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StartseiteKultur heuteGrandiose Krankenstudie03.04.2011

Grandiose Krankenstudie

Anton Tschechows "Platonow" in der Regie von Barbara Frey am Schauspiel Zürich

Die Inszenierung des Dramas zeigt kein Gesellschafts-, sondern ein Krankheitsbild. Sie betont an Tschechow dessen ärztlichen Blick und seziert aus seinem "Platonow" die moderne Volkskrankheit unserer Tage: Depression.

Von Karin Fischer

Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte) umringt von Schauspielern, während er aus  seinem Werk vorliest. (AP)
Anton Pawlowitsch Tschechow (Mitte) umringt von Schauspielern, während er aus seinem Werk vorliest. (AP)

Es ist erstaunlich, dass gleich der Anfang eines Tschechow-Dramas, die Exposition, in der doch häufig bewusst Langeweile, Ennui, Sinnlosigkeit, verlorene Werte zelebriert werden, auch zu einem glitzernden Diamanten scharf unterschiedener Gefühle geschliffen werden kann. Die ersten zehn Minuten in Barbara Freys Inszenierung sind ein solcher Diamant. Trockener Witz, eine sportlich-lakonische Sprache, die viel Komödiantisches zulässt, ohne jemals albern zu wirken, scharfe Dialoge, und - im Mittelpunkt der kleinen Versammlung: eine grandiose Friederike Wagner als Witwe Anna Petrowna, die edel und pragmatisch ist, herausfordernd und hingebungsvoll, streng und großherzig, intelligent und integer - ein ganzes Panorama einer großen Persönlichkeit.

Ihr "Landgut" ist ein Halbrund mit ein paar Nischen, Tischen, Stühlen, großem Oberlicht und, unsichtbar, einem Fernseher als angedeutetes Zerstreuungs-Modul unserer Tage. Diese Bühne von Bettina Meyer wird sich nur leicht verändern, mit Lampions und Disco-Kugel, irgendwann führen dann auch mal Bahngleise ins Nirgendwo, das ist küchenpsychologischer Kitsch, stört aber nicht weiter.

Denn zu diesem Zeitpunkt ist längst Michael Maertens als Platonow aufgetreten, und jetzt wird auch klar: Diese Inszenierung ist kein Schauspiel, sondern eine Diagnose, sie zeigt kein Gesellschafts-, sondern ein Krankheitsbild. Sie betont an Tschechow dessen ärztlichen Blick und seziert aus seinem "Platonow" die moderne Volkskrankheit unserer Tage: Depression.

Platonow ist erst nicht sichtbar krank, nur zynisch, darin allerdings brutal; von Anfang an wirkt er gefährlich; mehrfach macht er aus einem Gespräch durch eine ätzende Bemerkung ein schwarzes Loch, in dem alles erstirbt:

Sein genialisches Charisma ist einer unsympathischen Egozentrik gewichen; warum ihn alle lieben, bleibt völlig offen, früher muss er wohl ein Anderer gewesen sein. Jetzt ist er aus dem Lot geraten, dabei intelligent und feinsinnig genug, um an sich zu leiden. Vor allem aber lässt er die anderen, die Frauen leiden, die darauf gerne mal zu aggressiv, zu laut reagieren. Alle stößt er zurück oder vor den Kopf, nur an den einfachen Pferdedieb Ossip klammert er sich wie ein Ertrinkender. Am Ende zeigt ihn die Inszenierung als verlorene Seele, selbstzerstörerisch, selbstmitleidig, selbstgerecht.

Daneben erzählt die Inszenierung aber vor allem viele kleine und große Liebes- und Verlustgeschichten, und ist darin sehr modern. Und sie tut es mit berückendem Personal, wie Ursula Doll als Platonows etwas grob geratene Frau Sascha, Markus Scheumann als herrlich ironisch-verzweifelter Arzt Trilezki oder Franziska Machens als die junge Frau, die sich von einem hochgeschossenen Mauerblümchen in ein zufriedenes Fohlen verwandelt.
Barbara Frey ist etwas großes gelungen: sie erzählt von Tschechows Drama wie von einer interstellaren Kollision mit zwei völlig verschiedenen Planeten, die alle anderen zu vernachlässigbaren, weit entfernten Sternen machen. Und sie erzählt von Seelenqualen ganz normaler Menschen. Himmel, Erde, Hölle, hier sind sie aufs Beste vereint.

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