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Grenzerfahrung am Arendsee

Eine Radtour durch das ehemalige DDR-Sperrgebiet

Von Lottemi Doorman

Jürgen Strack in der ehemaligen Sperrzone.
Jürgen Strack in der ehemaligen Sperrzone. (Lottemi Doorman)

Mit dem Rad entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Im einstigen Todesstreifen erfreut man sich heute an üppig wachsender Natur. Heute erinnert ein Stein auf dem historischen Boden noch an die ehemalige Sperrgebietsgrenze, die zu DDR-Zeiten mitten durch den Arendsee verlief.

Aufbruch am Arendsee, einem stillen, grün umrandeten Gewässer so groß und tief wie ein Binnenmeer. Naturführer Jürgen Starck, unterwegs mit einer Radlergruppe, lässt nach kurzer Strecke am Rande eines Kiefernwäldchens halten. Er weist auf einen hüfthohen Markstein aus Granit und verteilt Kopien alter Passierscheine. Der Stein erinnert an die ehemalige Sperrgebietsgrenze, die zu DDR-Zeiten mitten durch den See verlief.

"Wir stehen an dem Punkt hier - von hier begann die Sperrzone. Die war fünf Kilometer breit. Fünf Kilometer vor dem Eisernen Vorhang oder vor der Demarkations- und der Staatsgrenze war dieser Punkt, wo die Polizei gestanden hat und kontrolliert hat. Jeder musste hier einen Ausweis haben und einen Passierschein – ohne den ging nichts. Ohne den warst du hier rüber schon ein Republikflüchtling. Und das Nordufer vom Arendsee war auch schon Sperrgebiet. Da war Schluss."

Schluss war ab 1952 mit der Bewegungsfreiheit der Bewohner nahe der Grenze.
Wer zum Beispiel zur Kirchengemeinde am Arendsee wollte, musste durch die Sperrzone und einen Passierschein beantragen, was vier bis sechs Wochen dauerte. Sogenannte "unzuverlässige" Bewohner wurden in der "Aktion Ungeziefer" zwangsweise umgesiedelt, manche Orte wie Jahrsau und Stresow dem Erdboden gleichgemacht. Zu jener Zeit war Jürgen Starck, 1950 im brandenburgischen Freyenstein geboren, noch ein kleines Kind. Wir radeln weiter zur ehemaligen Grenztruppenkaserne in Ziemendorf nördlich des Arendsees.

"Hier waren die Grenztruppen der DDR stationiert. Und besonders hier in Ziemendorf wurde von hier aus die ganze Logistik der Grenze betrieben, also die Grenze repariert, hier gab es auch Hunde, also die Hundestaffel, die ganze Versorgung lief von hier aus, und hier saß auch die Staatssicherheit drin."

2004 ist die Kaserne von einer Regensburger Familie gekauft und in ein
Hotel umgewandelt worden. Beim Renovieren ist man an den Wänden des Treppenhauses auf Gemälde der Grenzsoldaten gestoßen. Es sind Szenen eines befohlenen Dienstes gegen die Menschlichkeit. Die Eigentümer beschlossen, die großflächigen Zeichnungen als Zeugnisse der Geschichte zu erhalten und in ein "Treppenhaus der Menschenrechte" zu integrieren. Bilder und Schautafeln informieren außerdem über Tiere und Pflanzen im Niemandsland.

Als wir wieder auf die Räder steigen, erklärt Jürgen Starck auf einer Karte unser nächstes Ziel: die Wirler Spitze.

"Und diese Spitze da oben, die Wirlspitze, da fahren wir jetzt hin. Das sind ganz markante Punkte, wo die Grenze also wie so 'n Dorn in die ehemalige DDR reinreichte. Und hier seht ihr auch den Grenzverlauf. Die ehemalige Grenze – das ist jetzt das 'Grüne Band Deutschland'. Die Naturschützer wollen ja dieses Grüne Band erhalten als besonderen Lebensraum, weil sich herausgestellt hat, auch schon vor der Wende, dass sich im Grenzbereich sehr viele Tierarten erhalten haben. Wir haben hier Kranichbruten und Schwarzstorch. Hier oben haben wir den Ziegenmelker, ganz spannender Vogel. Dann haben wir den Arendsee hier im Einzugsbereich der Grenze als Rastgewässer für die nordischen Gänse im Winter."

Nach kurzer Strecke erreichen wir den Grenzerfahrungspunkt Wirlspitze, benannt nach dem Ort Wirl im Wendland auf der anderen Seite. Wir wandern in den Grenzstreifen hinein, jetzt eine Art Binnendüne mit trockener Friesen- und Glockenheide. Der ursprüngliche Kiefernwald wurde abgeholzt, damit Flüchtende besser zu sehen waren. Bienen summen. In der Ferne singt eine Heidelerche. Kaum vorstellbar ist heute der nahezu undurchdringliche Aufbau der Grenze, der nach dem Mauerbau 1961 noch verschärft worden war.

"Wir haben den Kolonnenweg, und dann gab es danach den Spurensicherungsstreifen, den nannten die Grenztruppen K 6 - Kontrollstreifen sechs Meter breit. Dann kam ein Sperrgraben, ein sogenannter KFZ-Sperrgraben, der dafür da war, Fluchtbewegungen mit Fahrzeugen aus dem Osten zu verhindern. Und danach kam schon mal ein Zaun. Und hier hatten wir eine ganz besondere Situation, hier gab es nämlich zwei Zäune. Und warum zwei Zäune? Ja, zwischen den Zäunen lagen hier die Minen. Am ersten Zaun war noch diese Selbstschussanlage, ne SM 70 - Schussmine 70 -, ein Produkt aus dem Dritten Reich. Und zwischen diesen Zäunen lagen diese Minen, über zwei Millionen verteilt über den ganzen ehemaligen Streifen."

Hinzu kamen Hundelaufanlagen, Beleuchtungsanlagen, Grenztürme. Alles mit Nummern und kryptischen Abkürzungen. BT 11 zum Beispiel, das bedeutete "Beobachtungsturm, 11 Meter hoch". So blieb es jahrzehntelang, bis zur offiziellen Aufhebung der Sperrzone im Grenzgebiet am 13. November 1989.

"Gerade diese Selbstschussanlagen sind ja eine ganz mörderische Technik gewesen. Ihr müsst euch vorstellen, ein Republikflüchtling, der es bis hierher geschafft hat, sieht diesen Zaun, berührt einen von diesen Dingern und wird zerfetzt – aber nicht durch Geschosse, sondern durch Stahlsplitter. Man redet ja immer nur von den Menschen, die hier ums Leben gekommen sind. Hier sind ja auch unendlich viele Tiere ums Leben gekommen. Wenn man Leute fragt, die aus dieser Zeit noch erzählen können, die werden euch erzählen, dass sie die nicht mal rausgeholt haben, die Kadaver lagen also in den Minenfeldern drin, bis sie weg waren."

Wir fahren mit den Rädern auf den Platten des Kolonnenwegs am Grenzstreifen entlang bis zu einem Kiefernwäldchen. Zu Fuß geht es durch das Unterholz bis zu der Stelle, wo unter Bäumen ein einfaches Holzkreuz steht. Darauf ein Name und ein Datum: Bernhard Simon, gestorben am 28. Oktober 1963. Er ist nur 18 Jahre alt geworden.

"Der ist mit seinem Bruder gemeinsam über die Grenze gegangen, der Bruder ist durchgekommen durch diesen Minenstreifen, 1963, und sein Bruder Bernhard ist auf eine Mine getreten. Er hat ihn noch rübergezogen über die Grenze. Der war natürlich schwer verletzt gewesen, hat es aber nicht überstanden, weil der Blutverlust einfach so hoch war. Und inzwischen ist sein Bruder auch schon verstorben. Ist ja schon allerhand Jahre her. Aber es gibt noch einen dritten Bruder, und der dritte Bruder kommt immer am 3. Oktober her und stellt einen Topf mit Blumen hin."

"Das Schöne und das Böse geht hier immer hin und her", sagt Jürgen Starck.
Der engagierte Naturführer am Grünen Band hat schon kurz vor dem Ende der DDR eine Umweltgruppe gegründet. Beruflich war er als Fernmeldemechaniker der Deutschen Post mit seinem Trabant in den Dörfern Brandenburgs unterwegs und hatte das Ohr überall dran, wie er sagt. Seine Frau Traudl arbeitete ebenfalls bei der Post und hatte einen regen Briefwechsel in die ganze Welt. Mit Sohn Christian betrieb die Familie Starck einen kleinen Hof, den sie gleich nach der Wende in einen Biohof umwandelte. Der Naturschutz wurde nun ihre Leidenschaft. 1999 zogen sie in die Altmark, lebten dann drei Jahre im Wendland, was ihnen "nach der DDR-Sozialisation ausgesprochen gut tat", sagt Jürgen Starck, und kehrten voller Tatendrang in die Altmark zurück.

Traudl Starck betreibt einen Mondgarten, den sie jeden Sonntag für Besucher öffnet, Sohn Christian baut individuell abgestimmte Fahrräder und Jürgen Starck erkundet den Zusammenhang von Natur, Kultur und Geschichte am Grünen Band in der Altmark. Manchmal kommt er abends ganz allein zur Wirlspitze.

"Ihr müsst euch mal vorstellen, da kommst du hier schon mal so um 21 Uhr an in der Dämmerung. In dieser Gegend bist du ganz alleine hier, mit dir selber als Mensch. Aber die Natur ist noch da. Und dann wird's immer dunkler, dahinten geht der Mond hoch, und auf einmal fängt er an zu surren (er macht es vor), der Ziegenmelker, kriegst du Gänsehaut, und dann fliegt er umher und macht dann (ein klatschendes Geräusch), irre."

Die Menschen dachten früher, dass der drosselgroße Vogel nachts die Ziegen melkt. Daher der Name. Er hat riesengroße Augen und wurde auch Geistervogel genannt. Oder Nachtschwalbe, weil er nachts Insekten fängt.

"Und dann müsst ihr euch vorstellen, da stehe ich hier, und der Ziegenmelker, der flog hier immer an der Grenze entlang, setzte sich dann wieder hin, rief dann wieder, flog wieder lang und machte wieder (macht es vor), klatscht dann immer so. Und da kommt ein Rehbock, genau am Grenzstreifen entlang, wo der Ziegenmelker im Hintergrund fliegt. Da kommt der Rehbock rüber, sieht mich natürlich nicht, weil es schon fast dunkel war, geht auf mich zu und im letzten Moment sieht er mich, kriegt einen Schreck und fängt an zu bellen – wie ein heiserer Hund (macht es vor), läuft dann hier rüber, da kriegt man schon ein bisschen Gänsehaut. Ich habe hier in diesem trockenen Lebensraum, wo man denkt, was ist denn hier los, ist ja nur Sand, eigentlich die schönsten Erlebnisse gehabt."

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