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StartseiteEuropa heuteChurchills Vision von Europa14.06.2016

Großbritannien und die EUChurchills Vision von Europa

Der britische Staatsmann Winston Churchill gilt als der Taufpate der europäischen Einigung. Im Wahlkampf vor der Abstimmung über den Brexit am 23. Juni wird er sowohl von Premierminister David Cameron, der für einen Verbleib in der EU ist, als auch von seinem Kontrahenten Boris Johnson in Beschlag genommen. Aber wie kann das sein?

Von Kirsten Hausen

Der britische Premierminister Winston Churchill 1939 in London. (PA_Wire/PA_Photos)
Winston Churchill auf einem Bild von 1939. (PA_Wire/PA_Photos)
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Bahnhof Zürich-Enge. Ein Stadtteilbahnhof. Bescheiden. Hier steigt Winston Churchill an einem Septembertag des Jahres 1946 aus. Ein freundlicher Brite auf Urlaub. Eigentlich ist er mit seiner Tochter in der Schweiz, um sich zu erholen. Nicht, um Reden zu schwingen. Doch es soll anders kommen.

"Ich möchte über die Tragödie Europas sprechen. (…) In weiten Gebieten starren ungeheure Massen zitternder menschlicher Wesen gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und Behausungen(…)"

Auf Einladung der Universität Zürich hält und spricht über Europa.

"Er hat die Rede am Vorabend geschrieben, hat sich ein paar Notizen gemacht. Aber das muss man können. Als britischer Politiker, wenn sie da nicht reden können, dann sind sie weg. Das ist bis heute so."

Dieter Ruloff, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Zürich, schmunzelt. Zufälle prägen die Geschichte. Und kleine Begebenheiten können enorme Wirkungen erzielen. So wie diese Rede. Winston Churchills Europa-Rede.

"Let Europe arise"

Churchills Idee eines Vereinten Europas

Seine Fahrt zur Universität wird zu einem Triumphzug. Von überall strömen die Menschen herbei, jubeln, johlen, feiern ihren Helden. Ja, Churchill ist ihr Held. Er hat Nazi-Deutschland bekämpft, als die USA noch nicht an einen Kriegseintritt dachten. "Blut, Schweiß und Tränen" hat er seinem eigenen Volk abgerungen, um andere Völker zu befreien. Um Europa zu befreien vom Joch der Nazis. Was für ein Staatsmann. Doch hier in Zürich, nur ein Jahr nach Kriegsende, entwirft er eine neue Vision. In einer Aula im ersten Stock, die etwa 100 Menschen fasst, spricht Winston Churchill erstmals über die Idee eines Vereinten Europas, mit Frankreich und Deutschland als Verbündete.

"Wir können es uns nicht leisten, den Hass und die Rachegelüste, welche den Kränkungen der Vergangenheit entspringen, in den kommenden Jahren mit uns herum zu schleppen. Wenn Europa vor endlosem Elend und schließlich vor seinem Untergang bewahrt werden soll, dann muss es in der europäischen Völkerfamilie diesen Akt des Vertrauens und diesen Akt des Vergessens gegenüber den Verbrechen und Wahnsinnstaten der Vergangenheit geben. (…) Der erste Schritt zum Wiederaufbau der europäischen Völkerfamilie muss eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland sein."

"Das ist zur damaligen Zeit sicherlich visionär gewesen. Weil es hat genug Leute bei den Alliierten gegeben, die der Meinung waren, man muss Deutschland klein halten."

Doch Churchill denkt an die Zukunft.

"Let Europe arise"

Er denkt dabei auch an sein Land. Denn ein befriedeter Kontinent, auf dem die Menschen in Wohlstand leben, ist auch für Großbritannien das Beste. Visionär und Realpolitiker, Winston Churchill ist beides. Nur eines will er nicht, Mitglied dieser künftigen "Vereinten Staaten von Europa" werden. Soweit ging es dann doch nicht.

Großbritannien als Partner und Förderer

"Das damalige GB, das damalige Empire muss man sagen, das hat sich nicht als Teil dieses Europas gesehen. Indien war noch nicht selbstständig, Indien und Pakistan, und die Idee das dieses GB Europa anschließen könnte, also dem, was er sich da so vorstellt, das ist niemandem in den Sinn gekommen."

Großbritannien als Partner und Förderer eines Vereinten Europas, aber nicht als Teil dieses Europa – so sah es Winston Churchill damals.

"Let Europe arise"

Knapp 70 Jahre später sonnen sich auf dem Campus der Universität Zürich die Studierenden. Die Europa-Rede kennen die meisten.

"Ich hab letzthin sogar daran gedacht, weil jetzt Europa so in Frage gestellt wird, und hab mal wieder gedacht was Churchill hier gesagt hat. Dieses "Let Europe arise", und das man das oft vergisst bei der ganzen Diskussion Euro ja oder nein, die ganzen wirtschaftlichen Zusammenhänge. Das es aber wirklich der Anfang war von so vielen Jahren Frieden in Europa, daran denkt man oft viel zu wenig."

"Schlussendlich war diese Zusammenarbeit zwischen den Franzosen und den Deutschen, was dann über viele Entwicklungsstufen hin zu dem heutigen Modell der EU geführt hat, doch etwas Positives. Auch wenn es heute mehr solche EU-Kritiker gibt als je zuvor."

Ein Blick zu Dieter Ruloff, der den Europäischen Einigungsprozess seit mehr als 40 Jahren beobachtet.

"Man braucht Visionen. Und man braucht Geduld."

Hinweis: Wir haben für Sie die Rede von aus dem Archiv gesucht und bieten Sie Ihnen zum Nachhören in der englischen Originalfassung an.

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