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StartseiteCorsoDie Skulptur als Raumerlebnis19.06.2014

Gregor SchneiderDie Skulptur als Raumerlebnis

"Neuerburgstraße 21" heißt das Kölner Projekt des Künstlers Gregor Schneider, ein Theaterexperiment für jeweils nur einen einzigen Besucher. Sie erleben ein Haus voller Doppelbödigkeit, einen Riss in der Wirklichkeit, für dessen Realisierung erheblicher baulicher Aufwand betrieben werden musste.

Von Peter Backof

Der Künstler Gregor Schneider steht am Donnerstag (23.10.2008) in Mönchengladbach vor der Baustelle seiner gigantischen Skulptur END vor dem Museum Abteiberg. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini )
Der Künstler Gregor Schneider entführt die Besucher von "Neuerburgstraße 21" in eine surreale Welt. (dpa / picture alliance / Federico Gambarini )

Neuerburgstraße 21, eine Industriehalle, die jetzt von den Bühnen der Stadt Köln genutzt wird. Eine kleine Schlange vor dem Eingang, kein Einlass vor Premiere! Offenbar eine Theatervorstellung. Dann die Überraschung: Nur einzeln, im Fünfminutentakt, dürfen die Besucher hinein.

"Wir haben überschlagen, wie lange jemand bräuchte, um da durch zu gehen, damit die Wahrscheinlichkeit, dass man sich begegnet, gering ist."

Gregor Schneider aus Mönchengladbach hat "Neuerburgstraße 21" geschaffen, genauer gesagt, die Halle innen ausgebaut. Vor die Wände hat er andere Wände gezogen und ein Gangsystem aus Fluren und Durchgangszimmern gesetzt. Übrigens, indem er selbst mauerte, tapezierte und Parkett verlegte.

"Also ich bin viel auf Baustellen. Das Arbeiten ist für mich die Bedeutung. Das Tun, das durch die Arbeit erst entsteht. Mir würde es jetzt nicht reichen, nur über eine Arbeit zu sprechen. Das Faszinierende ist ja gerade, dass man Dinge bauen kann, über die man später gar nicht sprechen kann."

Ruhig, sehr reflektiert, erzählt Gregor Schneider. Es ist, als würde er selber rätseln über sein Vorgehen, intuitiv einen Raum nach dem anderen zu mauern. Der Weg ist die Handlung: Was wir wahrnehmen und denken werden in dem Labyrinth Neuerburgstraße, macht das Theaterstück aus. Nennen wir es ein radikal konstruktivistisches Stück: Es stellt Begriffe infrage. Echt wirkende Kellerräume und Zimmer: Wirklichkeit oder Inszenierung? Theater oder Kunst?

"Man lief durch Ausstellungen und fragte sich: Ist das hier überhaupt eine Ausstellung? Die Räume waren leer. Und diesen neutralen Punkt zu erreichen, dahin hat mich die Arbeit jahrelang geführt. Ich habe keine andere Erklärung."

"Haus u r" in Mönchengladbach " u r" steht für Unterheydener Straße, Stadtteil Rheydt. Das Familienhaus, die Keimzelle. Hier hatte Gregor Schneider schon als Teenager, 1985, angefangen, Räume, also durchaus Zimmer mit vier Wänden, Boden, Decke, Tür, in bereits vorhandene Räume hineinzubauen. Ein "totes Haus u r" genannter Nachbau wurde 2001 in Venedig prämiert. Seither arbeitet Gregor Schneider weltweit. Warum denn "totes" Haus? Auch dieses Vokabular gehört zum ganz eigenen Stil des Künstlers. Wir dürfen raten: Ist es tot, weil es einmal abgebaut wurde? Oder weil manche Zimmer schalltot isoliert sind?

"Es wird immer schnell psychologisiert. Ich versuche mich eigentlich zu disziplinieren und zurückzunehmen. Zumindest bringt jeder Besucher sich selbst mit, seine Erfahrungen, die Art und Weise, wie er sich selbst wahrnimmt, in einem Raum."

Gregor Schneiders Arbeiten wirken oft unheimlich: Nach Fotos von Räumen baut er Räume andernorts wieder auf: bewegte Immobilien. Oder er macht aus Zimmern konsequent Skulpturen, baut sie identisch zwei Mal. "Haus Schneider" in London, das war die Verdopplung eines ganzen Reihenhauses, von der Tapete bis zum Kaminsims. Hier waren auch Darsteller eingebunden: Ein Zwillingspärchen, das vor den Augen des Publikums - das sich mehr als die Augen rieb - identische Handlungen vollzog:

"Also in London sind Leute schreiend aus den Häusern gelaufen. Obwohl de facto nichts Schlimmes da passiert ist. Es war einfach eine alltägliche Situation, die sich wiederholte: Schwer erträglich, dass man ein alltägliches Erlebnis, das man als Individuelles erkennt, ein zweites Mal erlebt."

Szenen, die wir aus Horrorfilmen kennen. Denkbar, dass uns in der Neuerburgstraße auch so etwas erwartet. Gregor Schneider hat im Vorfeld nicht viel verraten. Abgedunkelte, lange Flure wird es geben, was voraussichtlich zu einem albtraumartigen Raumerlebnis führen wird, aber: Es soll keine plakativ inszenierte Geisterbahn werden, sagt der Künstler, sondern eine Erweiterung des Begriffs der Skulptur.

Und des Theaters? Gut möglich, dass wir als Publikum gar nicht die Chance bekommen, das Werk mit eigenen Augen zu sehen: Immer nur einzeln dürfen wir hinein und die Liste der Vorbestellungen ist bereits sehr lang. Das ist dann auch eine Form von Spannung: Wenn unklar ist, ob man ein Stück überhaupt sehen wird.

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