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StartseiteEuropa heuteOhne Recht auf Gesundheitsversorgung04.02.2014

GriechenlandOhne Recht auf Gesundheitsversorgung

Wer in Griechenland arbeitslos wird, bekommt maximal zwei Jahre staatliche Unterstützung. Die Kosten für eine Krankenversicherung können dann viele nicht mehr aufbringen. In der Klinik der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" müssen Patienten nichts bezahlen - für viele ein letzter Rettungsanker.

Von Thomas Bormann

Das Foto zeigt die Vorbereitung und Nachbehandlung des endoskopischen Eingriffs (picture alliance / dpa / Klaus Rose)
Wegen der Krise in Griechenland sind viele nicht mehr krankenversichert und werden nicht ärztlich behandelt. (picture alliance / dpa / Klaus Rose)
Weiterführende Information

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Mühsam schleppt sich Konstantinos auf seinen Krücken durch den Flur der Klinik. Hier müssen die Patienten nichts bezahlen für die Untersuchung beim Arzt; auch die Medikamente kosten nichts. Ärzte und Krankenpfleger betreiben diese Klinik ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Die Medikamente stammen allesamt aus Spenden. Konstantinos holt sich am Schalter seine Tabletten:

"Ich habe ein Magengeschwür und muss deswegen jeden Tag Medikamente nehmen. Die bekomme ich hier kostenlos; zum Glück. Und die Ärzte hier untersuchen mich auch immer wieder."

Die Klinik der Hilfsorganisation "Ärzte der Welt" am Omonia-Platz in Athen springt dort ein, wo der griechische Staat versagt. Hier werden Patienten wie Konstantinos behandelt, die wegen der Krise nicht mehr krankenversichert sind.

Konstantinos ist 60 Jahre alt; früher war er mal ein sportlicher, muskulöser Mann, hat als Mechaniker in einer Motorradwerkstatt gearbeitet. Jetzt hat er nicht nur einen kranken Magen und kaputte Knie, sondern er muss sich auch noch ohne jedes Einkommen durchschlagen:

"Überlegen Sie sich mal: Ich hatte eine Behindertenrente bekommen und die haben einfach die Rente gestrichen und gesagt: Ich soll wieder arbeiten. Die denken wohl, ich könnte mit meinen Krücken zurück in die Motorradwerkstatt, wie stellen die sich das bloß vor?"

Keine Rente, keine Arbeit, das bedeutet in Griechenland: kein Geld, um die Beiträge für die Krankenversicherung zu bezahlen. Wer arbeitslos ist, bekommt nur für ein, maximal für zwei Jahre staatliche Unterstützung, dann ist Schluss. Es gibt keine Sozialhilfe, kein Hartz IV oder etwas Ähnliches, nichts.

Wer nicht bezahlt, fliegt aus der Krankenversicherung raus

Wer länger als zwei Jahre arbeitslos ist, ist auf Hilfe von der eigenen Familie und auf Suppenküchen der Kirche angewiesen. Von den Langzeitarbeitslosen hat kaum jemand Geld, die Beiträge für die staatliche Krankenversicherung zu zahlen. Und wer die nicht bezahlt, fliegt raus aus der Versicherung. Ein Schicksal, das immer mehr Griechen trifft.

Theodoros Paraskevópoulos von der Oppositionspartei Syriza schlägt Alarm:

"Drei Millionen sind nicht krankenversichert, das ist ein Drittel der griechischen Bevölkerung."

Auch wenn die griechische Regierung sagt, diese Zahl sei übertrieben; so lässt sich dennoch nicht abstreiten, dass der griechische Staat immer mehr Bürger im Stich lässt, ihnen medizinische Versorgung verweigert. In der Apotheke bekommen sie keine Medikamente; im Krankenhaus werden sie abgewiesen, auch wenn sie noch so krank sind.

Gesetz gefordert, damit Gesundheitsversorgung gesichert ist

Alexandros Souvátsis ist Physiotherapeut; er ist in Berlin aufgewachsen, lebt seit zehn Jahren in Athen und arbeitet mindestens acht Stunden die Woche ehrenamtlich in der Klinik der "Ärzte der Welt". Er kennt viele Geschichten von kranken Menschen, für die die Türen der staatlichen Krankenhäuser verschlossen bleiben:

"Ich sehe das hier öfters. Wir haben hier viele Leute, die dringend eine Knie-OP brauchen, weil sie ein neues Gelenk brauchen, weil sie über 60 sind, aber die haben nicht die Möglichkeit, das machen zu lassen, so laufen sie mit Schmerzen herum."

Der Oppositionspolitiker Theodoros Paraskevopoulos hat auch schon von Fällen gehört, in denen Patienten gestorben sind, weil ihnen die Behandlung im Krankenhaus verweigert wurde. Deshalb fordert er die Regierung auf, sofort ein Gesetz zu verabschieden:

"Dass die Krankenhäuser und die Arztpraxen auch verpflichtet werden, Menschen zu versorgen, die nicht versichert sind."

Ein solches Gesetz müsse sofort kommen, denn es gehe im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod:

"Wir können nicht darauf warten, dass ein Sozialhilfewesen aufgebaut wird. Das brauchen wir, aber man kann nicht warten, das dauert. Egal wie lange das dauert oder wie kurz - inzwischen werden Menschen sterben. Also man muss Sofortmaßnahmen ergreifen. Eine Sofortmaßnahme ist, dass jeder Mensch sofort, ab morgen, das Recht auf Gesundheitsversorgung hat."

Denn dann könnten auch Patienten wie der 60-jährige Konstantinos wieder ganz normal in die Sprechstunde gehen und sich in der Apotheke ihr Medikament besorgen.

Noch aber wächst die Zahl der Griechen, denen die Krankenversicherung gestrichen wird. Deshalb wird es im Wartezimmer der Klinik der "Ärzte der Welt" am Athener Omonia-Platz immer voller. 

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