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StartseiteDLF-MagazinGott, segne die FDP!17.12.2009

Gott, segne die FDP!

Die Liberalen entdecken ihren Glauben

Wie kaum eine andere große Partei in Deutschland haben die Liberalen Distanz zum Christentum gehalten, einst wollten sie sogar die Kirchensteuer komplett abschaffen. Doch nun besinnt sich eine Gruppe von 41 FDP-Politikern auf Gott und hat die Initiative "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion" gestartet.

Von Jens Rosbach

"Gott ist auch ein Liberaler", sagt der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke. (otto-fricke.de)
"Gott ist auch ein Liberaler", sagt der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke. (otto-fricke.de)

"Oh, lasset uns anbeten, oh, lasset uns anbeten, oh, lasset uns anbeten."

Rund 20 Abgeordnete und Mitarbeiter beginnen den Parlamentsalltag mit einer Morgenandacht, darunter Gläubige der Gruppe "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion". Stehen Marktliberalismus und christliche Fürsorge nicht im Widerspruch zueinander? Haushaltspolitiker Otto Fricke schüttelt den Kopf. Der 44-jährige Protestant predigt etwas anderes:

"Gott ist auch ein Liberaler. Die Betonung ist auf dem Auch. Nicht: Gott ist Liberaler, sondern er ist es auch. Er ist ein Konservativer, an vielen Stellen sogar ein sehr Konservativer. An vielen ein sehr Sozialer. Wenn wir uns die Bibel mal an vielen Stellen genauer angucken, dann ist Basis der Bibel an vielen Stellen eine soziale Marktwirtschaft. Dann ist die Erwartung auch an den Christen, im Rahmen seiner Möglichkeit auch wirtschaftlich das zu tun, was er kann, und damit zu helfen."

Ist Gott auch gelb? Bildungs- und Entwicklungspolitiker Patrick Meinhardt ist der Chef der liberalen Bundestagschristen. Der evangelische Politiker verkündet ebenfalls die Vereinbarkeit von Religion und "Mammon".

"Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass das Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft das Grundprinzip des ehrbaren Kaufmanns gewesen ist und sein sollte. Und das hat eine zutiefst christliche und zutiefst liberale Prägung zugleich."

Fricke: "Wenn wir uns alleine das Gleichnis angucken mit den drei Söhnen, die von ihrem Vater - in Anführungszeichen - Silberlinge bekommen haben. Und dann etwas daraus machen. Wenn man sich das genauer anguckt, dann schilt der Vater seinen Sohn, der das Geld vergraben hat, dass er nichts gemacht hat damit. Dass er nicht das Vermögen gemehrt hat, nicht nur für sich selbst, sondern im Sinne seiner Aufgabe."

Genau genommen berichtet das Neue Testament von einem Mann, der seinen Dienern die Talente Silbergeld anvertraut. Und nicht seinen Söhnen. Aber die Liberalen galten noch nie als besonders bibelfest. Gaben sie sich doch jahrzehntelang religionskritisch und antiklerikal. Der größte "Sündenfall" der Freien Demokraten ereignete sich 1974: Damals forderte der FDP-Bundesparteitag eine stärkere Trennung von Kirche und Staat - und auch die Abschaffung der Kirchensteuer.

"Das ist so das Ur-Vorurteil: Weil ihr die Kirchensteuer abschaffen wolltet, habt ihr was gegen die Kirchen gehabt. Da hat sich bei uns aber einiges geändert. Dadurch, dass jeder ja jederzeit sagen kann: Ich will dieser Kirchensteuerpflicht nicht mehr unterliegen, ist das für einen Liberalen - jedenfalls im Grundsatz - etwas, wo man sagen kann: Ja, gut, wenn ich es so einfach kann, dann muss ich es an der Stelle nicht mehr machen. Aber der, der es will, der soll es ruhig tun. Und damit ist der Punkt jedenfalls inzwischen erledigt."

FDP-Haushaltspolitiker Fricke geht nach eigener Aussage regelmäßig zum Sonntags-Gottesdienst. Zudem engagiert er sich in der Synode seines Kirchenkreises Krefeld-Viersen. Fraktionskollege Meinhardt, 43 Jahre alt und aus Baden-Baden, war ebenfalls viele Jahre lang in Kirchengremien aktiv. Heute besucht er gern das heimatliche Zisterzienserkloster.

"Ein Ort, an dem jeden Tag um 17 Uhr die Messe noch auf Latein von den dortigen Schwestern gesungen wird. Für mich ein Ort, wo ich viel Ruhe und viel Kraft sammeln kann. Das gilt für mich aber auch hier im Bundestag."

Die 41 "Christen in der FDP-Fraktion" sind nicht nur in der Reichstags-Kapelle zu finden. Sie diskutieren auch mit anderen Gläubigen beim überkonfessionellen, parlamentarischen "Gebetsfrühstückskreis". Außerdem treffen sie sich alle paar Wochen als eigene Gruppe. Hier geht's dann auch um die Frage, inwieweit liberale und christliche Werte in der Tagespolitik vereinbar sind. Gerade bei moralisch heiklen Themen wie Sterbehilfe, Stammzellforschung oder Adoptionsrecht für Homo-Paare. Gruppenchef Patrick Meinhardt hält das eigene Gewissen für das letzte Kriterium. Der Politiker hat sich schon oft Anträgen anderer Fraktionen angeschlossen, die von der liberalen Linie abwichen. Wie bei der Stammzelldebatte. Hier plädierte Meinhardt für eine Stichtagsregelung, die ungehemmtes Forschen bremst.

"Das wenigste, was unsere Parteibasis will, ist, dass wir ne einheitliche Abstimmungsmasse sind. Sondern sie will gerade von uns, dass wir in aller Vielfalt unsere Verantwortung wahrnehmen."

Doch die Gruppe der liberalen Bundestagschristen stößt nicht nur auf Ja- und Amen-Reaktionen. Der katholische FDP-Abgeordnete Marco Buschmann etwa ist dagegen, die eigene Religiosität im Parlament an die große Glocke zu hängen:

"Ich möchte einfach vermeiden, dass die Menschen den Eindruck bekommen, wir würden hier sozusagen nur glaubensmotiviert handeln. Und deshalb ist es wichtig, dass wir Argumente jenseits der Religion haben. Am besten hart an der Sache und sachnah. Wir sollten den Anspruch haben, Dinge so zu erklären, dass auch Menschen ohne Glauben oder Menschen mit anderem Glauben als dem christlichen dies verstehen und akzeptieren können."

Ungläubiges Staunen auch beim linksliberalen Politiker Burkhard Hirsch, ehemaliger Vizepräsident des Bundestages. Hirsch findet den Neo-Kirchenkurs einfach unpassend. Wollen die Christen in der FDP-Fraktion ihren Glauben etwa instrumentalisieren? Arbeitskreis-Mitglied Bijan Djir-Sarai beichtete dem Magazin Spiegel, Zitat: "Unser Auftritt soll auch ein Signal an die Wähler sein, die sich in der Union nicht mehr zu Hause fühlen". Viele seiner Kollegen wie Otto Fricke segnen diese Aussage allerdings nicht ab:

"Ich sende durch solche Sachen nicht an irgendwelche Unionswähler ein Signal. Das Einzige, was ich tue, ist, ich sende an den Bürger, der folgenden Satz denkt: "Als Christ kann ich nicht FDP wählen!" Dem sage ich: Guck, ob du da nicht ein Vorurteil hast. Aber für mich ist Glaube nicht ein Kriterium, um Wähler irgendjemandem abzuluchsen oder nicht."

Wertkonservativ, kirchennah und gläubig. Verändert sich die FDP grundlegend durch die vielen frommen Gelben im Bundestag? Nein, bilanziert Kritiker Marco Buschmann. Trotz seiner Vorbehalte sieht er nicht den Teufel am Werk.

"Also ich habe im Moment nicht den Eindruck, dass das eine umstürzlerische Bewegung ist. Da muss man auch mal die Kirche im Dorf lassen."

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