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Grassroot-Kartografie

Open Street Map in der Entwicklungshilfe

Von Jan Rähm

Ouagadougou, Hauptstadt von Burkina Faso
Ouagadougou, Hauptstadt von Burkina Faso (Riccardo Mastrocola)

Kartografie. - Karten, Stadt- oder Verkehrsnetzpläne sind allgegenwärtig - zumindest in den Industriestaaten. In Regionen wie Afrika sind sie allerdings oft Mangelware. Auch Hilfskräfte wie Aufbau- und Entwicklungshelfer stehen vor Ort oftmals im wahrsten Sinne des Wortes planlos herum. Im Projekt Open Street Map erstellt die Community frei verfügbare Karten, auch für Gebiete fernab der westlichen Zivilisation.

Die Welt auf Landkarten ist noch voller weißer Flecken. Aber eine Millionenstadt mitten in Afrika? Helge Fahrnberger dachte vor zwei Jahren, er sieht nicht recht:

"Mir fiel auf, dass die Stadt Ouagadougou, immerhin eine Millionenstadt im Sahel, weder auf Googlemaps noch auf Open Street Map noch auf anderen Online-Karten in irgendeiner Weise eingezeichnet war. Das heißt, da gab es irgendwie die Hauptstraße, die durch ging, aber die ganze Stadt war nicht kartiert."

Der österreichische Technologieunternehmer kennt diese Stadt, die die Hauptstadt von Burkina Faso ist, sehr gut. Er ist oft dort. Fahrnberger hat mit ein paar Freunden und Bekannten den Verein Laafi.at gegründet, der kleine Gesundheitsprojekte in Burkina Faso realisiert. Bloß: Ohne digitales Kartenmaterial war es schwer, die Projekte zu planen. Helge Fahrnberger sagt, er habe überlegt, wie er an Pläne kommen könnte ...

"… und habe dann begonnen auf Open Street Map, wo sie ja die wunderbare Bearbeiten-Funktion gibt, das heißt man kann Karten auch wirklich bearbeiten, so wie man einen Wikipedia-Artikel bearbeiten kann, die Stadt Ouagadougou zu kartieren. Und bin drauf gekommen, das geht relativ schnell, ganz einfach deshalb, weil Luftbilder vorliegen von dieser Stadt, die relativ genau sind, gut aufgelöst. Und wenn man die Stadt so ein bisschen kennt, so wie ich, kann man über diese Luftbilder drüber einzeichnen. Kann man Karten zeichnen, Straßenkarten zeichnen."

Die Kartierung weißer Flecken auf der Landkarte gleicht – wie schon zu Columbus’ Zeiten – der Erschließung eines Gebiets für die Zukunft. Fahrnberger:

"Karten sind so ein bisschen ein Entwicklungsparameter. Und wenn eine Stadt gut funktionieren soll, das beginnt damit, das man halt die kürzesten Wege kennt und sich nicht so oft verirrt, dann braucht es Kartografie. Auch zum Einheben von Steuern beispielsweise braucht es Adressen, damit man die residents taxes einheben kann, et cetera. Das heißt, Kartografie ist an und für sich für die Entwicklung einer Stadt sehr wichtig."

Die Karten, die Helge Fahrnberger erstellen hilft, haben neben der wirtschaftlichen auch eine politische Dimension. Die an die Wikipedia angelehnten Open Street Maps sind nicht mit Interessen einzelner Staaten verknüpft und auch nicht an die Befindlichkeiten eines Unternehmens wie Google gebunden.

"Wenn man beispielsweise die gewachsenen Strukturen, die es am Rande jeder Großstadt in Afrika gibt, wo Hütten aus Lehm oder aus Holz oder aus Blech, je nach dem in welchem Land, aufgebaut werden und dort Hunderttausende Menschen leben, wenn die dann vielleicht, was immer wieder passiert, mit Bulldozern niedergewalzt werden, weil man den Raum für Parzellen braucht oder für Bauprojekte braucht und für Verkehrsprojekte braucht, dann ist es etwas ganz anderes, wenn diese gewachsenen Strukturen vorher kartiert wurden und dann vor allem auch vielleicht westliche Geldgeber in der Entwicklungshilfe sagen, wo ist dieses Stadtviertel hin, da war doch ein Stadtviertel."

Gerade für Gegenden, die nicht im alltäglichen Fokus der Welt stehen, sind die offenen Straßenkarten von Bedeutung. Dem Platzhirsch bei den digitalen Landkarten, Google, gefiel das offenbar. Bis vor drei Jahren musste er Karten kaufen oder mieten. Dann führte er den Map Maker ein, eine Mitmachlandkarte ganz ähnlich wie Open Streets Map – bis auf einen entscheidenden Unterschied. Helge Fahrnberger:

"Der Unterschied zu Open Street Map ist im wesentlichen nur die Lizenz. Das heißt, bei der Open Street Map ist es so, dass diese Daten der Community gehören und vorausgesetzt, man nennt die Open Street Map als Herkunft dieser Daten, kann man alles damit machen. Man kann damit Geld verdienen, man kann die benutzen für private Projekte zum Drucken. Bei Google jedoch ist es anders. Bei Google gehören diese Daten Google und sind nur in einem sehr engen Rahmen an Bedingungen kostenlos nutzbar. Ansonsten muss man sie lizensieren."

Für die Entwicklungshilfe sind rechtlich so eingeschränkte, kostenpflichtige Landkarten praktisch wertlos. Das, was Helge Fahrnberger jetzt in Burkina Faso vorhat, ginge mit Google oder einem käuflichen, digitalisierten Atlas nicht.

"Das heißt was wir jetzt gerade vorbereiten ist, ein PDF zu erstellen aus den Daten, die in den letzten zwei Jahren hier eingetragen wurden und mit diesem PDF zu Druckereien in Ouagadougou zu gehen und zu sagen, verdient Geld damit. Druckt einen Stadtplan, der leistbar ist, der vielleicht auch gratis ist, weil er werbefinanziert ist und der kann dann von den ambulanten Straßenverkäufern, die es in jeder afrikanischen Stadt gibt, verkauft werden."

Heute ist Ouagadougou mehr oder weniger vollständig kartiert, auch in Google Maps, das nachgezogen hat. Doch schon nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt werden viele Karten wieder weiß. Mit Open Street Map kann sich das bald ändern.

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