• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteBüchermarktGrand old lady21.11.2003

Grand old lady

Nadime Gordimer zum Achtzigsten

<em> Und dann. Dieses Konzert... Mahlers Symphonie Nr. 1 nach Respighi. Ich habe vergessen, dass sich aufgezeichnete Musik, die du in einem Zimmer hörst, umgeben von den immer gleichen Dingen ... in keiner Weise mit Musik vergleichen lässt, die du hörst, während sie entsteht. Und die du auch siehst, das ist der Unterschied, denn die akustische Wiedergabe ist heutzutage ja perfekt... Wenn du den Musikern zusiehst, wie sie die Töne erschaffen, die du hörst, ihre Bewegungen, ihr Atmen, die konzentrierten Gesichter, sogar die Art, wie sie sitzen, sich vorbeugen je nach dem Anweisungen des Dirigenten, er ist ein Magier, der ihre Körper in Klang verwandelt. Ich glaube nicht, dass ich besondere Notiz von ihr genommen habe. .. Und das wäre auch schon alles gewesen..., wenn sie nicht am nächsten Tag ... wieder im Flugzeug gewesen wäre ... Jetzt vermeide ich es, mit meinen Kindern über sie zu sprechen... Ich will nicht, dass irgendwer herumrennt und ‚Erkundigungen’ über sie anstellt, über ihr Leben, als wäre die Frage, ob sie zu mir passt oder nicht, ein Thema, das irgendetwas mit ihnen zu tun hat. Aber natürlich hat alles an dieser ‚Affäre’, .. sehr wohl mit ihnen zu tun, denn es geht um ihre Mutter, jemand, den sie ihr Leben lang als meine andere Hälfte betrachtet haben – betrachten werden. Sie werden mich wieder zusammensetzen wollen. </em>

Johannes Kaiser

Nadime Gordimer (AP)
Nadime Gordimer (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Audio Links:

Der Büchermarkt vom 20.11.2003 als Real Audio

"Sie nahm unsere Zukunft vorweg, lange bevor sie akut wurde. In anderen Worten, Gordimers Werk ist keine Apartheidliteratur, es ist Postapartheidliteratur. Sie wurde geschrieben, um die Apartheid zu beenden, ist zukunftsgerichtet. Und als das dann passierte, wurden diese Sachen zu Gründungsdokumenten der Demokratie. Sie sind nicht irrelevant, vielmehr die einzige Art, wie man verstehen kann, wie wir dahinkamen, wo wir jetzt sind, denn es gab Menschen, die eine solche Vision hatten, sagten, wir werden in einer Demokratie leben, in der Schwarze und Weiße gleichberechtigt sind. Außerdem kann man fast alle südafrikanische Literatur durch Gordimer lesen. Für andere Schriftsteller ist es unmöglich, einen Platz in der südafrikanischen Literatur einzunehmen, ohne sie wahrzunehmen. Selbst wenn man die Augen schließt und sagt, ich will nicht wie Gordimer sein, dennoch bestimmt sie, wie man schreibt. Es ist einfach ein wunderbares und großartiges Werk."

Der 45jährige schwarze Dichter Andries Oliphant, Vorsitzender der Kunst und Kultur Stiftung des südafrikanischen Präsidenten hat nicht wenig dazu beigetragen, dass die schwarze Regierung Nadine Gordimer zum ‚kulturellen Schatz’ des Landes erklärt, in den Status einer ‚lebenden Legende’ erhoben hat.

Die zierliche, kleine weiße Südafrikanerin empfängt mich bei sich zu Hause in Johannesburg in ihrem großzügigen lichtdurchfluteten Wohnzimmer freundlich-lächelnd und doch auch leicht distanziert. Sie hat die Ausstrahlung einer ‚grand old lady’, distinguiert, dezent geschminkt, das schlohweiße Haar sorgfältig frisiert. Die Ausstrahlung ist eindeutig selbstbewusst, selbstsicher, hellwach. Nichts deutet daraufhin, dass sie bereits im achtzigsten Lebensjahr steht. Sie scheint in sich zu ruhen, in ihrer Arbeit. Sie schreibt weiterhin, lebt also im kreativen Unruhestand.

Bereitwillig gibt Nadine Gordimer Auskunft über ihre Bücher, ihre politischen Ansichten, ihr Schriftstellerdasein. Persönliches klingt selten an. Sie wirkt beherrscht, kontrolliert, intellektuell.
Wüsste man nicht, mit wie viel Leidenschaftlichkeit sie ihre Romanfiguren ausstattet, könnte man sie für einen kühlen, emotionslosen Menschen halten.

Als Kind wäre sie am liebsten Tänzerin geworden, an Talent fehlte es nicht, aber das war in der kleinen Bergarbeiterstadt Springs in der südafrikanischen Provinz Transvaal, in der sie aufwuchs, keine ernstzunehmende Berufswahl. So gab sie den Ballettunterricht auf und widmete sich dem Geschichtenerfinden. Das fiel ihr nicht schwer.

Ich hatte bereits mit Ende sechs angefangen selbst zu lesen. Vorher hatte meine Mutter mir und meiner Schwester vorgelesen. Es gab also bereits diese große Liebe für imaginäre Ausflüge in andere Leben und da begann wohl mein Wunsch, etwas über mein eigenes kleines Leben ausdrücken zu wollen. Also schrieb ich vom Alter von 9 an Kindergeschichten. Damals gab es in den Samstagszeitungen Sonderseiten für Kinder. Dort wurden diese kleinen Geschichten veröffentlicht und ich war darauf sehr stolz. Und dann begann ich Geschichten für Erwachsene zu schreiben. Meine erste wurde veröffentlicht, als ich 15 war und das war 1939, als der Krieg ausbrach. Als ich meine Geschichte in einer richtigen Erwachsenenzeitschrift veröffentlicht sah, war das der beste Augenblick meines Lebens - der Nobelpreis kommt dem nicht mal nahe - es war großartig.

Nadine Gordimers Eltern waren Zugereiste, Einwanderer, bemüht sich anzupassen, nicht anzuecken. Vor der gesellschaftlichen Wirklichkeit verschlossen sie die Augen. Die Rassentrennung war akzeptierter Alltag. Doch die Heranwachsende verweigerte sich dem allgemeinen Hautdünkel.

Die meisten beginnen mit der Theorie, lesen linke Arbeiten, Marx, Engels, Lenin. Ich nicht, ich erlebte die Dinge, sah wie der Kolonialismus funktionierte, der Rassismus, die Unterdrückung und eine meiner ersten Geschichten als Erwachsene, das war ich 17, hatte ein autobiographisches Element. Damals war es Schwarzen nicht erlaubt, Alkohol zu kaufen, nicht mal Bier. Selbstverständlich war es auch nicht erlaubt, es selber zu brauen, aber in jedem Hinterhof in der kleinen Stadt, in der ich lebte, wurde gebraut und so machte die Polizei regelmäßig Razzien. Eines Nacht nun wachte ich zusammen mit meinen Eltern zuhause auf, im Garten war ein großer Krach, wir standen auf und gingen raus. Für uns arbeitete eine schwarze Frau. Sie hatte nur einen kleinen Verschlag ohne Badezimmer, keine vernünftige Unterkunft, wie das heute üblich wäre - man ging einfach davon aus, dass sie so was nicht bräuchten. Und wir standen dabei, während die Polizisten, darunter auch schwarze, ihr Bett rausrissen, alles auseinander nahmen und meine Eltern sagten gar nichts. Weder mein Vater noch meine Mutter fragten nach einem Durchsuchungsbefehl. Es war einfach klar, dass Schwarze keinerlei Rechte hatten, und dem stimmte man zu.

Die junge Frau hielt es nicht in der geistigen Enge der Minenstadt. Zum Literaturstudium zog sie 1945 nach Johannesburg, der kulturellen Metropole Südafrikas. Hier traf sie Gleichgesinnte, die sich ebenfalls für Literatur begeisterten, selbst schreiben wollten, kam in die Kreise von Apartheidgegnern, radikalisierte sich, indem sie nicht zuletzt durch ihren aus Nazi-Deutschland geflohenen Mann Reinhold begriff, dass man sich entscheiden musste:

Es heißt, man solle nie darauf beharren, Recht zu haben. Aber wenn es um Rassismus geht, da gibt es nichts zwischendrin. Man muss ihn vollkommen ablegen. Das betraf ja auch die Menschen in Deutschland. Wenn man erst mal damit anfängt: Aber die Nazis haben doch, Deutschland war sehr arm, den Menschen Brot gegeben. Das entschuldigt nichts. Man war entweder für den Rassismus oder gegen ihn und genauso war das hier.

Mit großer Selbstverständlichkeit nahm sich Nadine Gordimer in ihren Büchern der südafrikanischen Apartheid-Politik an, war sie doch ein unvermeidbarer Bestandteil des täglichen Lebens und drängte allem ihren Stempel auf. Der staatliche Zensurbehörde gefiel das weniger. Drei Romane Gordimers wurde gebannt, d.h. sie durften weder gedruckt, vertrieben noch verkauft werden. Doch Nadine Gordimer beließ es nicht beim schreibenden Protest.

Man musste in solch einer Situation natürlich auch bestimmte Risiken übernehmen, um zu zeigen, dass man zur Befreiungsbewegung gehörte, nicht nur drüber redete. Leute, die auf der Flucht waren, hinter denen die Geheimpolizei her war und die sich irgendwo versteckten mussten – da nahm man ein großes Risiko auf sich. Und wie lange kann man das machen, denn wenn derjenige einmal gefasst wird und sie finden es heraus, dann wird das Haus überwacht. Die Situation machte uns alle zu Lügnern. Man wurde zu einem versierten Lügner. Haben Sie diesen oder jenen gesehen? Nein, seit drei Monaten nicht mehr, während dessen hockte der oben in einem Schrank. Ich hatte eine sehr liebe Freundin, die ins Exil gehen musste. Sie war eine Weiße und Kommunistin, die sehr eng mit dem ANC zusammenarbeitete und die blieb irgendwo in Afrika hängen. Ich hatte einen Pass, also konnte ich sie besuchen, vorgeblich als Touristin, und ihr Geld bringen. Alle diese Sachen waren sehr gefährlich.

So eindeutig und unmissverständlich Nadine Gordimers Sympathien für den Befreiungskampf auch waren - sobald das Verbot des ANC aufgehoben wurde, trat sie ihm offiziell bei -, so differenziert vielschichtig sind ihre Romanwelten. Ihre Figuren sind weder gut noch böse, vielmehr widersprüchlich, zweifelnd, unsicher, voll gegensätzlicher Empfindungen, moralischer Skrupel. Nur eines fällt auf: ihre Frauengestalten. Wiederholt hat sie sich junge, starke, emanzipierte Persönlichkeiten zu Heldinnen erkoren.

Ihre Erzählweise war und ist bis heute realistisch. Keine formalen Experimente, keine sprachlichen Eskapaden sollen das Verständnis ihres Werkes trüben. Sie will begriffen werden. Aber sie hat sich immer geweigert, Lösungen anzubieten. Fast alle ihre Romane haben ein offenes Ende.
Schaut man zurück, stellt man erstaunt fest, dass Nadine Gordimer immer wieder frühzeitig Themen aufgriff, die erst später ins öffentliche Bewusstsein rückten wie z.B. die Landfrage. Doch auch ihre Romane, die in der endlich verwirklichten Demokratie spielen, setzen sich mit heiklen Problemen auseinander. Dabei geht es um die Anpassungsschwierigkeiten der zurückkehrenden Exilanten oder die allgegenwärtige Gewalt, um die weiterhin existierenden schwarz-weißen Vorurteile, Korruption oder illegale Immigranten. Ihr gerade auf deutsch erschienener Band ‚Beute und andere Erzählungen’ zeigt die ganze Bandbreite ihrer Interessen. Einige Geschichten erkunden eher Persönliches: das sexuelle Erwachen eines Mädchens während des 2. Weltkrieges, den Besuch eines gedungenen Mörders am Grab des von ihm erschossenen Politikers, die schockierende Erfahrung erwachsener Kinder, dass ihr Vater die Mutter für eine jüngere Geliebte verlässt – eigentlich ein alltägliches Thema, durch den Perspektivwechsel aber vollkommen ungewohnt.

Nicht weniger tiefgründig Gordimers Obdachlosen-Phantasie. Die in Südafrika allerorten anzutreffenden wohnungslosen Bettler erobern peu á peu ein Universitätsgelände. Ihr in den Tag leben verführt immer mehr Studenten, schließlich auch Lehrkräfte, ebenfalls auszusteigen. Unter der Oberfläche der Zivilisation, unter der dünnen Haut der Disziplin und Ordnung, lauert die Lust am Sich-Treiben-Lassen, der Reiz, sich aller Verantwortung zu entledigen.
Neuland betritt die Schriftstellerin dann mit einem novellenartigen Geschichtenzyklus unter dem Titel Karma:

Ich war fasziniert von dieser Idee, dass es, was den Geist betrifft, nicht zuende ist, wenn man stirbt, dass man gewissermaßen zurückkommt und da gibt es dann zwei Formen: entweder man büßt für die Sünden, die man begangen hat oder man beendet sein unvollendetes Leben. Man hatte es vielleicht falsch angegangen, also kommt noch mal zurück. So entstand die Idee einer Art körperlosen Erzählers. Ich wollte mir anschauen, welche Möglichkeiten in den Leben der Menschen stecken.

An den Wänden im Wohnzimmer hängen Originaldrucke von Toulouse-Lautrec und Cézanne, in einem Glasschrank afrikanisches Kunsthandwerk. Im Flur eine Sammlung afrikanischer Tonkrüge: schlicht, schön, erdfarbene Töne. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass in diesem Haus einige der wirksamsten Anklagen des Apartheidregimes entstanden sind, Revolutionäre genächtigt haben, der Aufstand diskutiert wurde. Doch man sollte sich vom äußeren Schein nicht trügen lassen. Nadine Gordimer ist sich treu geblieben und das heißt auch, sie ist weiterhin politisch außerordentlich aktiv, gehört zahlreichen Komitees und Organisationen an, engagiert sich für junge südafrikanische Autoren und Künstler. Wer damit gerechnet hatte, dass sie im Alter milde und nachsichtig würde, dürfte enttäuscht sein. Nadine Gordimer hat nichts von ihrem Feuer, ihrer scharfen Wachsamkeit, ihrem unbestechlichen Urteilsvermögen verloren:

Vorher war Literatur Teil des Befreiungskampfes. Heute hat dieser Kampf ein anderes Gesicht. Es ist der Kampf des Wiederaufbaus und doch wird Literatur immer, wenn sie ehrlich ist, Kritik an der Gesellschaft sein. Ich glaube, es war der kommunistische Kritiker Ernst Fischer, der das einmal so definiert und ausgedrückt hat: 'Literatur ist immer kritisch'. Ich meine, dass ist ihr implizit. Man fängt nicht damit an, dass man sich sagt: Ich werde jetzt dies oder jenes enthüllen. Wenn man über seine Gesellschaft die Wahrheit schreibt, dann wird man über das Gute und das Schlechte schreiben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk