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StartseiteBücher für junge Leser"Eine Art Monument in Buchform"11.07.2015

Graphic Novels"Eine Art Monument in Buchform"

Reinhard Kleist, der 1970 in Hürth bei Köln geborene Künstler, stand nicht nur mit seinen Graphic Novels auf der Bestenliste des Deutschlandfunks. Er gewann mehrfach den Max-und-Moritz-Preis, er war nominiert für den Eisner-Award und für "Der Boxer" erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Der Graphic-Novel-Künstler Reinhard Kleist im Gespräch mit Ute Wegmann

Reinhard Kleist, Grafikdesigner und Comiczeichner (anjazwei.de)
Reinhard Kleist, Grafikdesigner und Comiczeichner (anjazwei.de)
Weiterführende Informationen

Flüchtlinge "Die Geschichte hat mich umgehauen"

Graphic Novel "Der Traum von Olympia" Der tragische Tod einer somalischen Sportlerin

Graphic Novel von Reinhard Kleist Anklage der Festung Europa

Reinhard Kleist Von seinen Geschichten berührt

Bilderbücher Graphic Novels beleben den Buchmarkt

Ute Wegmann: Ein Biograph bewahrt die Lebensgeschichte der Menschen. Was bewegt den Biografen, sich über Monate vielleicht sogar Jahre mit der Geschichte eines anderen in Wort oder Bild oder beidem zu beschäftigen? Ist es die Wichtigkeit eines Menschen in oder für seine Zeit und über seine Zeit hinaus? Seine Werke? Oder handelt es sich um ein persönliches Interesse, eine Vorliebe für ein Thema? Über all das sprechen wir heute hier im Studio, und wir, das sind der vielfach ausgezeichnete Künstler Reinhard Kleist, der in den letzten Jahren mehrere Biografien verfasst hat, und es begrüßt Sie Ute Wegmann.

Die Musiker Johnny Cash und Elvis Presley, der jüdische Häftling und Boxer Hertzko Haft, der kubanische Staatschef Fidel Castro und die Olympionikin Samia Yusuf Omar. Alle genannten Ausnahmepersönlichkeiten. Man könnte bei dem ein oder anderen sagen, in gewisser Weise auch Helden. Sie, Reinhard Kleist, haben in einem Interview gesagt: Es interessiert sie nicht, ein Heldenleben zu erzählen. Was zeichnet diese Menschen für Sie aus? Was gab den Impuls, für das eine oder das andere Buch?

Reinhard Kleist: Außer bei Samia Yusuf Omar war es das Gebrochene der Persönlichkeiten. Johnny Cash mit seinem Drogenkonsum und wie sich das in seiner Arbeit widerspiegelt. Also die Beziehung zwischen Leben und Werk. Bei Fidel Castro war es die unglaubliche Karriere, die er hingelegt, vom Guerilliero zum Staatspräsidenten, aber auch die Schwierigkeiten, mit denen er dann zu kämpfen hatte. Beim Boxer die unglaubliche Geschichte eines KZ-Überlebenden hin zu einem Profiboxer, der versucht, seine Jugendliebe wiederzufinden.

Das waren alles die gebrochenen Charaktere, die mich gereizt haben, damit zu arbeiten. Bei Samia ist es aber so, für mich ist Samia eine absolute Heldin. Ich wollte ihre Geschichte erzählen auch um eine Art Monument in Buchform zu errichten und gleichzeitig dieses Thema - Flucht aus Afrika und der Wunsch, nach Europa zu kommen - mit der Geschichte anzugreifen.

Johnny Cash hat harte Zeiten durchgemacht

Wegmann: Ist eine solche Graphic Novel also auch eine Art Denkmal?

Kleist: Absolut, aber für Johnny Cash muss ich nicht unbedingt noch ein Denkmal errichten. Da hat mich die Geschichte und die Beziehung seines Lebens zu seinem Werk interessiert. Ich hab ja einige seiner Songs als Kurzgeschichten in das Buch eingebaut, um dann zu zeigen, wo sich etwas spiegelt. Vieles seiner Kunst hatte einen direkten Bezug zu seiner Lebenssituation. Er hat sehr harte Zeiten mitgemacht, er war stark drogenabhängig, aber in dieser Zeit hat er einige seiner wichtigsten und mutigsten Werke geschaffen.

Wegmann: Wie nähern Sie sich dem Thema an?

Kleist: Das ist meistens eine lange Recherchearbeit. Manchmal ist eine Reise damit verbunden. Zum Beispiel bei Fidel Castro, da bin ich vorher einen Monat in Kuba gewesen, wo ich ein Reisetagebuch verfasst habe, dass unter dem Titel Havanna bei Carlsen erschienen ist. Bei der Geschichte über Samia Yusuf Omar war es eine lange Recherche über Quellen im Internet, aber auch Gespräche mit Flüchtlingen, die eine ähnliche Route gemacht haben, und Gespräche mit ihrer Schwester, die ich in Helsinki getroffen habe.

Wegmann: Auf Samia kommen wir später ausführlich zu sprechen. Der Boxer, 2012 erschienen, ist die Geschichte des Polen Hertzko Haft, der in den Konzentrationslagern gegen jüdische Häftlinge boxen musste, Schauboxkämpfe vor hochgestellten Nationalsozialisten, um zu überleben. Er wanderte nach Amerika aus, erst viele Jahrzehnte später konnte er über seine schrecklichen Erlebnisse sprechen. Sein Sohn, Alan Scott Haft, hat seine Geschichte aufgeschrieben, das Buch wurde die Grundlage für Ihre Arbeit. War es einfacher auf der Basis einer Biografie zu illustrieren? Und war das das einzige Recherchematerial, das Sie zur Verfügung hatten?

Kleist: Es war natürlich einfacher, durch das Buch von Alan war mir eine Richtung vorgegeben, ich musste dann nicht mehr so viel zu dem Fall von Hertzko Haft recherchieren. Ich hab natürlich am Rand recherchiert, um auch Quellen ausfindig zu machen, was noch passiert sein konnte, wie die Orte ausgesehen haben. Aber dramaturgisch war vorgegeben, was Alan aufgeschrieben hatte. Ich hab viel mit ihm darüber geredet, aber es war schwer nachzuvollziehen, denn sein Vater ist eine schwierige Persönlichkeit gewesen, ein sehr jähzorniger Mensch , und das hat mir geholfen, einen Zugang zu der sehr schwierigen komplexen Persönlichkeit von Hertzko Haft zu finden. Die größte Schwierigkeit bei diesem Buch war, dass es in zwei Teile zerfällt. Es gab die Überlebensgeschichte und die kurze Boxergeschichte. Da hat mir ein Bogen geholfen, und dieser Bogen war die sehr romantische Liebesgeschichte, die dahinter steht.

Das ganze Buch ist etwas Unausgesprochenes

Wegmann: Wir sehen Hertzko Haft auf dem Vorsatzpapier in Sträflingskleidung mit anderen in einer Reihe stehen, herausstechend mit seinen weißen geballten Fäusten, so haben sie ihn gemalt. Ein Mann, der völlig traumatisiert war, gewalttätig gegenüber der eigenen Familie. Erzählt wird aus der Perspektive des Sohnes, der unter der Strenge und Gewaltbereitschaft des Vaters sehr leidet.

"Eines Tages werde ich dir alles erzählen ...", sagt der Vater unter Tränen seinem Sohn, nachdem er nach langer Suche seine große Liebe, schwer vom Krebs gezeichnet, wiedergefunden hat. Dieses wichtige Erzählen, darauf wird der Sohn noch 40 Jahre warten. Ist Ihre Geschichte eine Geschichte der Traumatisierung?

Kleist: Ja, im Grunde ist das ganze Buch etwas Unausgesprochenes. Wir haben die Szene am Anfang, wo der Vater mit dem Sohn im Auto sitzt und die Szene wird am Ende wiederholt. Und dazwischen sehen wir die ganze Lebensgeschichte, eigentlich das, was Hertzko seinem Sohn erzählen wollte, aber es wird auch klar, er wird es ihm noch nicht erzählen . Es geht auch darum, dass Hertzko Haft dieses Trauma mit sich herumgetragen hat und es an der falschen Stelle herausgelassen hat. Er hat mit niemandem darüber gesprochen, und seine Frustration, seinen Ärger hat er an seiner Familie ausgelassen, was ihn schon zu einer sehr schwierigen Persönlichkeit gemacht hat, um sich mit ihm zu identifizieren. Was interessant ist, auch an Alans Buch, dass man, obwohl man eine sehr negative Haltung zu ihm entwickelt, doch immer an seiner Seite ist, dass man möchte, dass er überlebt, seine Kämpfe gewinnt, seine Jugendliebe findet. Man ist trotzdem nah bei ihm und das macht das Buch so spannend.

Der Autor Reinhard Kleist hält am 11.10.2013 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen) bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2013 seine Auszeichnung hoch. Er gewann den Preis in der Sparte Sachbuch mit dem Buch "Der Boxer". (picture alliance / dpa / Arne Dedert)Reinhard Kleist (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Wegmann: Wie würden Sie selber sagen, ist Ihnen das gelungen, das herzustellen?

Kleist: Weil ich versucht habe, einige Sachen zu erklären. Er musste die Boxkämpfe machen, es blieb ihm nichts anderes übrig . Dann auch die sehr harte Szene, wo er im Wald überlebt und das ältere Ehepaar erschießt, weil er Angst hat, entdeckt zu werden. Als ich das im Buch gelesen habe, hab ich das zugeklappt und gesagt: Damit will ich nichts zu tun haben. Das ist ja ein Mörder, über den kann ich kein Buch machen. Aber wenn man versucht zu erklären, was er gedacht hat, was er durchgemacht hat, dann ist das ein sehr spannender Konflikt. Und wenn man da an ihm dran bleibt, dann versteht man, was in ihm vorgegangen ist.

Wegmann: Fast immer gibt es eine externe, manchmal fiktive Person, die den Blick auf die von Ihnen gewählte Persönlichkeit öffnet. Ausnahme ist die Geschichte von Samia Yusuf Omar, die sich über Facebook-Einträge, vergleichbar einer Tagebuchnotiz, erzählt. Bei Hertzko Haft ist es sein Sohn, bei Fidel Castro ein junger deutscher Journalist, der sich für die Revolution entflammt, bei Johnny Cash ein Gefängnisinsasse, einer seiner Fans, der das Gefängniskonzert erwartet.

Kann man sagen, dass der Erzähler die Wirkung der jeweiligen Persönlichkeit in seiner Zeit und weit über seine Zeit hinaus spiegelt? Oder mehr noch die Wirkung auf Sie selbst, Reinhard Kleist?

Kleist: Der Erzähler ermöglicht es mir, Sachen zu erklären, Sprünge deutlich zu machen, Hintergründe aufzudecken, aber er ist auch eine Möglichkeit, das Thema, das ich hinter der Lebensgeschichte sehe, hervorzukehren. Bei Johnny Cash war es das Thema Freiheit und Gefangensein, Gefangensein nicht nur im Gefängnis sondern auch in der eigenen Zelle, die man sich aufbaut; bei Fidel Castro kann ich über den jungen Journalisten, der auch in Kuba bleibt, das Thema des unterschiedlichen Umgangs mit Idealen und Idealismus ausarbeiten. Insofern sind die Erzähler nicht nur Funktionen, die Erzählfunktion übernehmen, sondern auch Punkte, an denen die Erzähler die Wichtigkeit der Geschichte noch mal unterstützen.

Wegmann: Reinhard Kleist, der 1970 in Hürth bei Köln geborene Künstler, ist heute Gast im Büchermarkt. Er stand nicht nur mit seinen Graphic Novels auf den Besten 7, der Deutschlandfunkbestenliste, sondern mehrfach gewann er den Max und Moritz Preis, er war nominiert für den Eisner Award und für "Der Boxer" erhielt er den DJLP. Jede Geschichte ist sehr ähnlich aufgebaut: Ein Prolog führt auf wenigen Seiten das Setting und die Hauptfigur ein. Es folgen drei Kapitel unterschiedlicher Länge und ggf. ein Epilog. Ist das 3-Akt-Schema, dieser strukturelle Rahmen, erinnert auch an Drehbuchkonstruktionen. Orientieren Sie sich beim Aufbau der Graphic Novels auch am Film?

Kleist: Bei der Strukturierung eigentlich weniger. Diese 3-Akt-Struktur das ist mir aufgefallen, dass das öfter bei mir vorkommt, das ist aber Zufall. Ich mag das gern, den Bücher eine Exposition voranzustellen, in der man den Leser erst mal irritiert oder ihn leise ans Thema heranführt und im Kapitel danach die Vorgänge erläutert, die dazu geführt haben. Was aber eine große Verbindung zum Film hat, ist Szenenaufbau oder Detailfragen, oder Kamerabewegung oder Schnitt. Da bediene ich mich viel beim Film. Ich mag das, im Comic so was aufzubauen, dass es wie ein Film wirkt. Kamerabewegungen von oben nach unten oder zuerst einen Wideshot, einen Panoramashot, wo man die ganze Szenerie sieht und dann fliegt die Kamera in eine Straße und landet bei dem Protagonisten und wir folgen dann dem Protagonisten. Das hat sehr viel mit Film zu tun.

Und wenn ich einen Film schaue, dann analysiere ich auch immer gern sehr viel. Und versuche etwas herauszuziehen, was ich später beim Comic benutzen kann. Interessante Kameraeinstellungen zum Beispiel. Und wenn ich über Comics rede, dann benutze ich sehr oft eine Filmsprache, spreche von Kamerapositionen oder von Schnitttechnik. Wenn ich einen Comic entwickle, dann versuch ich mir das vorher vorzustellen wie ein Film. Und dann spalte ich das auf in einzelne Bildsequenzen, die ich auf Papier übertrage.

Wegmann: Abgesehen von der durchaus farbenreichen Vampirsaga Berlinnoir, angesiedelt in einem von blutsaugenden Vampiren regierten Berlin, die 2013 erneut als Gesamtausgabe erschien, auch von Ihnen und dem Autor Tobias Meißner überarbeitet wurde - sind Ihre Zeichnungen der Biografien schwarzweiß. Sie arbeiten mit Panels, mit ganzseitigen Bildern, mit spannenden Perspektivwechseln, mit Nah und Detailausschnitten sowie mit Totalen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Seite oder eine Szene konzipieren?

Ich arbeite traditionell

Kleist: Wenn es gut läuft, habe ich ein fertiges Script, das ich in Skizzen übersetzen kann. Ich versuche auf Papier festzulegen, wie groß die Bilder sind, wo die Figuren stehen, wo ich die Sprechblasen hinsetze. Sodass es einen Fluss ergibt, damit das Auge des Lesers so über die Seite geführt wird, dass eine flüssige Lesewirkung entsteht. Dann übersetze ich die Skizzen auf Papier, mach die Reinzeichnungen und dann geh ich darüber mit Pinsel und Tusche, weil ich sehr traditionell arbeite.

Wegmann: Von März bis November 2011 erschien Der Boxer zuerst als Strip in der FAZ. Ebenso war es bei Der Traum von Olympia im Jahr 2014. Wie hat sich Ihr Material noch einmal verändert vom Strip zum Buch? Haben Sie viel ergänzt? Haben Sie viel wegwerfen müssen?

Kleist: Da ist eine Menge dazugekommen. In der Zeitung ist zwischen den einzelnen Folgen ein Tag Pause und diesen Tag, der im Buch wegfällt, den musste ich überbrücken, da musste ich dann Bilder ergänzen, habe gerade bei der Sportlerin viel Material ergänzt, um weiter in die Tiefe zu gehen. Das hat mir auch die Möglichkeit gegeben, mal ein Bild auf eine ganze Seite zu setzen, was in der Zeitung ja nicht möglich ist. Da ist viel Material dazugekommen und die Umarbeitung hat noch mal drei, vier Monate gedauert, um das Bestmögliche für das Buch herauszuholen.

Wegmann: Der Comicstrip in der Zeitung ist der Comicstrip, da muss man nicht drüber diskutieren. Aber es gibt ja immer wieder Diskussionen und Definitionsversuche, um den Unterschied zwischen Comic und GN herauszuarbeiten. Gibt es für Sie überhaupt einen Unterschied?

Kleist: Nicht wirklich. Wenn mich jemand fragt, dann antworte ich: Ich bin Comiczeichner und mache Graphic Novels. Der Begriff GN hat dazu geführt, dass es der Comicszene in den letzten 10-15 Jahren wesentlich besser geht, als noch am Anfang meiner Karriere, als es noch viel viel schwieriger war, überhaupt ambitionierte Bücher auf den Markt zu bringen. Das hat sich enorm gewandelt. Ich bin total glücklich, dass ein Buch wie Der Traum von Olympia so in den Medien besprochen wird und eine solche Aufmerksamkeit erfährt. Das war vor 15 Jahren nicht möglich. Die Diskussion um die Definition sehe ich sehr gelassen. Wenn mich jemand nach einer Defintion fragt, kann ich auch nur etwas Ungefähres sagen. Es ist ein bisschen länger, meistens schwarz-weiß, es richtet sich eher an erwachsene Leser. Aber es ist immer dieses "eher". Es ist schwammig und eine Richtlinie und so sollte man es behandeln.

(privat)Der Comic-Autor Reinhard Kleist ist zu Gast in der Lesart und spricht mit Shelly Kupferberg über aktuelle Graphic Novels (privat)

Wegmann: Sprechen wir über Der Traum von Olympia. Eine wahre Geschichte, die uns von Somalia über Äthopien, Sudan nach Libyen führt und schließlich aufs offene Meer Richtung Italien. Ein Flüchtlingsschicksal, ein Schicksal das für tausende steht. Die Geschichte der jungen Sprinterin Samia Yusuf Omar, die bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking letzte wurde, aber vom Publikum geliebt, in Mogadischu von ihrer Familie und einem Trainer unterstützt und die trotz der Verbote durch die Milizen des Al-Shabaad ihren Traum erfüllen möchte: Bei den Olympischen Spielen 2012 in London mitzulaufen. Erst als sie Todesdrohungen erhält, beschließt sie zu fliehen. Mit Pritschenwagen, LKWS, zu Fuß. Sie landet in Kellerverliesen, Gefängnissen, Notlagern - ein Weg, auf dem sie alles verliert, bis auf die Kleidung, die sie trägt. Ein Schlauchboot, viel zu klein für die vielen Menschen, ist die letzte Station ihrer Flucht, bevor Samia wie viele andere vor und nach ihr im Mittelmeer ertrinkt.

Sie, Reinhard Kleist , haben durch Ihren Comic den Flüchtlingen ein Gesicht gegeben. Das Gesicht von Samia, einer hoffnungsvollen, starken, jungen Frau, die nicht nach Europa wollte, um sich finanzieren zu lassen, sondern die für ihre Familie und ihr Land bei den Olympischen Spielen antreten wollte.

Wie haben Sie Samia gefunden?

Kleist: Das war wie sehr oft ein Zufall. Bei einer Reise mit dem Goethe-Institut nach Palermo, wo ich mich mit Migration beschäftigen wollte, bin ich auf einen Zeitungsartikel gestoßen. Ich war so umgehauen, von der Wucht der Geschichte, dass ich beschlossen habe, etwas damit zumachen. Wie genau das laufen sollte, wusste ich noch nicht. Nach langer Zeit hat sich erst verfestigt, dass ich mich auf ihre Geschichte konzentrieren wollte. Mir war ziemlich schnell klar, dass es um sie geht, dass das Thema Migration im Hintergrund stattfinden sollte. Ich wollte mich voll und ganz auf das Mädchen, ihre Ambitionen, ihre Träume konzentrieren. Ich wollte ihre Geschichte erzählen, das stand im Vordergrund. Dass über die Geschichte dann auch die andere Problematik transportiert wurde, ist ein Nebeneffekt.

Wegmann: Man erkennt in jedem Ihrer Bilder Samias ungeheure Kraft, ihren Durchsetzungswillen, ihr Hoffnung. Man liest es auch in ihren Facebook-Posts, die sich wie Tagebuchnotizen lesen ( S. 59), die ihre Not spiegeln, nie aber ihre Verzweiflung. Not und Angst  - das bilden Sie neben dem ebenso starken Willen, in der Mimik des Mädchens ab. Viele Bilder sind in Grau gehalten, zeigen uns, dass Handlungen im Dunklen, im Verborgenem, heimlich stattfinden.

Beeindruckend sind die letzten Seiten: Die Flüchtlinge wissen, dass sie mit diesem Boot kaum überleben können. Sie sind zu viele, dennoch gibt es kein Zurück. Das Boot verliert sich wie ein Punkt im Meer.

Das ist ungeheuer berührend und erschütternd. Aber wie Sie selber sagen. Es ist auch für mich eine Geschichte über Selbstbestimmung und die Unfreiheit der Frauen in diesen Ländern, wie Somalia. Das drängt sich als Thema immer wieder stark in den Vordergrund.

Die Situation ist komplett hoffnungslos

Kleist: Sie ist natürlich besonders und nicht exemplarisch für alle Flüchtlinge. Sie ist eine Olympionikin, und sticht heraus. Sie hat Träume und diesen Willen, nach Europa zu kommen, um hier zu trainieren, um ihre Familie zu ernähren, aber auch, um auf ihr Land aufmerksam zu machen. Sie hatte diese Liebe zu ihrem Land, sie wollte ihr Land repräsentieren. Es ist ihr starker Wille. Die Odyssee hat ein dreiviertel Jahr gedauert, allein das ist für mich schwer vorstellbar. Der Traum hat sie weitergehen lassen. Es gibt einen Moment, den ich sehr berührend fand, als sie in Tripolis ist und die Situation ist komplett hoffnungslos, sie ist abgemagert, sie kann überhaupt nicht mehr bei den Olympischen Spielen mitlaufen, weil es zu spät ist, aber sie hält daran fest, sie will nicht zurückkehren, was ja das Einfachste gewesen wäre.

Wegmann: Ihre GN ist auch Europakritik, wenn sich die Flüchtlinge über leer gefischte Meere unterhalten, dass sie keine Arbeit mehr haben, dass sie Geld verdienen wollen, um ihre Familien zu unterstützen, und welchen idealisierten Traum sie von Europa hegen. (S.77) Es gibt eine Szene, in der sich Flüchtlinge auf einem LKW unterhalten und all das thematisieren.

Heribert Prantl, Redakteur der SZ hat gerade ein Plädoyer veröffentlicht: Im Namen der Menschlichkeit. Rettet die Flüchtlinge! - Er sagt dort: "Es ist Zeit, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden."

Verstehen auch Sie Ihre GN als ein solches Plädoyer?

Kleist: Nicht unbedingt als Kritik, vielleicht als ein leichte, denn ich biete ja keine Lösungen an. Das wäre ja auch wahnsinnig. Aber es ist ein Schlaglicht, auf etwas, das mir durch den Kopf gegangen ist. Ich habe in Palermo mit Flüchtlingen gesprochen. Und da ist mir ein junger Mann begegnet, der sprach vier Sprachen , aber er musste Gemüsekisten auf dem Markt stapeln. Und so war es mit Samia Yusuf Omar. Sie war eine gute Sportlerin und sie musste ertrinken, um nach Europa zu kommen. Das ist etwas, das mich traurig macht, wie mit Menschen umgegangen wird, von denen wir ja auch profitieren könnten.

Wegmann: Elias Bierdel, einst Leiter der Cap Anamur, jetzt Gründungsmitglied der Borderline europe, eine Organisation, die das Schweigen brechen will über das, was an den grenzen Europas geschieht, hat über Sie gesagt:. „Reinhard Kleist ist ein Menschenfreund. Er stellt seine künstlerische Sensibilität und sein enormes Können in den Dienst seiner Figuren." Ist Zeichnen für Sie ein Engagement im Sinne der Menschlichkeit?

Kleist: Nicht unbedingt. Je länger ich mich mit einem solchen Thema beschäftige, um so mehr werde ich zum Misanthropen. Ich sehe, dass ich mit dem Zeichnen was machen kann, das macht mir auch Freude. Vor zwei Jahren war ich  mit Arte, dem Fernsehsender in einem Flüchtlingslager im Nordirak, da habe ich mit den Kindern gezeichnet. Es macht mir selber große Freude, ob ich damit die Welt verändere oder zu einem besseren Ort mache, steht hinten an. Es ist zuerst mein eigenes Vergnügen dabei.

Wegmann: Dieses Arte-Projekt, Sie  haben dort einen Workshop mit syrischen Flüchtlingskindern gemacht. Was zeichnen diese Kinder?

Kleist: Kurz vorweggestellt. Ich sollte eine Comicreportage zeichnen, mit Leuten sprechen und aus deren Geschichten einen Comic machen. Ich wollte aber auch etwas in dieses Lager hineinbringen, deshalb habe ich den Workshop angeboten. Ich wollte keine Lehrtätigkeit ausüben, sondern die Kinder sollten nur zeichnen. Zwei Aufgaben hab ich ihnen gestellt: etwas über die Heimat zu zeichnen und etwas über das Lager. Es sind ganz wunderbare Bilder dabei herausgekommen, die ich auch Bilder für die Reportage benutzt habe. Die Kinder sollten nichts zum Thema Krieg zeichnen, aber ein Junge hat das trotzdem gemacht, und da ist mir das Wasser in die Augen gestiegen, als ich das gesehen habe. DA stand ein Männchen mit einem Maschinengewehr in der Hand und hat geweint. Das ist für mich ein Symbol für das Thema Bürgerkrieg.

Wegmann: Die Comicreportage kann man auf Ihrer Webseite sehen. Dort gibt es auch einen Blog zum neuen Buch. Aber sagen Sie doch zuerst noch mal die Webseite.

Reinhard Kleist

Wegmann: Und der Blog zum neuen Projekt. Was wird das neue Projekt sein?

Kleist: Da kehre ich zurück zu den Musikerbiografien. Und ich hab mir einen freundlichen Musiker aus Australien ausgesucht, Nick Cave. Über den möchte ich ein Buch machen über Leben und Werk, und auf der Blogseite kann man sehen, wie das Comic langsam entsteht.

Wegmann: Gibt es für Sie einen Comiczeichner oder einen Künstler, der für Sie Vorbild war?

Kleist: Das hat sich im Laufe der Zeit extrem gewandelt, denn mein Stil hat sich extrem verändert. Ganz am Anfang waren es experimentelle Zeichner wie Dave McKean aus England oder Bill ... (?) aus Amerika, Kent Williams, der sich stark auf Egon Schiele bezogen hat, wie viele andere auch. In den letzten Jahren sind es eher Zeichner, von denen ich sagen würde, sie sind auch unheimlich gute Geschichtenerzähler. Es ist wengier der Zeichenstil, sondern eher wie erzählen die Geschichten. Das sind Will Eisner oder Baru aus Frankreich.

Reinhard Kleist, herzlichen Dank für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Titel:

Cash - I see a darkness, 210 Seiten, Carlsen 2008, € 14,-

Castro, 290 Seiten, Carlsen 2010, € 19,90

Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft, 200 Seiten, Carlsen 2012, € 16,90

Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar, 150 Seiten, Carlsen 2015, € 17,90

Alle Bücher von Reinhard Kleist.

Berlinoir von Tobias O. Meissner und Reinhard Kleist, 150 Seiten, Carlsen 2013, € 24,90

Reinhardt Osteroth und Reinhard Kleist (Illustration): 1914 – Ein Maler zieht in den Krieg, Aladin Verlag 2014

Heribert Prantl: Im Namen der Menschlichkeit. Rettet die Flüchtlinge!, Ullstein 2015

 

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