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Grönland schmilzt

Schwerefeldmessungen zeigen schwindende Gletscher

Von Volker Mrasek

Grönland vom Satelliten aus betrachtet.
Grönland vom Satelliten aus betrachtet. (Nasa)

Klimaforschung. - Grönland verliert offenbar schneller Eis als noch vor drei Jahren. Messungen des Schwerefeldsatellitenpaars "Grace" haben ergeben, dass vor allem die Gletscher an der Ostküste schneller in Richtung Meer vorrücken. Damit zeigt sich auch in den Messwerten etwas, was die Klimatologen für die gesamte Arktis erwarten: eine verstärkte Erwärmung.

Es ist so, als ob da jemand seit anderthalb Jahren die Vorspul-Taste drückt. Seit 2004 hat sich die Gletscherschmelze auf Grönland rapide beschleunigt. Nach den heute veröffentlichten Messdaten verliert die Insel inzwischen jedes Jahr etwa 240 Milliarden Kubikmeter Eis ans Meer. Das ist fast dreimal so viel wie noch 2003 und in den Jahren davor.

"Der Punkt ist, dass wir mit unserer Studie bestätigen können, was sich schon durch andere Messungen andeutete. Radar-Satelliten haben beobachtet, dass Grönlands Gletscher inzwischen schneller Richtung Meer vorrücken. Die daraus abgeleiteten Massenverluste stimmen sehr gut mit unseren Zahlen überein."

Für ihre neue Studie griffen Clark Wilson und seine Kollegen an der University of Texas in den USA auf Daten von Grace zurück. Das ist ein gemeinsames Satelliten-Projekt der US-Raumfahrtbehörde Nasa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, DLR. Wilson:

"Grace, das sind zwei Satelliten auf einer Tandem-Mission. Sie fliegen hintereinander im selben Orbit, mit einem Abstand von über 200 Kilometern. Diese Strecke zwischen ihnen wird ständig vermessen, und das hoch präzise, auf Tausendstel Millimeter genau. Auf diese Weise lassen sich Massen-Veränderungen am Erdboden erfassen. Denn durch sie ändert sich die Anziehungskraft auf die Satelliten und damit auch der Abstand zwischen ihnen."

Erhöhte Massenverluste zeigt Grönland nach den Grace-Daten an seiner Ost-Küste, zum Beispiel im Bereich von Island. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Temperaturen dort, in der Grönland-See, zuletzt gestiegen sind. Und dass Meeresströmungen mehr Wärme aus Süden herantransportieren als früher. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Gletscher mittlerweile rascher abtauen. Offen ist im Moment noch, ob es sich bloß um eine Episode im Klimageschehen handelt. Oder ob die globale Erwärmung dahinter steckt und die heutigen Abschmelzraten erst der Anfang sind. Klar ist auf jeden Fall: Das Eis, das Grönland verliert, trägt dazu bei, den Meeresspiegel zu erhöhen. Denn das Gletscherwasser fließt geradewegs in den Ozean. Wilson:

"Der Meeresspiegel steigt im Moment um zwei bis drei Millimeter pro Jahr. Hauptsächlich wegen der thermischen Ausdehnung des Meerwassers. Aber auch schmelzende Gletscher tragen ihren Teil dazu bei. Und dieser Anteil wird offenbar immer größer. Für Grönland beträgt er 20 Prozent, wie wir jetzt sehen. Das heißt, allein durch die Eisverluste dort steigt der Meeresspiegel jedes Jahr um einen halben Millimeter."

Die Arktis gilt mittlerweile als Achillesverse des Klimasystems. Experten gehen davon aus, dass sich die Region im Zuge der Erderwärmung besonders stark aufheizen wird. Deshalb gerät Grönland immer mehr in den Blickpunkt. Klimaforscher fürchten sogar, dass die Insel ihren Eispanzer vollständig verlieren könnte. Zwar nicht von heute auf morgen; ein solcher Prozess würde viele Jahrhunderte dauern. Aber er könnte schon bald unwiderruflich in Gang kommen, falls die Industrieländer ihre Treibhausgas-Emissionen nicht drastisch reduzieren. Das zeigt sich in Klimasimulationen, wie sie zum Beispiel der belgische Gletscherforscher Philippe Huybrechts durchgeführt hat:

"Wenn die Temperatur in der Arktis um weitere zwei bis drei Grad Celsius zunimmt, überschreitet Grönland eine kritische Schwelle. An einen solchen Punkt könnten wir schon in den nächsten Jahrzehnten kommen. Die Schmelzraten werden dann so hoch sein, dass der Gletscherschwund am Ende nicht mehr zu stoppen ist."

Clark Wilson und seine Kollegen werden Grönland jedenfalls weiter im Auge behalten und ihre Satellitenerkundungen fortsetzen. Jetzt, da das Eis noch schneller bröckelt, steht die größte Insel der Welt endgültig unter Dauerbeobachtung der Klimaforscher.

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