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StartseiteSonntagsspaziergangReligiöser Tourismus sorgt für Aufschwung21.04.2014

GriechenlandReligiöser Tourismus sorgt für Aufschwung

Durch die härteste Wirtschaftskrise, die Griechenland bisher erlebt hat, sehen die Verantwortlichen in den Touristenbetrieben Bedarf nach neuen Geschäftsideen. Eine davon ist der religiöse Pilgertourismus, Einheimische sprechen vom "verneigendem Tourismus". Vor allem in der byzantinischen aller Städte, Thessaloniki, funktioniert das prima.

Von Marianthi Milona

Die Kirche Hagia Sophia in Thessaloniki (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Die Kirche Hagia Sophia in Thessaloniki (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Weiterführende Information

"Ein potenzieller Wendepunkt für Griechenland" (Deutschlandfunk, Information und Musik, 13.04.2014)

Junge Griechen in Polen (Deutschlandfunk, Europa heute, 04.04.2014)

Kulturgut oder Kirchentradition? (Deutschlandfunk, Kultur heute, 05.01.2014)

"Ich bin zu meiner Muttergottes gepilgert. Ich wünsche mir, dass sie uns dabei hilft die momentane Misere zu überwinden."

"Ich habe mich vorgestern vor der Ikone verneigt. Aber man kann es nicht oft genug machen. Es ist immer ein Segen. Denn es macht dich stark."

"Bei der Verneigung spürst Du eine Protektion, eine Sicherheit. Es ist ein Fallenlassen. Ich meine, es ist an der Zeit, sich auf Emotionen einzulassen. Wir hatten uns einfach zu sehr davon entfernt."

Pilgertourismus als "verneigender Tourismus"

Wer es zum ersten Mal erlebt, den könnten diese griechischen Pilgerszenarien ein wenig beängstigen. Doch das Ritual ist schon sehr alt. In regelmäßigen Abständen werden Ikonen der griechisch-orthodoxen Kirche, die der Ruf vorauseilt, dass sie wunderbringend sind, in den Kirchen des Landes aufgestellt. Dann strömen Tausende Gläubige aus dem In- und Ausland, um sich vor diesen Ikonen zu verbeugen, eine Kerze anzuzünden. Ein Gebet zu sprechen. Einen kleinen Obulus zu spenden. In Griechenland ist dieser Pilgertourismus als "verneigender Tourismus" bekannt. Weil sich die Menschen vor der Christus- oder Marienikone mehrmals verneigen. Manchmal sogar auf die Knie gehen. Dann die Ikone küssen. Was für die Kirche seit Jahrzehnten als lukratives Geschäft angesehen wurde, um auch ihre mageren Finanzkassen zu füllen, wollen nun in der Krise, Städte wie Thessaloniki nutzen, um ihre Tourismuswirtschaft anzukurbeln.

Religiöser Tourismus boomt

Kostas Sfikas, ist der Startouristenführer Thessalonikis. Kein großer Staatsbesuch der hier vorbei kommt, bei dem er nicht für eine Führung engagiert wird. Vom Bürgermeister persönlich. Kostas ist einer der Wenigen, die bereits vor 20 Jahren das Potential für den Pilgertourismus in Thessaloniki erkannt hatten. Damals stieß er aber noch mit seinen Ideen auf taube Ohren.

"Damals dachte man hier überhaupt nicht an Tourismus, geschweige denn an Pilgertourismus. Wenn ich in früheren Zeiten mit unseren Stadtvätern sprach, meinten diese immer zu mir. Nein, Thessaloniki ist doch kein Reiseziel! Dieses Denken halte ich für unverzeihlich. Wir haben dadurch viel Zeit verloren. Glücklicherweise erkannte unser jetziger Bürgermeister noch bevor er für dieses Amt gewählt wurde, das es in diesem Bereich Nachholbedarf gibt. Er hat den religiösen Tourismus mit allen Mitteln unterstützt. Seitdem können wir uns vor Gästen aus Russland, Israel und der Türkei kaum mehr retten. Orthodoxe Christen strömen von überall in unsere Kirchen und fahren dann natürlich auch zur nahegelegenen Athosrepublik. Das Umdenken setzte bei uns spät ein, aber besser spät als gar nicht."

Heute bestimmt die Atmosphäre der heiligen Demetrius-Basilika in Thessaloniki der tragende Klang eines alten byzantinischen Gesangs. Die aufsteigende Wärme stammt von den vielen Hundert brennenden Kerzen und es geht ein betörender Duft von Weihrauch durch die Menschenreihen, wenn sich alle in einer riesigen Schlange postieren und mit viel Geduld den Moment abwarten, wo sie vor der wunderbringenden Ikone stehen.

Viele Pilger sind reich

Der Fremdenführer Kostas Sfikas hat durch seine Arbeit erfahren müssen, dass der Pilgertourismus in seiner Heimat die Krise ohne Schaden überstanden hat. Und das, weil die religiösen Gäste bereit sind sehr viel Geld für ihren Glauben auszugeben. Froso Hatziliadou, Hoteliersfrau, erzählt, was sie mit einem Pilgertourist kürzlich erlebt hat:

"Sehr viele dieser Pilger sind ungemein wohlhabend. Es gibt Pilger, die mit dem Hubschrauber hier anreisen. Einer von ihnen war mein Gast. Als orthodoxer Christ hatte er sich selbst geschworen, wenn er nach Thessaloniki und Griechenland kommt, an einen ganz bestimmten Tag auch ein Kloster auf dem Berg Athos zu besuchen. Es musste aber dieser eine spezielle Tag sein und kein anderer. Nun war es aber so, dass wir an diesem Tag Sturm hatten und das Fährboot nicht auslaufen konnte. Wissen sie was er gemacht hat? – Er mietete eine große Fähre auf der windgeschützten Rückseite des Golfs. Er zahlte dem Kapitän dafür 2500 Euro, damit er an diesem Tag das Kloster erreichen konnte."

Die Bedeutung Thessalonikis soll unvergessen bleiben

Es ist dieses touristische Potential, dass Thessaloniki benötigt, um sich attraktiver auf dem internationalen Tourismusparkett zu positionieren. Diese a priori durch und durch byzantinische Stadt, die schon früh unter der Ägide der UNESCO stand, bietet auch dem kulturinteressierten Pilger unvergessliche Aha-Erlebnisse. Thessaloniki besitzt byzantinische Kirche der ersten Reihe. Angefangen von der Achiropiitos, einer Kirche aus 450 n. Chr., der hl. Dimitrios-Basilika, die Hagia Sofia, Panagia Chalkeon und den zahlreichen Kirchen der Paleologen: Die 12 Aposteln, die hl. Katharina, die Hl. Panteleiomon, die Christus Verwandlung. Für Kostas Sfikas darf der religiöse Tourist deshalb nicht allein her kommen, um eine Kerze anzuzünden. Eigentlich kommt er ohne einen Reiseleiter überhaupt nicht in Thessaloniki aus.

"Wir dürfen den religiösen Pilger nicht so degradieren. Er ist durchaus in der Lage eine Einführung über die byzantinische Geschichte unserer Stadt zu hören. Du kannst ihm Botschaften vermitteln. Selbst bei der Frau mit dem langen unattraktiven Rock und dem Pferdeschwanz, die eigentlich nur ihre Kerze anzünden will. Wenn sie meine 5 Informationen erfährt und am Ende nur eine davon behält, dann ist das doch für uns und für sie ein Gewinn. Das ist meine Arbeit: Das niemand die Bedeutung Thessalonikis jemals vergisst."

Wichtigste Metropole jüdischen Lebens auf dem Balkan gewesen

Einer der noch weiter denkt als Reiseführer Kostas Sfikas, das ist Spyros Pengas. Thessalonikis stellvertretender Bürgermeister und verantwortlich für den Tourismus der Stadt. Pengas geht noch einen Schritt weiter. Der Begriff Pilgertourismus ist für ihn ein weites Feld. Er denkt dabei auch an jene, die die Holocaust-Gedenkstätten besuchen. Thessaloniki war vor dem Zweiten Weltkrieg die wichtigste Metropole jüdischen Lebens auf dem Balkan gewesen. Bisher aber erinnerte daran nur ein kleines unscheinbares Mahnmal am Platz der Freiheit daran.

"Wir haben beschlossen, dass der Freiheitsplatz nicht mehr als Autoparkanlage genutzt wird. Dort soll jetzt eine Gedenkstätte entstehen zur jüdischen Geschichte unserer Stadt. Denn genau dort sind zum ersten Mal unsere jüdischen Mitbürger versammelt worden, um später in die Konzentrationslager der Nazis ermordet zu werden. Heute gibt es ja nur ein kleines Denkmal, dass daran erinnert. Wir wollen es nun größer machen, zum Gedenken der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Und wir wollen den Parkplatz zu einer Grünanlage umgestalten.

Krise macht erfinderisch

Griechischer Pilgertourismus - ein Begriff, unter dem womöglich jeder fremde Gast untergeordnet werden kann? - Die Hotelierfrau Froso Hatziliadou hält dies für eine gute Geschäftsidee, die in Thessaloniki aufgrund der Geschichte tatsächlich funktioniert. Die Krise macht eben erfinderisch. In Griechenland, wie in jedem anderen Land. Auch wenn sie glaubt, dass man mit dem Glauben keine Geschäfte macht. Die Griechen betreten touristisches Neuland. Bisher kannten sie vorwiegend Strandtouristen und Antikenbegeisterte.

"Mir tut ein wenig leid, weil wir den Glauben der Menschen benutzen, um Geld zu machen. Das steht in einem gewissen Widerspruch. Aber Tourismus hat manchmal auch solch ein Gesicht. Wenn diese Pilger kommen, dann werden in allen Ecken die passenden Souvenirs verkauft. Die sind vielleicht nicht authentisch aber wenn interessiert's? Als Tourist sollte man vorsichtig sein. Man sollte sich nicht ganz ausnutzen lassen. Aber das gilt ja für alles im Leben nicht wahr?"

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