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Griechischer Spaß

Neu im Kino: Athina Rachel Tsangaris Film "Attenberg"

Von Josef Schnelle

"Wie machen es die Menschen?" - Szene aus "Attenberg"
"Wie machen es die Menschen?" - Szene aus "Attenberg" (HAOS Film/)

Athina Rachel Tsangari zählt zu den Protagonisten des neuen griechischen Kinos. Mit ihrem erfrischend irritierenden Film "Attenberg" beweist sie: Anders als die sieche griechische Wirtschaft ist das Kino des Landes so lebendig wie lange nicht.

"Stellst du dir mich jemals nackt vor?"

Dieser Film spricht griechisch und das ist die Frage einer Tochter an ihren Vater im weißen Wartestuhl vor der Krebstherapie. Die beiden reden über Tabus und menschliche Verhaltensweisen ganz so als analysierten sie eine fremdartige Spezies. Marina ist 23 und sie war noch nie mit Sex konfrontiert. Ihre beste Freundin Bella soll ihr den eigentlich ungeliebten Kontakt der Geschlechter näher bringen. Doch das gestaltet sich schwierig. Auch weil Marina im Grunde eigentlich lieber ganz bei sich bleiben will. Der Kerndialog:

"Wie machen es die Menschen? – Willst du es lernen? – Nein"

Athina Rachel Tsangaris Film "Attenberg" ist eine obskure menschliche Komödie im modernen Griechenland, in dem die wuchernde Industrie alle Schönheit aufgefressen hat und schon dabei ist, selbst in all ihrer Hässlichkeit zu verfallen. Kein schöner Touristenort. Griechische Industrieprovinz. Im Grunde eher ein wunderbares Seelenbildnis einer geschundenen Nationalpsyche. Wesentlich frischer und frecher als die verregneten, melancholischen Zeitgeistgeschichten des vor wenigen Monaten verstorbenen Kinonationalheiligen Theo Angelopoulos präsentiert sich das neue griechische Kino weniger philosophisch verquält, dafür auch musikalisch auf der Höhe der Zeit.

Die zeitgenössischen ökonomischen Probleme und deren Folgen werden zwar nicht direkt angesprochen. Aber sie bilden den Hintergrund für die teilweise komischen, teilweise bitter verzweifelten Gefühlstemperaturen der Hauptfiguren. Marinas Vater, ein ehemaliger Sozialist, ist desillusioniert. Nicht nur durch den Krebs. Die junge Frau selbst versucht die Welt so zu begreifen wie es ihr Lieblingsregisseur von Tierdokumentationen Sir David Attenborough im Fernsehen nahegebracht hat. Der Bruder des Regisseurs von "Ghandi" und anderer Kassenerfolge Richard Attenborough ist tatsächlich eine lebende Legende unter den verhaltensforschenden Tierfilmern. Sein Name ist Marina aber zu schwierig auszusprechen. Aus ihm wird in kreativer Vereinfachung "Attenberg" - der Titel des Films. Die Sichtweise der Tierdokumentationen bestimmen aber das Bild der Welt, das sich die beiden Freundinnen entwerfen.

Außerdem lieben sie die Auftritte der britischen Monty Python-Komikertruppe, insbesondere den Sketsch über das legendäre "Ministerium für komische Gangarten" das John Cleese einst vorführte. Sie fassen sich in den Schritt und gehen seltsam und komisch in manieristischer Stilisierung auf die Welt zu, wenn sie nicht gerade Zungenküsse üben oder die Verhaltensweisen der Tiere nachahmen zum Beispiel als Affen so wie sie Sir David Attenborough beschreibt. In dieser bizarren Anthropologie geht die reale Welt schnell unter ebenso wie der emotionale Schmerz, den der Tod des Vaters verursacht, der lieber nicht von Würmern zerfressen werden will und deswegen eine (in Griechenland nicht so leicht zu bewerkstelligende) Feuerbestattung von seiner Tochter fordert. Marina muss seinen Sarg erst einmal außer Landes schaffen, um diesen letzten Wunsch zu erfüllen.

"Attenberg" ist ein irritierender Film voller überraschender Bilderfindungen und experimenteller Volten. Griechenland mag in der ausweglosen Falle der Finanzkrise gelandet sein. Die neue Welle des griechischen Films ist aber so lebendig wie lange nicht. Athina Rachel Tsangaris hat den international sehr hochgelobten Film ihres Kollegen Giorgos Lanthimos "Dogtooth" produziert, der im Oscar-Rennen um den besten ausländischen Film 2011 mitmischte. An "Attenberg" ist Lanthimos wiederum als Schauspieler und Produzent beteiligt. Und so geht’s weiter. Der ganz neue griechische Film erobert im Doppelschritt die Welt. Die sperrige experimentelle Formsprache ist dabei zumindest bei "Attenberg" kein Hindernis. Sie wirkt frisch und aufregend. So als würde einer sagen: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall. "Attenberg" bemüht nie psychologische Erklärungen aber die griechische Formenwelt der Meerestiere spielt bei ihr doch eine Rolle. Wie gesagt. Sie werden den Film griechisch mit deutschen Untertiteln sehen können. Die Freundin sagt:

"Du bist ein Seeigel. Du lässt dich von niemanden berühren."

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