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StartseiteEuropa heuteEin Industrieland, in dem Menschen hungern02.06.2017

Großbritannien vor der WahlEin Industrieland, in dem Menschen hungern

In Arbourthorne, einem der ärmsten Viertel Großbritanniens, spüren die Menschen die Sparpolitik der konservativen Regierung besonders. Viele Familien sind auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Obwohl der Brexit ihre Situation noch verschlechtern könnte, unterstützen viele den Kurs der Premierministerin.

Von Erik Albrecht

Eine Mitarbeiterin im Lager der food bank in London (AFP PHOTO / WILL OLIVER)
Eine Mitarbeiterin im Lager der "foodbank" in London organisiert die Essensausgabe. (AFP PHOTO / WILL OLIVER)
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Nudeln mit Soße, Reis und Fleisch aus der Dose: Lebensmittel für drei warme Mahlzeiten packt Angela Marshall im Spires Centre ihren Klienten ein. Dazu gibt es derzeit Schoko-Ostereier, gespendet von einer großen Supermarktkette.

Früher hat die Gemeinde das Lebensmittellager als Jugendclub genutzt, erzählt Pfarrer Andrew Keel. Heute unterstützt sie von hier aus zehn Familien, die sonst hungrig zu Bett gehen müssten, trotz Sozialhilfe.

Kaum vorstellbar vor zehn, fünfzehn Jahren, sagt der Pfarrer. Aber jetzt schössen Hilfsangebote wie seines überall aus dem Boden - der Not folgend. 18 Lebensmitteltafeln arbeiten mittlerweile in Sheffield, einer Stadt mit einer halben Millionen Einwohnern.

Jeder vierte Tafel-Besucher wartet auf Sozialhilfe

Landesweit hat sich die Zahl derer, die nicht genug zum Essen haben, seit 2013 stark erhöht. Dabei ist die britische Wirtschaft in der gleichen Zeit im Schnitt um über zwei Prozent pro Jahr gewachsen. Damals reformierte die konservative Regierung unter David Cameron das Sozialhilfesystem.

Allein der Trussell Trust, der als größtes Netzwerk von Lebensmitteltafeln Großbritanniens etwa jede fünfte Tafel betreibt, betreute im vergangenen Jahr eine halbe Millionen Menschen. Nach Angaben des Netzwerks suchte jeder Vierte Hilfe, während er auf die Auszahlung der Sozialhilfe wartete. Fast genauso viele verdienten zu wenig, um davon zu leben. 

Eines der ärmsten Viertel Großbritanniens

Ein Supermarkt, ein Imbiss, ein Secondhand-Shop, darum ein ganzes Viertel identischer Doppelhaushälften. Arbourthorne, der Stadtteil von Sheffield, in dem das Spires Centre liegt, wurde in den 30er Jahren als Sozialsiedlung gebaut. Seitdem die Kohleminen und Stahlwerke der Region schließen mussten, ist Arbourthorne eines der ärmsten Viertel Großbritanniens.

Knapp die Hälfte der Kinder wächst hier in Armut auf. Ein Industrieland, in dem Menschen hungern. Andrew Keel glaubt, die Politik müsse sich stärker um soziale Fragen kümmern.

Die Sozial-Stiftung "Resolution Foundation" beobachtet derzeit die größte Zunahme an Ungleichheit seit den 80er Jahren. Als Teil der Sparmaßnahmen hat die konservative Regierung im vergangenen Jahr die Höhe staatlicher Sozialleistungen bis 2019 eingefroren. Bei derzeitiger Inflation bedeute das gerade für arme Familien reale Einbußen von etwa fünf Prozent, warnt das Institut für Finanzstudien. 

EU-Austritt könnte vor allem die arme Bevölkerung treffen

Nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich gehe weiter auf, sagt Lee Major vom Sutton Trust, einem Think Tank für Bildungsfragen. Gleichzeitig nehme die soziale Mobilität ab. An der Universität Sheffield zeigt er anhand einer Karte der Region, wie brisant die Entwicklung für die britische Gesellschaft ist. Es waren vor allem die Gebiete um Sheffield herum mit besonders geringen Aufstiegschancen, die mit großer Mehrheit für den Brexit gestimmt haben.

Das EU-Referendum: ein Weckruf. Major fürchtet, dass vor allem arme Stadtteile wie Arbourthorne die Folgen des EU-Austritts tragen müssen. Schon heute haben Kinder dort statistisch gesehen kaum eine Chance, sich aus der Armut zu befreien. Kämen nun wirtschaftliche Belastungen durch Großbritanniens Austritt aus dem Binnenmarkt hinzu, träfe es genau diese Bevölkerungsschicht.

Der Brexit dominiert auch den Wahlkampf. Gerade jenen, die in den Labour-Hochburgen Nordenglands für den EU-Austritt waren, fällt die Wahl diesmal schwer, beobachtet der Politologe Matthew Flinders von der Universität Sheffield. Die Vokabel "harter Brexit" haben Theresa May und ihre Konservative Partei für sich beansprucht. Für Labour ist es deshalb schwierig, mit dem Wahlkampfslogan von der "gerechteren Gesellschaft" zu ihren Stammwählern durchzudringen.

Sorge vor Sparpolitik

Der Brexit habe das britische Parteiensystem auf den Kopf gestellt, sagt Flinders. Für die Konservativen zu stimmen, sei fast unpolitisch geworden. Als ob es eine Bürgerpflicht wäre, um zu zeigen, dass man ein Land will, das stark gegenüber Europa ist.

Hackbraten mit Cheddar-Käse und Crème Fraîche - freitagmittags kocht das Spires Centre für jeden, der kommen will. Pfarrer Andrew Keel glaubt nicht daran, dass in Zukunft weniger Menschen auf die Hilfe seiner Gemeinde angewiesen sein werden. Im Gegenteil: Er macht sich Sorgen, dass die Sparpolitik weitergeht.

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