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Großartige Biografie eines verkannten Denkers

Tristram Hunt: "Friedrich Engels - Der Mann, der den Marxismus erfand"

Von Peter Kapern

Marx-Engels-Denkmal in Berlin (1995) - erst in seinen letzten Jahren trat Friedrich Engels aus dem Schatten seines Freundes.
Marx-Engels-Denkmal in Berlin (1995) - erst in seinen letzten Jahren trat Friedrich Engels aus dem Schatten seines Freundes. (AP Archiv)

Der britische Historiker Tristram Hunt setzt an zur Ehrenrettung jenes Mannes, der gemeinhin dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Marxismus geradewegs in Stalins Gulag führte.

Herbst 1848. Die Konterrevolution in Europa ist auf dem Vormarsch. Die Blüten des März - Pressefreiheit, Demokratie, Konstitutionalismus - geraten unter die Stiefelsohlen der Reaktion. Die Vorkämpfer des Völkerfrühlings werden verhaftet, vor Gericht gestellt oder gleich erschossen. Überall in Europa.

Und was macht Friedrich Engels, dieser Handlungsreisende in Sachen Revolution, in dieser blutigen Zeit? Er flüchtet aus Köln, stürzt sich aber nicht etwa andernorts in den revolutionären Kampf, sondern unternimmt eine ausgedehnte Wanderung durch Frankreich und kostet die Sinnenfreuden des süßen Landlebens aus:

"Und welcher Wein! Welche Verschiedenheit, vom Bordeaux bis zum Burgunder ... vom Petit Macon oder Chablis zum Chambertin! Und wenn man bedenkt, dass jeder dieser Weine einen verschiedenen Rausch macht!"

Schwärmt Engels in seinem Reisetagebuch, dem er auch anvertraut, dass er in dieser Zeit nicht nur die Vielfalt der Weine genoss, sondern auch seine Vorliebe entdeckte für die

" ... reingewaschenen, glattgekämmten, schlank gewachsenen Burgunderinnen von Saint-Bris und Vermaton!"

Friedrich Engels. Geboren 1820 in Barmen im Wuppertal. Sohn eines wohlhabenden Fabrikanten, Bohemien und Revolutionär, Liebhaber von Fuchsjagden und großherziger Finanzier verarmter Freunde, erfolgreicher Unternehmer und "der Mann, der den Marxismus erfand". So der Untertitel dieser großartigen Biografie von Tristram Hunt.

Der britische Historiker setzt zur Ehrenrettung jenes Mannes an, der gemeinhin dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Marxismus geradewegs in Stalins Gulag führte. Und dem der wenig schmeichelhafte Ruf anhaftet, nicht mehr gewesen zu sein als Karl Marx' Faktotum. Eines allerdings gelingt Hunt nicht: Alle Rätsel dieses rätselhaften Charakters zu lösen; wie jenes über das Motiv der lustvollen Wanderung durch Frankreich - ausgerechnet in den Zeiten der Revolution.

Hunt zeichnet nach, dass Engels grundlegende Bausteine zur kommunistischen Theorie ablieferte, noch bevor er mit Marx das "Compagniegeschäft" gründete, aus dem später das "Kommunistische Manifest" und das "Kapital" hervorgingen. Etwa mit den bereits 1844 veröffentlichten "Umrissen einer Kritik der Nationalökonomie". Das Gemeinschaftswerk beider umfasst nicht nur die scharfzüngige Kritik des Kapitalismus, sondern beschäftigt sich mit dem Wesen von Modernität und Fortschritt, Religion und Ideologie, Kolonialismus, Stadttheorie, Feminismus und Darwinismus:

"Zu all dem hat Engels bedeutende Beiträge geleistet. Zudem ging er mit weit mehr Wagemut als Marx daran, die Konsequenzen der von ihnen entwickelten Ideen für die Familienstruktur, die naturwissenschaftlichen Methoden, die Militärtheorie und die Befreiung der Kolonien zu ziehen."

1842 liefen sie sich zum ersten Mal über den Weg: Marx, der Doktor der Philosophie, und Engels, der Autodidakt. 1844, im Verlaufe von zehn bierseligen Tagen und Nächten in den Cafés von Paris, schlossen sie ihren Bund fürs Leben, sie mischten 1848/49 in der deutschen Revolution mit, um sich 1850 in England wiederzufinden, der letzten europäischen Fluchtburg der Demokraten.

Es folgte eine bittere Zeit im von Missgunst und Feindseligkeit geprägten Milieu der Exilanten. Und schließlich Engels Opfergang für seinen Freund. Er kroch bei seiner verhassten pietistischen Kapitalistenfamilie zu Kreuze, um wieder eine Anstellung in der Filiale von Ermen & Engels in Manchester zu finden. Seine Einkünfte und die Unterschlagungen aus der Firmenkasse sicherten seinen Lebensunterhalt sowie den von Marx und manch anderer Bedürftiger, die ihm zeitlebens auf der Tasche lagen.

In Manchester führte Engels 20 Jahre lang ein Doppelleben. Tagsüber als Kapitalist, der ein erfolgreiches Unternehmen managte, an den champagnergeschwängerten Empfängen und Fuchsjagden der besseren Gesellschaft teilnahm, des nachts als sozialistischer Agitator und Theoretiker, als Hausherr einer klandestinen menage à trois mit einer irischen Arbeiterin und ihrer Schwester. Ein Leben, das ihn zerriss bis zum körperlichen Zusammenbruch:

"Ich sehne mich nach nichts mehr als nach Erlösung von diesem hündischen Commerce, der mich mit seiner Zeitverschwendung vollständig demoralisiert. Solange ich da drin bin, bin ich zu nichts fähig!"

Aber Engels hielt durch, erduldete die Zumutungen, die ihm Marx bereitete, und die auch nicht endeten, als er 1870 den "hündischen Commerce" endlich hinter sich ließ, nach London zog und dort als Couponschneider lebte, wie Marx die wohlhabenden Aktienbesitzer im "Kapital" bezeichnet.

Bis zur Selbstverleugnung und weit über Marx Tod hinaus begnügte sich Engels damit, die zweite Violine zu spielen, in der festen Überzeugung, allenfalls Talent zu haben, aber kein Genie wie Marx zu sein. Erst in seinen letzten Jahren trat er aus dem Schatten seines Freundes, der 1883 gestorben war. Als Ratgeber aller sozialistischen Parteien Europas und hochgeachteter Redner auf Kongressen und Demonstrationen.

Er popularisierte die Lehren seines Freundes, machte den Marxismus zur Massenbewegung. Gleichzeitig ging er daran, die materialistische Dialektik, Marx' Erklärungsmodell gesellschaftlicher Entwicklung, auf die Natur zu übertragen. Ein Unterfangen, das seinem Nachruf drastischen Schaden zufügen sollte.

Genau hier setzt Tristram Hunt erneut zur Ehrenrettung an. Er interpretiert Engels späte Schriften als bar jeder Orthodoxie, als aufgeschlossen gegenüber dem Diskurs und offen für Veränderungen. Erst später, durch die Auslegung des russischen Sozialisten Plechanow, seien sie in das doktrinäre Korsett des dialektischen Materialismus gezwängt worden, den Lenin und Stalin in ihrem menschenverachtenden Totalitarismus instrumentalisierten:

"Bei dieser Aneignung verlor der Marxismus Engels´ bescheidene Vorsicht und Offenheit für Korrekturen und verwandelte sich in ein unumstößliches Dogma. ... Trotz des Zerrbildes, das sowohl Antikommunisten als auch Marx-Apologeten leicht bei der Hand haben, war Engels nicht der engstirnige, mechanistische Architekt des dialektischen Materialismus, als den ihn die sowjetische Propaganda im 20. Jahrhundert feierte."

Ob es Hunt damit gelingt, den Streit um Engels Interpretation oder Fehlinterpretation der Marxschen Lehren zu beenden, der über Jahrzehnte in Hörsälen und Wohnküchen von Studenten-WGs ausgetragen wurde? Wohl kaum. Aber er legt eine glänzende Lebensbeschreibung vor, die gleichzeitig eine Ideengeschichte des Sozialismus und ein schillerndes Panoramagemälde des 19. Jahrhunderts ist. Unbedingt lesenswert.

Tristram Hunt: "Friedrich Engels - Der Mann, der den Marxismus erfand".
Propyläen Verlag, 576 Seiten, 24,99 Euro. ISBN: 978-3-549-07378-0



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