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Große Bögen

Karl-Heinz Kohl über sakrale Objekte

"Fetischisten - das sind immer nur die anderen, gleichgültig ob Katholiken, Protestanten oder Afrikaner", fasst der Ethnologe Karl Heinz Kohl ein weitverbreitetes Vorurteil über den ehrfürchtigen Umgang mit scheinbar belanglosen Gegenständen zusammen. Der hohe gesellschaftliche und persönliche Status eines Fetischs verschließt sich dem nicht Eingeweihten in einer fremden Kultur oder anderen Glaubenspraxis. Als heilig angesehen werden kann prinzipiell jeder Gegenstand. Das Verdikt über diese Objekte reicht von der Rede über die "trivialen Kleinigkeiten" bis hin zur herablassenden Feststellung, es handle sich nur um ganz "gemeine Sachen".

Andrea Gnam

Ikone im zypriotischen Kloster Kykkos (AP)
Ikone im zypriotischen Kloster Kykkos (AP)

Tatsächlich kann Steinen, Knochen oder Stofffetzen eine eigene Wirkmächtigkeit zugeschrieben werden - und in der Funktion des Talismans oder der Reliquie ist dieses Phänomen nicht nur im außereuropäischen Kulturkreis beheimatet. Die immer wieder geäußerte Verwunderung über die Wertlosigkeit, die ein solcher Gegenstand unter Aspekten des Gebrauchs und des Handels innehat, übersieht das enge semantische Beziehungsgeflecht in welchem ein Objekt stehen muss, um für seinen Besitzer eine besondere Heilsfunktion einnehmen zu können.

Der Begriff "Fetisch" stammt aus der Begegnung portugiesischer Seefahrer mit der westafrikanischen Kultur im 15. Jahrhundert. Interessanterweise übernehmen die Afrikanern dann das Wort "Feitiço", das "Zaubermittel" bedeutet, aus dem Portugiesischen, da es bisher in ihren eigenen Sprachen keinen Begriff für Gebrauch und Wirkung diese Gegenstände gegeben hat. Der Verdacht liegt daher nahe, dass die Praxis des Fetischmachens selbst aus dem interkulturellen Kontakt entstanden ist und hier eigene und fremde Glaubensvorstellungen miteinander verschmolzen werden. Die portugiesischen Reisenden erkennen, so Kohl, wie in einem Zerrspiegel in der fremden Kultur zentrale Bestandteile der eigenen Glaubensvorstellungen wieder, wie sie beispielsweise in den Auswüchsen der mittelalterlichen Reliquienkultur zu finden sind. Handelt es sich hier also um eine Projektion verfemter europäischer Praktiken auf Kulturen, die man selbst als "primitiv" abgelehnte? Kohls Ausführungen über den Umgang mit Reliquien im katholischen Europa sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich.

Eine Unmenge von Objekten sind für den mittelalterlichen Menschen Gegenstand religiöser Verehrung: dies können die Kleider sein, die ein Heiliger am Körper getragen hat, Dinge, die seinem Besitz entstammen oder von ihm berührt worden sind, bis hin zu seinen sterblichen Überresten, wie Knochen, Haaren und Zähnen. Damit es dazu kommen kann, ist allerdings ein "Beweisverfahren" notwendig, das dem Gegenstand seine Bedeutung verleiht: Bei der Auffindung und Überführung der Reliquie müssen wunderbare Vorgänge beobachtet worden sein: erst ihre Geschichte und die einer starren Rhetorik unterliegenden Legenden erheben ein Objekt in den Status des Sakralen. Im aufgeklärten 18. Jahrhundert werden deshalb Abhandlungen zum außereuropäischen Fetischismus, die Parallelen zu katholischen Glaubenspraktiken aufzeigen, zum wichtigen Hebel der Religionskritik. Auch später noch bleibt der Fetischbegriff ein eminent gesellschaftskritisches Instrument. In der Psychoanalyse ist er zur Beschreibung gegenstandsfixierter sexueller Praktiken bei Alfred Binet erstmals zu finden, in Karl Marx kapitalismuskritischer Definition des Warenfetischismus wird die Ware beschrieben als "ein sehr vertracktes Ding voll metaphysischer Spitzfindigkeiten und theologischer Mucken".

Sakrale Objekte sind indes dem Tauschhandel vorenthalten. Ihr hoher Wert besteht nicht zuletzt gerade darin, dass sie nicht verkäuflich sind. Dies führt allerdings dazu, dass sie ihren Besitzer gewaltsam wechseln, vorzugsweise durch Raub im Zuge kriegerischer Handlungen. Gerade die europäische Geschichte bietet hierfür eine Fülle von Beispielen: Seit der Antike werden Kultgegenstände und Tempel unterworfener Völker von den Eroberern requiriert, Napoleon tat dies im großen Stil. Einfache und hochartifizielle Gegenstände einer Kultur, Kultobjekte und Kunstobjekte finden früher oder später im Museum ihren gemeinsamen Ort und bleiben damit beide der Sphäre des Handels bis auf weiteres entzogen.

Karl-Heinz Kohls Arbeit schlägt große Bögen. Sie reichen von einer kenntnisreichen Beschreibung der Praktiken australischer Ureinwohner, die gesellschaftlichen Status und materielles Auskommen in einem komplizierten System symbolischer Zuweisungen konsequent dem Zufallsprinzip unterstellen bis hin zur Sakralisierung eines künstlerischen Objektes im Museum. Die These am Ende des Buches, das Museum sei der Ort, der heute sakrale Objekte schaffe, basiert hauptsächlich auf der Lektüre der gründlichen Abhandlung von James J. Sheehan zur "Geschichte der deutschen Kunstmuseen". Sehr präzise aber sind die ethnologischen Passagen und die klare, souveräne Form der Darstellung. Deutlich wird, dass der klassischen Werttheorie, die das kapitalistische Denken unserer Gesellschaft wie eine Naturkonstante geprägt hat, ältere, eindrucksvolle Modelle gegenüberstehen.

Karl-Heinz Kohl
Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte
C. H. Beck, 304 S., EUR 29.90

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