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StartseiteCampus & KarriereFliegende Doktorhüte zu gefährlich23.05.2016

GroßbritannienFliegende Doktorhüte zu gefährlich

Es ist ein Klischee-Bild von britischen Uni-Abschlussfeiern: Wenn die Dekane die Abschlusszeugnisse verliehen haben, werfen die Absolventen in ihren schwarzen, weiten Roben für ein womöglich letztes gemeinsames Foto ihre Doktorhüte in die Luft. Doch an einigen Unis soll dies verboten werden - aus Sicherheitsgründen.

Von Sandra Pfister

Absolventen der HHL Leipzig Graduate School of Management werfen ihre Doktorhüte. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Fliegende Doktorhüte - hier geworfen von Absolventen der HHL Leipzig Graudate School of Management (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Wer in Großbritannien seinen Abschluss macht, hat meist ein paar straff mit Lernstoff vollgepackte akademische Jahre hinter sich und dafür Studiengebühren von umgerechnet mindestens 36.000 Euro berappt – 9.000 Pfund pro Jahr. Kein Wunder, dass die Zeremonie danach nicht feierlich und symbolgeladen genug daherkommen kann. Deshalb beschäftigt das Vorgehen der University of East Anglia im Osten Englands die britischen Medien seit Tagen. Soll da wirklich ein alter Brauch abgeschafft werden, weil sich einige Studierende nicht rechtzeitig ducken konnten?

"Unsere Erfahrung aus den letzten Jahren ist: In einer großen Gruppe, wenn 50 Hüte herumfliegen, hatten wir schon einige unangenehme Verletzungen. Für die Betroffenen war das kein schöner Tag."

Erinnert sich Professor Neil Ward, der Vizekanzler der Universität. Erst im vergangenen Jahr sei ein Absolvent von einem hochgeworfenen Hut im Gesicht getroffen worden.

"Am Schluss musste er in die Notaufnahme. Das ist wirklich schade, wenn ein Tag so verdorben wird."

Die Uni machte einen radikalen Schritt: Sie untersagte das Hüte-Werfen in großen Gruppen komplett. Auch die Anglia Ruskin University, die Dependancen in Cambridge, London, Chelmsford und Peterborough unterhält, sowie die University of Birmingham sehen das offenbar ähnlich.

Doch die Studierenden wollen sich das nicht gefallen lassen. Das geht gar nicht, sagen fast alle auf dem Campus. Sie wollen sich den Tag nicht verderben lassen.

- "Das ärgert mich schon ziemlich. Wahrscheinlich werde ich es einfach trotzdem machen."

- "Ich will einfach das Foto haben mit den fliegenden Hüten zur Erinnerung."

Auf Twitter diskutieren viele Studierende unter dem Hashtag #gradugate über das Verbot. Viele halten die Sicherheitsvorgaben für lächerlich. Die Universität ruderte nun zurück und schrieb in einem Statement, sie habe nicht den Hutwurf verbieten, sondern lediglich die Fotografen darum bitten wollen, nicht mehr explizit zu einem Hutwurf aufzufordern. Möglicherweise könnten sich die Studierenden auch in kleinen Gruppen über den Campus verteilen, um dort ihre Motarboards für das Foto in die Luft zu werfen? Das sei weniger gefährlich.

"Das ist schon ein wenig lächerlich. Diese Gesundheits- und Sicherheitsregeln sind schon verrückt."

Sorge um Verletzungsgefahr

Doch die Sorge um die Verletzungsgefahr beim Hutwurf reiht sich ein in eine gesellschaftliche Entwicklung in Großbritannien, nach der Kinder gar nicht sicher genug aufwachsen können. Bis zum Alter von zwölf Jahren dürfen Kinder nicht unbegleitet zur Schule gehen. Eltern, die beim Schulausflug helfen wollen, benötigen ein polizeiliches Führungszeugnis. Und Studierende, die in der Lage waren, ein akademisches Abschlusszeugnis zu erwerben, aber außerstande sind, einen viereckigen Hut zu fangen, müssen offenbar vor sich selbst geschützt werden.

Deutsche Universitäten hingegen scheinen zunehmend Geschmack an der Tradition zu finden, die aus dem Mittelalter stammt. Damals standen Hochschulen noch sehr stark unter kirchlichem Einfluss, die meisten Hochschullehrer waren Geistliche. Und somit wurde die schwarze Robe des Klerus auch die "Dienstkleidung" an den Hochschulen, die damals auch die noch sehr wenigen Studierenden trugen – als Alltagskleidung. Und das übrigens auch in Deutschland.

Doch während der sogenannte Doktorhut hier durch die 68er-Bewegung unter Druck geriet, könnten ihm in England jetzt Sicherheitserwägungen den Garaus machen.

Zwei Lösungen sind allerdings in Sicht: Das Unternehmen Graduation Attire Ltd in Bedford, eineinhalb Autostunden nördlich von London, erwägt, Hüte demnächst weicher zu machen. Martin Lewis:

"Es ist definitiv so, dass sich Leute dabei verletzen können, da gibt es Fälle aus der Vergangenheit. Insbesondere unter den Zuschauern oder Leuten, die vorbeigehen, Kinder im Buggy darunter. Deswegen sollte man damit aufhören. Die beste Lösung wäre aber, die Qualität des Huts zu verbessern. Also man nimmt vor allem die spitzen Ecken des Huts, schneidet sie ein wenig ab. Und wenn das nicht geht, man macht die Ecken weicher."

Und ein örtliches Fotostudio in Norwich bietet den Studierenden der University of East Anglia nun an, ihre fliegenden Hüte nachträglich in ihre Abschlussbilder hinein zu montieren – digital, mit Photoshop.

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