust darauf, mich an so kurzen Sachen zu versuchen. "

Woran Bernd Lichtenberg offensichtlich sehr große Lust hatte, sind lange Schachtelsätze, in denen er Disparates zusammenmontiert und wohlkalkulierte Pointen setzt. Und dabei hat er Spaß an einer Bilderflut. Hören Sie den Anfang einer Geschichte, die fast etwas von einem Initiationsritus hat:

"An dem Tag, als der Fernseher implodierte, wegen eines Blitzeinschlags in die Antenne unseres Mietshauses, und der Sturm die Fenster so gegen die Rahmen schlug, dass bei unseren Nachbarn der Hamster durch ein wirbelndes Stück Scheibe, das ihn an der Kehle traf, ein Ende fand, an dem Tag, als der Wind so stark war, dass er das Goldfischglas meiner Großmutter vom Nachttisch fegte und der Goldfisch dann japsend am Boden lag, an diesem Tag kam es mir zum ersten Mal in meinem Leben – im Hausflur hinter einem Kinderwagen versteckt, heimlich meine Cousine Nancy beobachtend, die während dieser ganzen Katastrophe vollkommen nackt auf den Stufen des Treppenhauses saß, weil der Wind ihre Wohnungstür zugeschlagen hatte. "

Nicht alle Geschichten in diesem Band sind absurd, grotesk oder surreal. Bernd Lichtenberg hat auch einige vollkommen realistische Erzählungen geschrieben, die bei aller Situationskomik etwas wirklich Ergreifendes haben. Da gibt es beispielsweise den Großvater in der Erzählung "Loreley", der – längst Witwer – gern mit angeheiterten Rentnerinnen poussiert, die mit ihren Kegelclubs seine Stadt besuchen. Am folgenden Tag begibt er sich dann stets reuevoll zum Friedhof, um seine Untreue am Grab der verstorbenen Gattin, aber möglicherweise auch an dem der ebenfalls bereits verstorbenen Geliebten zu beichten. Auf nur anderthalb Seiten skizziert Lichtenberg hier mit wenigen markanten Strichen eine ganz wunderbare Geschichte über Altern, Trauer, Treue und Untreue und nicht nachlassende Erotik. Und neben der späten Liebe gibt es auch die erste Liebe in diesem Buch. Lichtenberg erzählt in "Endspiel am Oberbach" von einem verpassten Fußballweltmeisterschaftsfinale und einer verpassten Chance. Überaus charmant gelingt es ihm hier, die ganze Peinlichkeit und Tragik der Pubertät geradezu zum Leuchten zu bringen. Und zwischendurch gibt es immer wieder die Liebe, die am Alltag zerbricht – meistens erzählt aus der Kinderperspektive, die sich in eine Parallelwelt flüchtet.


"Ich denke, dass ich sehr oft Kindheits- oder Pubertätsgeschichten genommen habe oder über diese Zeit erzähle, hat den Grund, dass gerade in dieser Zeit natürlich es besonders stark dazu kommt, dass Menschen sich andere Vorstellungswelten aufbauen: Parallelwelten, und die werden ja sehr oft in dem Buch beschrieben. "

Kleine Fluchten sind es, die die Figuren in Bernd Lichtenbergs Geschichten unternehmen: Fluchten in Welten, die erst nur im Kopf existieren, dann aber in regelrechte Konkurrenz zur realen Alltagswelt geraten.

"Das mit Sicherheit, das glaube ich auch, dass es schon in den Geschichten oft darum geht, dass diese Fantasiewelten in Gefahr geraten, oder dass die Wirklichkeit so stark ist, dass die Fantasiewelt dem nicht mehr standhält. Also um diesen Widerspruch geht’s sicher schon. Und man muss sich natürlich auch überlegen, warum diese Fantasiewelten überhaupt geschaffen werden. Und dass ja offensichtlich dadurch, weil die Welt, wie sie den Figuren sich zeigt, so nicht akzeptabel ist oder so nicht zu handhaben oder dass es dort für diese Figuren schwer zu leben ist. "

Und das ist dann doch ein Motiv, das auch den Film "Good Bye Lenin" bestimmt: Auch hier wird eine Parallelwelt aufgebaut, die in hartem Kontrast zur Realität steht. Die schwerkranke Mutter, eine treue SED-Genossin, hat den Fall der Mauer nicht bewusst miterlebt, weil sie während der Unruhen einen Herzanfall erlitt und ins Koma gefallen war. Ihre Kinder simulieren DDR-Idylle in einer Privatwohnung, die Zeit wird angehalten. Dieses Aufeinanderprallen von Fantasiewelt und Realität ist auch ein zentrales Thema in Bernd Lichtenbergs Geschichten, ebenfalls die Nähe des Todes und das Sterben.

"Das ist sicherlich ein Motiv, das sich überhaupt durch meine Arbeit zieht. Also in "Good Bye Lenin", in Drehbüchern, die ich davor geschrieben habe , die zum Teil noch nicht verfilmt worden sind, war das immer schon ein Motiv. "

Bernd Lichtenbergs literarisches Debüt ist nicht spektakulär, und es ist fraglich, ob ein unbekannter Newcomer mit solchen Kurz- und Kürzestgeschichten einen Verlag gefunden hätte. Doch sind einige der Geschichten dieses Bandes äußerst charmant. Und auch wenn nicht jede Metapher passt und nicht jede Pointe sitzt, so beweist der Autor doch mit diesem Buch formale und inhaltliche Experimentierfreude.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk