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StartseiteBüchermarktGott als Gedanke21.05.2004

Gott als Gedanke

Gianni Vattimo: "Jenseits des Christentums"

Vor zehn Jahren, im Winter 1994, versammelte Gianni Vattimo, Philosophieprofessor in Turin, zusammen mit Jacques Derrida auf der italienischen Insel Capri einen Kreis von Gleichgesinnten. Gemeinsam gingen sie der von ihnen damals so genannten "Wiederkehr des Religiösen" nach.

Von Peter Michalzik

Gianni Vattimo, " Jenseits des Christentums", Coverausschnitt (Carl Hanser Verlag)
Gianni Vattimo, " Jenseits des Christentums", Coverausschnitt (Carl Hanser Verlag)

Vattimos Beitrag, auf Deutsch 2001 in dem Band Die Religion erschienen, war verheißungsvoll: Er machte den entschiedenen Vorsatz deutlich, das Religiöse unter den Vorzeichen der Gegenwart zu reformulieren und dabei nicht nur philosophisch sondern auch als gläubiger Christ vorzugehen. Wo hätte es das in der jüngeren Vergangenheit gegeben, ein ernstzunehmender Philosoph, der sich aktiv an der Verkündigung beteiligt?

Gleichzeitig wies Vattimo auf die Aussichtslosigkeit eines philosophischen Projekts hin, das das Wiederauftauchen der Religion naiv als eine bloße Rückkehr zu den religiösen Wurzeln begreift. Wenn reflektierte Religion möglich sein könnte, dachte man da, dann auf dem Weg, den Vattimo vorzeichnet. Jetzt hat er seine Gedanken ausgearbeitet und in einem eigenen Band vorgelegt, der unter dem etwas effekthascherischen Titel Jenseits des Christentums. Gibt es eine Welt ohne Gott? erschienen ist.

Der Tod Gottes, den Nietzsche verkündet hat, sagt Vattimo, bedeute nichts anderes als die Auflösung jenes Fundaments, auf dem das Sein, die Gedanken, das Philosophieren und der Glauben so lange ruhen konnten. Heidegger - der für Vattimo im weiteren Lauf des Buches der wichtigste Gewährsmann bleibt - habe diese Erfahrung mit der Denkfigur der "Seinsvergessenheit der Metaphysik", mit der Selbstaufhebung des traditionellen philosophischen Denkens, zur grundlegenden Denkfigur des 20. Jahrhunderts gemacht.

Der Verlust des Fundaments oder der metaphysischen Struktur des Wirklichen, ist für Vattimo gleichbedeutend mit der Postmoderne. Die Postmoderne ist die Epoche, in der Nietzsches und Heideggers Gedanken im allgemeinen Bewusstsein angekommen sind, sie ist auch der Begriff, um die Gegenwart treffend zu charakterisieren. Glauben in diesem postmodernen Zeitalter nähme zurück, was den christlichen Glauben von Anfang an gekennzeichnet hat: Die Vermählung mit dem philosophischen, platonisch-aristotelischen Gedankengut.

So vollzieht Vattimo eine Wende, die kühn zu nennen nicht übertrieben ist: "Meine Absicht ist eher zu zeigen, wie der postmoderne Pluralismus (mir, aber ich glaube, auch im Allgemeinen) gestattet, den christlichen Glauben wieder zu entdecken", sagt er. "Eben weil Gott als letztes Fundament, und das heißt als absolute metaphysische Struktur des Wirklichen, nicht mehr vertretbar ist", sagt Vattimo, "eben deshalb ist es von neuem möglich, an Gott zu glauben."

Denkwürdige Sätze. Tot ist für Vattimo nur der philosophisch gedachte Gott, ein anderer Gott lebt. Was aber soll das für ein Gott sein? Es ist auf jeden Fall ein schwacher Gott, ein nicht nur unbeweisbarer sondern auch aus einer Position der Schwäche hervorgegangener Gott, ein Gott, der nicht als objektive Wirklichkeit außerhalb der Heilsverkündigung existiert.

Der große Gedanke, unter den Vattimo seine spekulativ-philosophische Gläubigkeit stellt, ist die Säkularisierung. Säkularisierung erscheint ihm als eigentliche Erfüllung der neutestamentarischen Heilsgeschichte, als letzte Verwirklichung der Fleischwerdung Christi. Auch das ein gewagter Gedanke, der allerdings nicht begründet wird. Man muss es als Leser glauben, man muss davon fasziniert sein. Dann kann Säkularisierung nicht Preisgabe der Religion bedeuten, sondern kann wie hier Verwirklichung ihrer tiefsten Botschaft werden. Die Fleischwerdung als Verheißung und Aufgabe.

Vattimos Gott ist ein Wesen, das in seinem Verschwinden im Weltlichen sichtbar wird, ein Gott, zu dem eine merkwürdige Sekte von Postheideggerianern betet und der nicht wirklich existiert. Es ist, und darin liegt das eigentliche Problem, eben doch ein durch und durch philosophischer Gott. Darin liegt aber auch das Interessante. Denn Vattimo wollte, so zumindest sah es vor zehn Jahren aus, einen lebendigen Gott wiederentdecken oder freilegen. Es ist ihm nicht geglückt. Wenn es ein starkes Argument gibt, um Nietzsches Wort vom Tod Gottes zu unterstreichen, dann ist es, unfreiwillig aber nachdrücklich, Vattimos Buch. Gott wird hier nicht lebendig.

Vattimos Gott hat rein gar nichts mit Furcht und Beten, Schmerz und Tod, Vergebung und Auferstehung und all den Dingen zu tun, die wir mit ihm in Verbindung bringen. Als einziges Attribut bleibt ihm eine spiritualisierte Nächstenliebe. Außerdem sagt dieser Glaube: Ich glaube, dass ich an Gott glaube, aber ich weiß es nicht. Das ist eine direkte Umkehrung der traditionellen Begriffe, wo Glauben nicht mit einer objektiven Realität zusammenfiel, aber die Überzeugtheit des Glaubenden die des Wissenden übertraf.

Vattimos Gott ist ein Nischengott. Er hat etwas ähnlich Rührendes wie andere Versuche, Gott weiterleben zu lassen: In abstrakten Werten, wie das die Konservativen gerne tun, im häuslichen Bereich unter dem Herrgottswinkel, wie in manchen ländlichen Gegenden, oder im Innersten, als rein private Angelegenheit. Gott, so wie Vattimo ihn uns anempfiehlt, bekommt etwas von einem Sektenführer. Er ist ein typisches Produkt einer Reflexion über Gott, ein Gott, der vielleicht als Gott zu denken ist, mit dem sich aber sonst nichts anfangen lässt.

Der französische Philosoph Alain Badiou hat hierzu in wünschenswerter Klarheit das Notwendige gesagt. Was meint man eigentlich, wenn man, wie Nietzsche und Vattimo, sagt: Gott ist tot. "Wenn man behauptet Gott ist tot, dann war der Gott, über den man spricht, lebendig, und gehörte zum Bereich des Lebens. Über ein Konzept, ein Symbol und bedeutsame Funktion kann man sagen, dass sie veraltet, wiederlegt und unwirksam sind. Man kann aber nicht sagen, dass sie gestorben sind." Über diesen Gott aber spricht Vattimo unablässig. Was überlebt dazu, sagt Badiou, ist nicht mehr die Religion, sondern ihr Theater.

Gianni Vattimo
Jenseits des Christentums. Gibt es eine Welt ohne Gott?
Carl Hanser Verlag, 192 S., EUR 19,90 Euro

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