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"Gott selber ist nicht in der Krise"

Theologe Hans Küng: Schon ein Zeichen der Erneuerung würde wieder mehr Freude in die Kirche bringen

Hans Küng im Gespräch mit Matthias Gierth

Der Theologe Hans Küng, 2004
Der Theologe Hans Küng, 2004 (AP Archiv)

In der katholischen Kirche haben nur noch streng linientreue Bischöfe die Chance, Karriere zu machen, sagt der Theologe Hans Küng. Seiner Meinung nach lässt sich aber ein "päpstlicher Absolutismus", bei dem das Kirchenoberhaupt in allen Fragen der Moral bestimmt, auf Dauer nicht durchhalten.

Matthias Gierth: Herr Professor Küng, Sie sind mit Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI, der letzte noch aktive Konzilstheologe. Welche Erinnerungen haben Sie an dem Morgen des 11. Oktober 1962?

Hans Küng: Das war für mich auch persönlich ein besonderer Tag, denn genau acht Jahre vorher habe ich am selben Ort in Sankt Peter unten in den Grotten meine erste Primiz zelebriert. Und insofern habe ich da besondere Gefühle gehabt, allerdings damals relativ pessimistische, was das Konzil angeht.

Gierth: Welche Stimmung herrschte damals in Rom?

Küng: Die Stimmung war eigentlich in unseren Kreisen – der deutschen Bischöfe und Theologen – sehr pessimistisch, denn erstens hatte die Kurie alle Posten besetzt, man hatte die Präfekten der Vatikanischen Ministerien zu Kommissionspräsidenten gemacht, man hatte die Sekretäre der Römischen Ministerien zu Erzbischöfen gemacht, um die kuriale Front zu verstärken, man hatte Dekrete gemacht, die wir alle für eigentlich ungeeignet ansahen. Man dachte, was soll da schon Gutes rauskommen?

Gierth: Wie sind Sie mit dieser pessimistischen Stimmung dann umgegangen?

Küng: Ja, wir haben uns einander bestärkt, dass man das nicht hinnimmt und dass man sich wehren muss. Aber noch wichtiger war natürlich die Eröffnungszeremonie, die nun stattfand.

Gierth: Was war das Besondere an dieser Zeremonie?

Küng: Ja, sie war der übliche Prunk und Protz des Vatikans, und ich erinnere mich noch an das Gesicht von Papst Johannes XXIII. Er war sehr gesammelt. Er hat nun eine relativ konventionelle Eröffnungsansprache gehalten, aber was von ihm selber reingeschrieben wurde, war – er sagte: "Der springende Punkt dieses Konzils ist nicht die Diskussion dieses oder jenes grundlegenden Glaubensartikels in weitschweifiger Wiederholung der Lehre der Kirchenväter, der alten und modernen Theologen, dies darf man aus unserem Geist wohlbekannt und vertraut voraussetzen. Dafür braucht es kein Konzil."

Ich habe an meinen Lehrer an der Gregoriana gedacht, der musste mit den Zähnen geknirscht haben, als er das hörte, wie da die Dekrete praktisch abserviert wurden. Und es folgte auch sofort der positive Gesichtspunkt. Der springende Punkt des Konzils nach Papst Johannes ist die zeitgemäße Glaubensverkündigung und damit der Auszug aus dem intellektuellen, terminologischen und religiösem Ghetto. Also das war ein Programm, das wurde nachher ständig zitiert, und da hat man plötzlich einen anderen Geist gespürt. Und das hat sicher die Kurie erschreckt, was er da gesagt hat.

Gierth: War dieses berühmte Aggiornamento, das Johannes XXIII. verwirklichen wollte – welchen Anteil hat sein nur fünf Jahre währendes Pontifikat am Weg der Katholischen Kirche im 20. Jahrhundert?

Küng: Er ist für mich der größte Papst des 20. Jahrhunderts, weil er tatsächlich die Periode der Stagnation, die gerade in den letzten Jahren von Pius XII .sichtbar wurde, überwunden hat. Und er hat in fünf Jahren mehr erreicht als viele Päpste in 50. Man muss sagen, eigentlich seit der Reformation ist nie so etwas Konstruktives geschehen wie die fünf Jahre Johannes XXIII., die er mit dem Konzil zusammen erreicht hat.

Er hat auch Fehler gemacht. Ich habe darauf hingewiesen auf die Ernennung der Präfekten der römischen Kongregation. Aber er hat natürlich einen anderen Geist ausgestrahlt. Er hat durch Zeichen gewirkt, er hat die Muttersprache gebraucht. Also, es war eine charismatische Figur, die inspirierend gewirkt hat. Wir hatten damals in den fünf Jahren keine Polarisierung in der Kirche. Das, was man nachher gesagt hat, das Konzil hätte polarisiert: Es hat nicht polarisiert, so lange Johannes XXIII. da war, weil er als Hirte so zusagen an der Spitze ging. Er hat sich nicht für einen großen Theologen gehalten, wohl aber für einen Seelsorger für die gesamte Kirche.

Gierth: In Ihren Erinnerungen sprechen Sie davon, dass die Freiheit des Konzils für jeden Teilnehmer ein unvergessliches Erlebnis gewesen sei. Wie ist diese Freiheit in Rom seinerzeit spürbar geworden?

Küng: Ja, das war eine Sensation sondergleichen. Die Wahlen beginnen, da hat sich der Kardinal Liénart von Lille gemeldet und hat gleich eine Rede gehalten: Er protestiere gegen diese Art und Weise, wie die Wahlen vorbereitet worden seien. Sie wollen nicht einfach übernehmen, was die Kurie ihnen an Namen vorgeschrieben hat. Es müssten neue Wahlen gemacht werden, die Bischöfe müssen volle Freiheit haben. Und dann hörte man die hohe, etwas singende Stimme des Kardinals von Köln, Frings. Und der hat das in einem klaren Latein so deutlich gesagt. Also, beides Mal ein Jubel unter Bischöfen. Man merkte, es war die Freiheit durchgebrochen und das Konzil hatte seine eigene Persönlichkeit gefunden.

Gierth: Gleichzeitig schreiben Sie auch davon, dass die Freiheit immer wieder auch Bedrohungen auf dem Konzil ausgesetzt war.

Küng: Das lag daran, dass das Konzil unter der Maschinerie der Kurie funktionierte. Die Kurie hatte die Möglichkeit, ständig reinzuwirken und zur Not auch den Papst selber einzuspannen, zum Beispiel über das Zölibat durfte man nicht reden, über die Ehescheidung gab es nur kurz eine Intervention von östlicher Seite, dann wurde das wieder abgesetzt. Es war bis zum Ende ein ständiger Kampf um das, was das Konzil sagen wollte. Und die konziliare Mehrheit, die überwältigend war, sah sich immer wieder dem Druck der Minorität ausgesetzt, die eben die Maschinerie des Konzils beherrschte.

Gierth: Jetzt haben Sie schon verschiedene Dokumente und Texte angesprochen. Welche Beschlüsse sind im Abstand die entscheidenden des Konzils gewesen?

Küng: Also, ich kann es ja messen an dem, was wir erwartet haben. Erstens das Ernstnehmen der Reformation als ein seriöses Ereignis, zweitens die Hochschätzung der Bibel im Gottesdienst, in der Theologie und im ganzen Leben der Kirche. Drittens die Verwirklichung eines echten Volksgottesdienstes in der Volkssprache, in der Verkündigung und Abendmahl. Viertens die Aufwertung der Laienschaft im Gottesdienst und Gemeindeleben. Fünftens die Anpassung der Kirche an die verschiedenen Kulturen und des Dialogs mit ihnen. Und schließlich die Reform der Volksfrömmigkeit. Das sind gewaltige Ergebnisse, die ja heute die Katholische Kirche ganz anders erscheinen lassen als sie vorher war.

Wenn wir das nicht gemacht hätten in den Jahren von 62 bis 65, hätten wir die 68er Revolution nicht so überstehen können. Das wäre ja furchtbar gewesen. Im Grunde haben wir vieles vorausgenommen und haben auf diese Weise das in der Kirche auch verarbeiten können.

Gierth: Sie hören das Interview der Woche im Deutschlandfunk, heute mit dem Theologen Hans Küng. Herr Professor Küng, Sie haben beim Katholikentag in Mannheim im Frühjahr abgelehnt, an einer Konzilsgala teilzunehmen, weil Ihnen mit Blick auf den Zustand der Katholischen Kirche nicht zum Feiern zumute sei. Sie haben gesagt, es bestünde eher Anlass zu einer Bußandacht oder zu einem Trauergottesdienst. Warum?

Küng: Das waren harte Worte, ich weiß das. Aber ich weiß auch, was ich sagte. Weil nämlich die Jahre nach dem Konzil in den deutschen Diözesen praktisch der Aufgabe gewidmet waren, das im Grunde ineffizient zu machen. Wir sind ja in einer Restaurationsphase, vor allem seit dem polnischen Papst, aber auch dem deutschen Papst in eine Restaurationsphase gedrängt worden. Die besteht darin, dass man jedenfalls alle Erneuerungen stoppt und dass man zweitens, wo man kann, zurückgeht, wieder die lateinische Messe favorisiert, wieder den päpstlichen Absolutismus favorisiert, wieder die Bischöfe nur zu exekutiven Organen der Kurie macht. Also das alles hat mir gezeigt: Es besteht kein Anlass, das zu feiern, weil wir ja im Grunde seit 50 Jahren gar keine Fortschritte gemacht haben.

Gierth: Das heißt, Probleme, die wir heute haben – ist Ihre These –, sind letztlich grundgelegt in auch Fehlentscheidungen oder Nichtentscheidungen auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil?

Küng: Genau so. Es war klar, dass alles, was das Konzil nicht gelöst hat, nachher als Problem dauernd brennen würde. Wobei ich noch hinzufüge, das sind natürlich Probleme, die zum Teil auf Hunderte von Jahren zurückgehen. Also, wenn man denkt, seit wann haben wir das Zölibatsgesetz für den gesamten Klerus der Westkirche? Das 11. Jahrhundert. Also, das sind uralte Probleme. Und wir haben eben gedacht, im Konzil können wir das regeln, und das ist leider nur zur Hälfte gelungen.

Gierth: Wenn man über diese Probleme heute mit Bischöfen, auch in Deutschland, spricht, so würden so manche durchaus Ihre Analyse teilen, so lange man ohne Mikrofon spricht. Aber sobald es darum geht, dem Nachfolger Petri, wie seinerzeit Paulus "dem Petrus ins Angesicht zu widerstehen", wie es im Neuen Testament heißt, da sinkt die bischöfliche Bereitschaft doch rapide. Woran liegt das?

Küng: Viele meiner Studienkollegen aus dem Collegium Gemanicum sind ja nachher Bischöfe, Kardinäle geworden. Ich habe durchaus Verständnis für diese Position, ich hab immer gefunden, wenn sie es gut machen würden, wäre es ja prima. Aber das System ist gerade nach dem Konzil noch einmal verstärkt worden, dass absolut sichert, dass nur linientreue Bischöfe hochkommen. Ich habe selber den Fragenkatalog aus einer Nuntiatur bekommen, die also für alle Bischöfe der Welt gelten. Da wird immer gefragt: Ist er fürs Zölibatgesetz, ist er für die Enzyklika Humanae vitae über die Geburtenregelung, ist er gegen die Frauenordination? Und einer der Leute aus der Nuntiatur sagte mir, als ich ihn fragte: Ja, was geschieht dann? Ja, er sagte: "Sobald einer sich äußert zu den Fragen – negativ –, wird er von der Liste der Kandidaten gestrichen."

Auf die Weise ist erreicht worden, dass wir heute einen völlig uniformen Episkopat haben. Dazu kommt, dass ja jeder Bischof in der Ordinationszeremonie selber in hoch feierlicher Form einen Gehorsamseid auf den Papst ablegen muss, obwohl der eigentliche Gehorsam doch nur Gott selber gehören kann. Also, bis da einer den Mut hat, wie Paulus dem Petrus ins Angesicht zu widerstehen, das ist bisher nicht gelungen. Ich habe ja einen Brief geschrieben als letzter Konzilstheologe mit Joseph Ratzinger an die Bischöfe der Welt und habe die Lage dargestellt nach fünf Jahren Pontifikat Joseph Ratzinger. Kein einziger Bischof hat gewagt, obwohl ich viele von ihnen persönlich kenne, mir eine Zustimmung oder auch eine Ablehnung zu schicken.

Gierth: Der Zustand der Katholischen Kirche in Deutschland hat ja in den letzten Jahren zu einem großen Auszug aus der Kirche geführt. Dazu hat hier insbesondere auch der Missbrauchsskandal beigetragen, der die Austrittszahlen noch einmal sehr stark in die Höhe hat steigen lassen. Die Antwort der katholischen deutschen Bischöfe darauf ist der Dialogprozess, in dem sich zurzeit die Katholische Kirche hier befindet. Beim letzten Treffen in Hannover ist deutlich geworden, dass doch etliche Bischöfe, etwa bei Thema "wiederverheiratet Geschiedene" Änderungen anstreben. Ist das ein Weg der Erneuerung?

Küng: Zunächst einmal möchte ich anerkennen, dass es sicher Bischöfe gibt, die die Probleme verstehen und die eine Veränderung möchten – nicht nur in der Frage der Geschiedenen, sondern auch in anderen Fragen. Aber das ist nur ein Teil der Bischöfe. In diesem Dialogprozess haben sich ja viele von vornherein verabschiedet unter Führung des kurial gesinnten Erzbischofs von Köln, Meisner. Die gehen schon gar nicht hin, die haben auch den direkten Draht mit der Kurie und verhindern dort alles, was da beschlossen werden soll, so dass diejenigen Bischöfe, die da noch an der Diskussion teilnehmen, im Grunde ungesichert dastehen. Sie sind dann in der Defensive und sagen: Ja, wir wollen das überlegen.

Und die Leute haben es natürlich langsam satt, zu hören, das müssen wir überlegen, oder das sind gesamtkirchliche Fragen. Die gesamtkirchlichen Fragen sind im Grunde römische Fragen. Nur weil die römische Kurie nicht will, muss das Zölibatsgesetz auch in Afrika und in Südamerika aufrecht erhalten werden, wo die Dinge noch viel schlimmer sind als bei uns, der Priestermangel noch größer ist. Das alles trägt zur Verschärfung der Krise bei.

Gierth: Rom selbst betont dagegen ja immer, die Krise der Kirche sei nicht Ausdruck einer Strukturkrise sondern einer Glaubenskrise. Ist da nicht auch etwas dran?

Küng: Da ist schon etwas dran. Aber zunächst einmal sei gesagt, wenn es sogar in Deutschland Theologen gibt, die sagen, das sei nicht eine Frage der Kirche sondern es sei die Gottesfragen – also, Gott selber ist nicht in der Krise, in der Krise ist die Kirche, die verhindert, dass man überhaupt heute noch eine positive Gottesbeziehung aufrecht erhalten kann. Die schweren Verfehlungen in sexueller Hinsicht, und dann vor allem die Vertuschung dieser durch die Jahre hindurch weltweit auf Befehl sogar der römischen Kurie, auf Befehl vom damaligen Kardinal Ratzinger, hat natürlich die Glaubwürdigkeit sehr erschüttert. Und insofern kann man nicht einfach sagen, das ist einfach nur eine Glaubenskrise.

Die Glaubenskrise ist auch provoziert durch die kirchliche Verkündigung. Wenn Sie zum Beispiel den ich weiß nicht wie schweren Katechismus der katholischen Kirche ansehen, was man jetzt eigentlich als Maßstab nehmen soll, das ist doch nicht Verkündigung. Wenn der Glaube ein Kilo braucht von Dokumenten und so weiter, was man da alles glauben soll, das ist inakzeptabel. Und wie man redet von Glaubenswahrheiten ist immer noch in den Formeln der hellenischen Konzilien, der mittelalterlichen Theologie.

Also die frische Sprache, wieder von der Schrift inspiriert, umzusetzen in die Frage, was bedeutet Christ sein heute, da haben wir zwar Vorschläge gemacht und gezeigt, wie man es machen kann, aber die Bischöfe und der Papst haben das nicht aufgenommen. Und da müsste eben gerade eine Veränderung im Sinne dieser Formulierung, wie sie Johannes XXIII. sagt: Es nützt doch nichts, einfach immer die alten Lehren, die wir kennen, zu wiederholen. Es müsste eben da ein Schritt voran gemacht werden. Also, davon spürt man in der bischöflichen Verkündigung und der päpstlichen Verkündigung der Gegenwart wenig.

Gierth: Mit Joseph Ratzinger verbindet Sie ja eine sehr lange Geschichte. Sie haben ihn seinerzeit dazu bewegt, an die Universität Tübingen zu kommen. Später sind Sie zu einem seiner schärfsten Kritiker geworden. Nach seiner Wahl zum Papst hat er sie sehr bald zu einem langen Gespräch getroffen. Und damals hatte man den Eindruck, es könne doch zu einer Aussöhnung und der Rücknahme auch des Entzugs Ihrer Lehrerlaubnis kommen. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass damals etwas angestoßen wurde, was dann doch nicht zum Ziel kam?

Küng: Also, zunächst einmal ging es mir ja nicht um die Wiedererlangung der Missio Canonica, der kirchlichen Lehrbefugnis. Ich lehre schon seit eh und je an der Universität Tübingen und in aller Welt und bin als katholischer Theologe anerkannt und brauche das nicht, die römische Fahrerlaubnis sozusagen. Ich habe einen ökumenischen Pass und komme überall durch.

Aber ich war natürlich außerordentlich dankbar, dass mein früherer Kollege Joseph Ratzinger als Papst sofort, als ich darum bat, mit ihm ein längeres Gespräch zu führen, zugestimmt hat. Wir haben vier Stunden intensiv miteinander geredet, freundschaftlich, auf gleicher Augenhöhe wie früher, und ich habe gedacht, etwas hat sich geändert. Es war wieder wie früher sozusagen.

Gierth: Worüber haben Sie gesprochen?

Küng: Wir haben vor allem über drei Fragen gesprochen, wo wir ziemlich große Übereinstimmung hatten: erstens die Beziehung des christlichen Glaubens zur Naturwissenschaft, zweitens der Dialog der Religionen und drittens die Notwendigkeit eines Weltethos.

Also, das alles verlief sehr positiv und ich hatte gehofft, dass er die Kurve findet, aus diesem anti-konziliaren Geist heraus, wieder auf das Vatikanum II einzuschwenken und voran zu gehen. Aber er hat sich leider, leider immer mehr nach dem Konzil nach den Pius-Brüdern orientiert. Er wollte die Konservativen gewinnen. Ja warum? Weil das irgendwo seinem bayerischen katholischen Herzen näher liegt.

Im Grunde möchte er die alte Liturgie wiederhaben. Im Grunde trägt er jetzt wieder auf mit dem alten Prunk und Protz mit Goldkreuz und einem Haufen Edelsteinen beladen und so weiter. Das alles sind nur die äußerlichen Zeichen, dass er sich wieder völlig auf diese Bahn begeben hat. Und als er dann noch anfing, die Eingemeindung dieser schismatischen Bischöfe, die außerhalb illegitim gewählt worden sind, zu betreiben, da hört es bei mir auf. Da musste ich auch öffentlich protestieren. Wir haben immer noch Korrespondenz miteinander, aber wir haben eben – das sieht er auch ein – zwei Formen, heute katholisch zu sein. Das eine sind die konziliar bewegten Leute, erneuerungsfreudig, die weiter gehen wollen, und die anderen, die zurück hängen und halt die traditionalistische Liturgie am liebsten wieder hätten und eigentlich nach rückwärts blicken.

Gierth: Gibt es positive Seiten seines Pontifikats, die Sie sehen?

Küng: Er hat immer wieder Zeichen gegeben. Damals nach der unglücklichen Regensburger Rede hat er dann in der Türkei positiv gewirkt. Er hat auch neuerdings jetzt im Libanon Parolen aufgegriffen, die ich schon 1967 damals ausgegeben hatte, auch im Libanon, der Dialog der Religionen. Also, das hat er aufgenommen, das hat mich sehr gefreut. Und es gibt natürlich in seinen Enzykliken durchaus positive Passagen. Zum Beispiel sehr schöne Dinge über die Liebe hat er gesagt. Ich will das alles nicht schlecht machen. Ich habe auch keine Ressentiments, im Gegenteil, ich glaube, wir respektieren uns gegenseitig in unserer Verschiedenheit. Aber ich muss protestieren, wo er halt nicht der Schrift folgt, sondern mittelalterlichem Kirchenrecht, wo er nicht das II. Vatikanum fördert sondern das I. Vatikanum. Das sind halt verschiedene Wege und da kommen wir wohl offenkundig nicht zusammen.

Gierth: Sie haben sich Ihr Leben lang ja an Rom und an der Kurie, man kann schon sagen, auch abgearbeitet. Wäre mit etwas mehr Kompromissbereitschaft von Ihrer Seite auch von der anderen Seite mehr möglich gewesen?

Küng: Nun ja, also ich bin ja nun durchaus kompromissbereit, nicht wahr? Ich habe mich auch nicht abgearbeitet. Ich bin stolz darauf, dass ich sieben Jahre in Rom gewirkt habe, gute Examina gemacht habe. Ich bin also auch mit dem Wasser des Siebes gewaschen. Also, das ist durchaus für mich keine etwa negative Periode und ich habe auch keinen anti-römischen Affekt. Ich kenne die römische, italienische Mentalität sehr gut. Das alles ist mir durchaus nicht unsympathisch und manchmal besser als die deutsche, denn die schlimmsten Leute in Rom sind diejenigen, die von außen kommen und sich dann entsprechend noch päpstlicher als der Papst aufführen.

Aber es ist natürlich nicht gemacht mit weichen Kompromissen. Ich hatte ja eine Privataudienz mit Paul VI. am Ende des Konzils, wo er mich aufforderte, in diese Kirche – er meinte die römische Kirche – zu treten. Dann hätte ich sicher nicht weniger rasch Karriere gemacht wie mein Kollege Joseph Ratzinger, den er als den Zweiten ausersehen hatte für eine besondere Aufgabe. Aber das kann ich doch nicht machen, wenn es darum geht, ob man nun dem Evangelium folgt oder nicht folgt. Es sind ja keine Kleinigkeiten, um die da gestritten wird. Und da bin ich zwar verhandlungsbereit, aber wenn es natürlich darauf ankommt, können sie nicht einfach Kompromisse machen, ob wir einen päpstlichen Absolutismus dulden sollen, wo einer meint, er kann über die Pille befinden, über alle Fragen der Moral befinden. Das ist einfach nicht mehr durchzuhalten. Und da gibt es halt auch keine Kompromisse etwa in der Frage, kann er nun Statements abgeben, die nicht falsch sein können. Das ist die Unfehlbarkeit.

Ich habe ein Buch geschrieben "Unfehlbar – eine Anfrage". Diese Anfrage ist nie beantwortet worden, obwohl sie ja von der Enzyklika Humane Vitae über die Pille provoziert worden war. Und da konnte man dann schließlich auch nicht mehr diskutieren, nachdem sie dann ihre Verfahren nicht durchführen konnten gegen mich, weil sie formal schon gegen die Menschenrechte waren, insofern man gar keine Akteneinsicht bekam und so weiter. Da haben sie dann einfach in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mir die kirchliche Lehrbefugnis entzogen. Das hat ja nicht dazu geführt, dass man nun hätte leichter reden können miteinander. Es hat aber dazu geführt – positiv –, dass ich mich auf neue Gebiete ausdehnen konnte.

Ich glaube, ich hätte die Weltethos-Idee nie gehabt, wenn ich einfach hätte weiter Dogmatik dozieren müssen. Und ich bin sehr froh über die Entwicklung, auch wenn sie nicht beabsichtigt war von römischer Seite. Ich habe dadurch den Weg gehen können im Dienst an der Einheit der Kirche zum Frieden unter den Nationen bis hin zur Gemeinschaft der Nationen. Ich konnte für die Uno wirken, für die Unesco wirken. Das alles hat mir ja auch viel Kredit gegeben, weil man etwas von mir erwartet, das ist Wahrhaftigkeit, Integrität, und nicht einfach eine Anpassung an die Meinung der Oberen.

Gierth: Aber gab es nicht auch Zeiten, in denen Sie unter der Dissidentenrolle, die Rom Ihnen zugewiesen hat, selbst gelitten haben?

Küng: Ja. Am schlimmsten waren natürlich die vier Monate vor Weihnachten '79, als der Missio-Entzug da war bis April zum Semesterbeginn hier in Tübingen, vier Monate, die schlimmsten meines Lebens, wo ich nicht wusste, was aus mir wird, ob ich nicht nach Karlsruhe gehen muss, um meine Lehrfreiheit einzuklagen, oder ob ich hier bleiben kann oder ob ich in die Schweiz auswandern muss, wo man mir einen Lehrstuhl in Zürich angeboten hatte und so weiter. Also, das waren schwierige Zeiten. Und ich möchte es nicht verheimlichen, dass mich das bis an den Rand der physischen Erschöpfung geführt hat.

Aber das habe ich ja überwunden. Und nachher konnte ich mit neuer Freiheit wirken und konnte mein eigenes Forschungsprogramm machen. Ich konnte die Bücher eines nach dem anderen ruhig entwickeln, also das, was Joseph Ratzinger jetzt sehr vermisst, dass er keine solchen Bücher geschrieben hat und deswegen meint, als Papst müsse er jetzt noch Bücher schreiben. Das ist also das Schlimmste, was man machen kann, nun die Kirchenregierung zu vernachlässigen, um Bücher zu schreiben. Dafür hätte er Professor bleiben sollen. Also, das nehme ich mit Humor und – jedenfalls was mich angeht – mit Zufriedenheit.

Gierth: Jetzt haben Sie in unserm Gespräch etliche Desiderate benannt. Manchmal ist es ja schwieriger, konkrete Vorschläge zu machen, die Situation der Katholischen Kirche zu verbessern. Gibt es so etwas wie ein Küng'sches Reformkonzept?

Küng: Im Grunde geht es ja darum, dass wir uns wieder mehr auf die christliche Botschaft konzentrieren und fragen würden, nicht was sagt das Kirchenrecht, was sagt der Papst Soundso, was sagt das Konzil, sondern was würde Jesus selber sagen und tun, wenn er hier wäre, der Nazarener? Es müsste also auch auf dem Petersplatz erkennbar sein, dass das der Nachfolger dieses Jesus ist. Und da, glaub ich, merkt man, wie groß die Distanz der gegenwärtigen Hierarchie ist in ihrem Prunk und Aufzügen zu dem Nazarener, zum ersten Papst, wenn man ihn schon so nennen will: zu Petrus. Also, das wäre das Wichtigste, sich auf die ursprüngliche Botschaft, wie sie in der Bibel dargelegt ist, zu konzentrieren und gleichzeitig die Augen offen halten für das, was Johannes XXIII. die Zeichen der Zeit genannt hat. Die Zeichen der Zeit müssen wir lesen.

Also, es wäre möglich, an allen Punkten anzufangen. Es würde schon ein Zeichen genügen, um wieder etwas mehr Freude in die Kirche zu bringen, etwas mehr Hoffnung, wenn zum Beispiel es in der Ehescheidungsfrage einen Schritt voran ginge oder in einer anderen Frage. Aber irgend ein Zeichen hoffe ich noch, wird Ratzinger, der gleich alt ist wie ich und doch auch seinem Ende entgegengeht wie ich, dass er das noch schafft, ein positives Zeichen zu setzen, das ihn in besserer Erinnerung halten lässt.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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