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StartseiteEuropa heuteGemischte Gefühle auch bei Dänen07.02.2018

Grenzkontrollen im NordenGemischte Gefühle auch bei Dänen

Seit rund zwei Jahren lässt Dänemark seine knapp 70 Kilometer lange Landgrenze zu Deutschland kontrollieren. Was das tatsächlich bringt, ist unklar. Manche Dänen halten die Kontrollen für sinnvoll, andere vermuten, dass es sich eher um Symbolpolitik handelt.

Von Johannes Kulms

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Deutsch-dänischer Grenzübergang bei Kruså (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
Dänische Polizisten kontrollieren den Übergang Kruså nahe der Grenze zu Schleswig-Holstein. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)
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40 Frauen und Männer zählt das Broager Brandværns Orkestre. Die Mitglieder des Feuerwehrorchesters freuen sich, dass ein deutscher Radioreporter an diesem Abend zur Probe gekommen ist.

Broager - das ist eine dänische 3.000 Einwohnerstadt, rund 25 Kilometer nördlich der Grenze zu Deutschland. Oft fahren die Musiker zum Einkaufen ins Nachbarland und sie treten immer wieder in Deutschland auf. Dass Kopenhagen alle Übergänge zur Bundesrepublik kontrolliert, finden viele hier übertrieben:

"Also, für mich hat es keinen Zweck. Wenn ich da durchfahr' ist es immer so: Bumm! Ich glaub' nicht, dass das einen Zweck hat."

"Das ist ganz einfach politisch nur. Denn die könnten ja hundert Meter von der Grenze einfach durch den Wald laufen und nach Dänemark kommen. Das hat ja überhaupt keinen Sinn, die haben ja nicht die Grenze abgedeckt. Also, es ist reine, wie sagt man auf deutsch…'Symbolpolitik?'"

"Ja, Symbolpolitik. Anderes ist das nicht."

Auch Befürworter der Grenzkontrollen

Im Januar 2016 hatte Kopenhagen die Grenzkontrollen eingeführt - damals wegen der vielen Flüchtlinge. Doch seitdem ist ihre Zahl deutlich gesunken, inzwischen wird die Überwachung mit dem Schutz vor Terror begründet. Alle 13 offiziellen Übergänge an der Landgrenze zu Deutschland werden laut dänischer Polizei kontrolliert, allerdings nur drei davon rund um die Uhr. An den anderen finden mehrmals täglich Kontrollen statt. Hinzu kommen Kontrollen an mehreren Häfen und in den Zügen.

Deutsch-dänischer Grenzübergang bei Kruså (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Deutsch-dänischer Grenzübergang bei Kruså (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Dass die Überwachung immer noch stärker ausgeweitet wird, hat vor allem mit dem Druck der rechtspopulistischen Dansk Folkeparti zu tun. Die Minderheitenregierung in Kopenhagen ist auf die Stimmen der Dänischen Volkspartei angewiesen.

Beim Feuerwehrorchester in Broager gibt es auch Unterstützung für diesen Kurs. Zum Beispiel von Ove Petersen. Der 69-Jährige leitet das Feuerwehrorchester seit einem Viertel-Jahrhundert:

"Ich frag mich nur - wir fragen uns in Dänemark, auch die, glaube ich, die was gegen Grenzkontrolle haben, fragen sich auch: Wenn Danske Folkeparti nicht dagewesen sind, wie hat es dann ausgesehen?"

Die Mitglieder des Feuerwehrorchesters  Broager Brandværns Orkestre. (Johannes Kulms)Die Mitglieder des Feuerwehrorchesters Broager Brandværns Orkestre (Johannes Kulms)

Der Zeitverlust durch die Kontrollen ist überschaubar. Stundenlange Staus wie an der Grenze zwischen Österreich und Deutschland, gibt es hier bisher nicht. Mogens Therkelsen ärgert sich trotzdem. Der 71-Jährige führt in Padborg - nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt - eine Spedition mit 300 Mitarbeitern. Seine LKW transportieren vor allem Lebensmittel.

Die wirtschaftlichen Einbußen durch die Kontrollen seien schwer zu beziffern, meint er, doch sei Dänemark sehr vom deutschen Markt abhängig. Er kenne dänische Spediteure, die inzwischen überlegten, Lager in Deutschland zu errichten, sagt Therkelsen beim Gang durch die riesige Kühlhalle: "In Deutschland müssen wir pünktlich da sein. Eine halbe Stunde Verspätung gibt Strafe und wir können vielleicht nicht die Ware liefern, weil man nimmt die nicht entgegen."

Politische Deals in Kopenhagen

Nicht nur als Unternehmer ärgere er sich über die Grenzüberwachung, sondern auch als Europäer, erklärt Therkelsen, während hinter ihm ein Gabelstapler eine Palette Salami in einen LKW bugsiert. Und damit steht der Geschäftsmann nicht allein.

Thomas Andresen ist der Bürgermeister der Gemeinde Aabenraa, zu deutsch Apenrade. 60.000 Einwohner zählt die Großkommune, die auch direkt an der Grenze zu Deutschland liegt. Andresen ist Mitglied der rechtsliberalen Partei Vaenstre, die mit Lars Løkke Rasmussen den dänischen Premierminister stellt. Die Grenzkontrollen seien in Kopenhagen zur politischen Handelsware geworden, seufzt Andresen:

"Man diskutiert ja im Augenblick zum Beispiel Steuern, dass man gleichzeitig auch Grenzkontrollen und ausländerrechtliche Themen berührt. Und diese beiden Dinge haben im Prinzip nicht viel miteinander zu tun. Aber wenn man sich 'ne Mehrheit schaffen will, werden eigentlich die Themen gemischt."

Thomas Andresen erinnert an die oft blutige Geschichte, die Deutschland und Dänemark miteinander verbindet. Nein, ein neuer Krieg drohe nicht, das weiß er, aber der kulturelle Austausch sei sehr wichtig.

"Und das tut man am besten mit einer offenen Grenze".

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