• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellVermessung von Singapurs Schatten17.05.2017

Google Street ViewVermessung von Singapurs Schatten

Google fotografiert mit seinem Dienst Street View Straßenzüge ganzer Städte ab. Forscher aus Singapur nutzen diese Bilder nun, um die thermische Wirkung von Straßenbäumen zu messen, denn Sonnenschein, der nicht den Boden erreicht, heizt auch nicht die Straße auf. Die Forscher können so Empfehlungen geben, wo Bäume nachgepflanzt werden sollten.

Von Volker Mrasek

Eine Panoramaaufnahme der Skyline von Singapur von Chinatown in Singapur aus gesehen.  (imago/Xinhua)
Die Skyline von Singapur. (imago/Xinhua)

Eine Straßenkulisse in Singapur. Über fünf Millionen Menschen leben im tropischen Klima des asiatischen Stadt-Staates. Der britische Pflanzenökologe Peter Edwards ist einer von ihnen. Er leitet ein Außeninstitut der ETH Zürich vor Ort:

"Singapur ist eine sehr schöne Stadt. Aber ziemlich heiß und, vor allem, sehr schwül. Nicht einmal abends kühlt es besonders ab. Das hält viele davon ab, durch die Straßen zu laufen."

Es wäre wohl noch heißer, gäbe es nicht so viele Straßenbäume in der Metropole. Es sind über 200.000. Ihre Kronendächer spenden Schatten und mildern die Tropenhitze etwas.

Zusammen mit einem Fachkollegen hat Peter Edwards jetzt abgeschätzt, wie viel Abschattung in Singapurs Straßen auf das Konto der Bäume geht. Und wer die Sonnenstrahlung effektiver abschirmt: die Gehölze oder die vielen Wolkenkratzer in der Stadt. Das Besondere an der Studie: Die Forscher verwendeten dafür Daten von Google Street View. Das ist das Projekt, bei dem Autos mit einer Kamera an Bord durch die Straßen von Städten auf der ganzen Welt fahren und sie fotografisch erfassen.

"Alle 20 Meter hat Google Fotos in Singapurs Straßen geschossen. Diese Aufnahmen sind frei verfügbar. Und es sind nicht nur Straßenszenen, sondern Panoramaaufnahmen, die auch nach oben schauen. Und das bedeutet: Wir können darauf den Bedeckungsgrad der Bäume erkennen."

Fast 100.000 Farbfotos ausgewertet

Fast 100.000 dieser Farbfotos werteten die Forscher mit Computern aus. Alles Grüne in den himmelwärts gerichteten Aufnahmen setzten sie dabei mit der Blattfläche von Straßenbäumen gleich. Dann der nächste Schritt:

"Natürlich kennt man den Tages- und Jahresgang der Sonne genau und kann berechnen, wie viel direkte und diffuse Strahlung in Singapurs Straßen einfällt. Mit einem passenden Algorithmus haben wir dann abgeschätzt, wie groß der Anteil ist, den die Kronendächer abfangen und der deshalb nie den Boden erreicht."

Das Ergebnis: Es sind rund neun Prozent. Damit erweisen sich Straßenbäume als die größten Schattenspender in Singapur. Hochhäuser, so die Analyse, blockieren nur vier Prozent der einfallenden Sonnenstrahlung.

Auch Empfehlungen für Nachpflanzungen

Andererseits gibt es noch ziemlich großen Nachpflanzbedarf, wie man sagen könnte. Denn in 40 Prozent aller Straßen Singapurs fehlen Schattenspender. Und die Tropensonne kann den Boden ungehindert aufheizen. Auch das ergab die neue Studie:

"Wir haben festgestellt, dass die Baumbedeckung vor allem in den Industriegebieten sehr dürftig ist. Jetzt können wir den Stadtplanern eine Karte an die Hand geben und ihnen zeigen, wo man mehr Straßenbäume pflanzen sollte. Wobei man sagen muss: Es gibt auch noch andere Dinge, die wichtig sind, wenn es um den thermischen Komfort des Menschen in Städten geht. Vor allem Wind und Luftfeuchte. Die Abschattung ist nur ein Faktor - wenn auch ein sehr wichtiger."

Google Street View eröffnet hier neue Möglichkeiten, zumindest in den Städten, die schon fotografiert worden sind. Nicht immer gibt es die Panoramaaufnahmen allerdings kostenlos. Diese Erfahrung machte der Geowissenschaftler Xiaojiang Li vom Massachusetts Institute of Technology in den USA. Der gebürtige Chinese arbeitet an ähnlichen Stadtplanungsprojekten und nutzt ebenfalls Google Street View:

"Google Street View aktualisiert seine Fotos jedes Jahr, manchmal auch schon nach einigen Monaten. Aber diese Daten werden nicht veröffentlicht. Wir könnten sie gut gebrauchen, um auch Veränderungen im Stadtgrün und -klima zu verfolgen. Aber derzeit kostet das 10.000 Dollar pro Jahr, wie man mir sagte. In unserem Projekt können wir uns das nicht leisten. Ich finde, Google sollte die nachhaltigere Entwicklung unserer Städte unterstützen und diese Aufnahmen Forschern frei zugänglich machen."

Denkbar wäre dann auch ein Imagegewinn für den Internetkonzern und sein Projekt. Straßen und Häuser in Städten komplett abzulichten - davon sind bekanntlich nicht alle Anwohner gleichermaßen begeistert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk