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StartseiteEuropa heuteKrank gespart31.07.2015

Griechisches GesundheitswesenKrank gespart

Wie dringend Griechenland auf Hilfe angewiesen ist, zeigt sich besonders deutlich im Gesundheitswesen: Der griechische Gesundheitsetat ist in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gekürzt worden. Kommt das neue Sparprogramm, drohen weitere Kürzungen. Fast ein Drittel der Bevölkerung hat außerdem keine Krankenversicherung mehr.

Von Jerry Sommer

Mitarbeiter im Gesundheitswesen protestieren am 20. Mai 2015 in Athen gegen Kürzungen im Gesundheitssystem. (dpa / picture alliance / Yannis Kolesidis)
Mitarbeiter im Gesundheitswesen protestieren am 20. Mai 2015 in Athen gegen Kürzungen im Gesundheitssystem. (dpa / picture alliance / Yannis Kolesidis)
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Das Wartezimmer in der Sozialklinik in Elliniko, einem südlichen Vorort von Athen, ist voll. Über 1.000 Patienten werden pro Monat hier behandelt. Es sind vor allem Griechen, die nicht krankenversichert sind - und zu dieser Gruppe gehören inzwischen drei Millionen von insgesamt 11 Millionen Bürgern. In der Sozialklinik ist die Behandlung kostenlos, ebenso die Medikamente, die von Spenden aus dem In- und Ausland gekauft werden. Deshalb ist auch Nikos Samaras hier. Er musste seinen Motorradladen wegen der Krise schließen - und verlor seinen Versicherungsschutz. Vergangenes Jahr wurde er in einem staatlichen Krankenhaus - entgegen den damaligen Bestimmungen - kostenlos am Herzen operiert. Der 61-Jährige:

"25 Jahre habe ich eingezahlt. Doch nun stehe ich ohne Versicherung da. Nach der Operation brauche ich Medikamente für mein Herz. Die kosten im Monat 180 Euro. Das Geld habe ich aber nicht".

Misswirtschaft, Verschwendung und Korruption

Nikos Samaras wird zum Arzt gerufen. Der behandelt hier in seiner Freizeit Kranke - ohne Bezahlung - so wie 50 weitere Helfer. Der Kardiologe Giorgios Bichas hat die Sozialpraxis vor fünf Jahren mitgegründet. Er ist empört, dass in Griechenland, als einzigem Land der Eurozone, Arbeitslose nicht krankenversichert sind. Die neue von der linken Syriza geführte Regierung hatte eigentlich vor, eine Krankenkarte für alle Unversicherten einzuführen. Doch das Projekt wurde gestoppt, weil die Kreditgeber diesen Vorschlag nicht unterstützen wollten. Giorgios Bichas ist darüber verärgert und berichtet von seinem Arbeitsplatz, einem Athener Krankenhaus. Von den schlechten Leistungen selbst für diejenigen, die krankenversichert sind:

"Es herrscht Mangel an zweitwichtigen Dingen: Manchmal sagt man den Kranken, sie sollten ihre eigene Bettwäsche mitbringen oder Watte selbst einkaufen. Aber an den lebenswichtigen Dingen für die Krankenversorgung gibt es noch keinen Mangel."

Das bestätigt auch Kostas Syrikos, der Leiter der Krebsabteilung der 600-Betten-Klinik Sotiria in Athen:

"Dass es dramatische Defizite gäbe, das ist eine Lüge. Es gibt Schwierigkeiten, aber wesentliche Defizite, die zulasten der Versorgung der Kranken gehen, gibt es nicht. Doch das geht nur durch die Selbstaufopferung des Personals. Allerdings kann man das so natürlich nicht lange durchhalten."

Der griechische Gesundheits-Etat ist in den vergangenen Jahren um über 40 Prozent gekürzt worden. Misswirtschaft, Verschwendung und Korruption waren und sind im griechischen Gesundheitswesen weit verbreitet.

Der Gesundheitsminister, der Syriza-Politiker Panajotis Korouplis, beklagt aber, dass der Etat für die Krankenhäuser dieses Jahr nur eine Milliarde Euro beträgt - letztes Jahr waren es noch 1,6 Milliarden. Wie das reichen soll, ist ihm ein Rätsel. Er hofft, dass in dem neuen Sparprogramm, das gegenwärtig verhandelt wird, wenigstens das Gesundheitswesen ausgenommen bleibt:

"Ich glaube nicht, dass sie planen, hier den Etat weiter zu senken. Wenn sie das tun, wären wir am Ende, das wäre katastrophal."

"Wenn es diese Sozialklinik nicht gäbe, wäre er längst tot"

In der Sozialklinik in Elliniko ist der Kardiologe Giorgos Bichas sich sicher, dass mit dem neuen Sparprogramm, zu dem die Kreditgeber Griechenland gezwungen hätten, weitere Einsparungen im Gesundheitswesen verbunden sein werden:

"Das bedeutet, dass solche sozialen Arzt-Praxen wie unsere erheblich ausgeweitet werden müssen, um das, was auf das Gesundheitswesen zukommt, wenigstens etwas auffangen zu können."

Und das bedeutet, dass noch mehr Griechen auf Spenden aus dem In- und Ausland angewiesen sein werden. So wie der arbeitslose Bauarbeiter Kostas, der gerade aus der Apotheke der Sozialpraxis seine Tabletten erhalten hat. Der 62-Jährige zeigt auf die Packung und witzelt:

"Die kommen direkt von Herrn Schäuble, aus Deutschland. Für mein Herz. Der Preis liegt eigentlich bei 145 Euro. Die habe ich nicht. Aber hier erhalte ich die Tabletten kostenlos."

Und seine Frau ergänzt:

"Wenn es diese Sozialklinik nicht gäbe, wäre er längst tot".

 

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