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StartseiteKultur heuteGottes Kampf in Gaza09.05.2009

Gottes Kampf in Gaza

Ein israelischer Film heizt den Kulturkampf zwischen Säkularen und Religiösen in der Armee an

Israel ist unverwundbar, der Gazakrieg hat keine Opfer gefordert, Gott schützte die israelischen Soldaten vor den Angriffen. Polemisches, zu sehen und hören in einem Internet-Video, produziert von Militärrabbinern. Ziel: Israels Soldaten aufzustacheln und motivieren, das "übernatürliche" jüdische Volk zu verteidigen.

Von Joseph Croitoru

Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)
Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)

Vom Kulturkampf zwischen Säkularen und Orthodoxen waren Israels Streitkräfte lange Zeit verschont geblieben. Das hat sich inzwischen geändert. Der jetzige Chef des Militärrabbinats, Avichai Rontzki, ist der erste Militäroberrabbiner, der der militanten Siedlerbewegung angehört. Nun versucht er, ihr radikales Gedankengut in der Armee zu verbreiten. Rontzki hat die Zahl der Militärrabbiner binnen weniger Jahre vervielfacht und sieht sie als sakrale Speerspitze der Nation – bei den Frontsoldaten haben sie die Mission, einen religiösen Kampfgeist zu entfachen. Genau das haben sie im jüngsten Gazakrieg auch getan, was bei Israels Säkularen zu einem Aufschrei der Empörung geführt hat – sie warfen dem Militärrabbinat unerlaubte Missionierung und Politisierung der Soldaten vor. Die Kritik hatte jedoch keinerlei Konsequenzen. Im Gegenteil, Israels religiöse Eiferer fühlten sich nun offenbar sogar gestärkt. So ist denn auch seit einigen Tagen auf einer ihrer einschlägigen Internetseiten ein fast vierzig Minuten langer Film zu sehen, der mit seiner äußerst tendenziösen Auslegung des Krieges ihr radikales Gedankengut verbreitet und im Land für Aufregung sorgt. Allein schon der Titel irritiert: "Gegossenes Blei (so hieß bekanntlich die jüngste Militäroperation im Gazastreifen) – wie hat Gott in Gaza gekämpft?" Gleich zu Beginn wird das Überleben des jüdischen Volkes als Werk Gottes dargestellt, man sieht Bildsequenzen vom Holocaust und den verschiedenen Nahostkriegen:

"Über Jahrtausende hat das Volk Israel unzählige offene und verborgene Wunder erlebt, die die Menschheit nur staunen und ohne Zweifel erkennen ließ: Das jüdische Volk ist etwas ganz besonderes, ja übernatürliches."

In die lange Kette von Gott bewirkter Wunder reihen sich auch die zahlreichen Raketenangriffe der Hamas ein. Deren Folgen werden zehn Minuten lang neben kurzen Interviews mit Betroffenen gezeigt. Durch geschickte Filmmontagen wird dem Zuschauer suggeriert, dass die zahlreichen Raketeneinschläge – natürlich dank göttlicher Vorsehung – dem jüdischen Volk nichts anhaben konnten und niemand auf israelischer Seite getötet wurde. Das ist bekanntlich falsch. Ebenso tendenziös werden die Aussagen der Befragten so geschnitten, dass der Eindruck entsteht, sie hätten die Attacken nur durch ein Wunder überlebt. Nun geht der Film zum nächsten göttlichen Wunderwerk über – dem jüngsten Gazakrieg. Auch hier soll es laut der Darstellung im Film unter den israelischen Soldaten keine Todesopfer gegeben haben, was wieder nicht der Wahrheit entspricht; und auch hier berichtet man, ausweglose Kampfsituationen wie durch ein Wunder überlebt zu haben. Auch Militärrabbiner kommen zu Wort: Sie dürfen die Erfolge ihrer Bemühungen feiern, etwa mit der Verteilung von Gebetsschals, die die Gläubigen gegen Sünden und Gefahren stählen sollen, an nichtreligiöse Kameraden.

"Über 300 Gebetsschals verteilte ich im Bataillon. Jeder Soldat, der in den Kampf nach Gaza zog, wollte einen haben. Ob säkulare oder religiöse Soldaten, jeder bekam einen Gebetsschal, Psalmen und ein Religionsbuch."

Dass mit den religiösen Pamphleten des Militärrabbinats die Soldaten gegen die Palästinenser aufgehetzt wurden, wird in Israel ebenso heftig kritisiert wie die Tatsache, dass im Abspann des Films auch dem Militärsprecher gedankt wird. Der aber bestreitet inzwischen jegliche Mitwirkung und macht, so wörtlich, eine "kleine Gruppe von Soldaten" für den aus seiner Sicht verwerflichen Film verantwortlich. Dass diese jedoch sogar im Kampfgebiet überhaupt frei drehen konnten, zeigt, dass dem Militär die Kontrolle über seine eifrigen Militärrabbiner allmählich entgleitet.

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