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Große Erwartungen

Jean Echenoz: "Am Piano"

Jean Echenoz ist ein Phänomen. Das hat vor vier Jahren auch das Literarische Quartett bemerkt. Keiner der vier Bücherweisen fand einen Sinn: Also watschten sie den Goncourt-Preisträger von 1999 unisono ab. Nicht einmal, wie sonst üblich, auch nur eine dramaturgische Unartigkeit von Hellmuth Karasek, um die Fernsehzuschauer bei der Stange zu halten. Nein, am Hofe Marcel Reich-Ranickis war man sich einig - die eingeladene Elke Heidenreich inklusive: Daumen runter. Als der Abspann lief, bestaunten die vier Jäger noch stolz den erlegten Pariser Hasen.

Von Christoph Vormweg

Jean Echenoz: "Am Piano", Coverausschnitt (Berlin Verlag)
Jean Echenoz: "Am Piano", Coverausschnitt (Berlin Verlag)

Eine Kleinigkeit übersahen sie jedoch: denn aus dem durchlöcherten Kadaver floß kein Blut. Ja, sie waren einem Schlitzohr auf den Leim gegangen. Und sie hätten es bei ihrer geballten Leseerfahrung eigentlich ahnen müssen. Denn Jean Echenoz ist seit mehr als 20 Jahren eines der Aushängeschilder der Pariser Éditions de Minuit. Dort hatte der kürzlich verstorbene Jérôme Lindon nicht nur Samuel Beckett entdeckt, sondern auch die sogenannten Nouveau Romanciers um Alain Robbe-Grillet und Michel Butor sowie den Literaturnobelpreisträger Claude Simon.

Also schauen wir doch einmal in die Trickkiste des Jean
Echenoz, um zu sehen, wie er die Vier vom Literaischen Quartett an der Nase herumführen konnte. Vielleicht liegt es an der systematischen Penetranz, mit der er in seinen Romanen Erwartungen im Leser aufbaut, die er nicht erfüllt. In seinem neuen Roman Am Piano ist das nicht anders. Zunächst scheint die Szenerie realistisch. Max Delmarc, ein 50jähriger Pariser Pianist, bekämpft sein Lampenfieber bevorzugt mit Alkohol. Deshalb lässt ihn sein Agent vor Konzerten von einem Aufpasser begleiten.

Als ich über dieses Thema - die Frage des Interpreten - arbeiten wollte, habe ich mich - wie so oft, wenn ich einen Roman vorbereite - an einen bekannten französischen Pianisten gewandt. Ich wollte ihn aber nicht so sehr über künstlerische Aspekte befragen, sondern über seinen Alltag.

Und bereits das Alltägliche ist bei Jean Echenoz nicht ganz alltäglich. Zum einen erfahren wir nach 13 Zeilen, dass Max Delmarc in 22 Tagen eines gewaltsamen Todes sterben wird. Zum anderen baut der allwissende Erzähler, wie schon erwähnt, Erwartungen auf: zum Beispiel die, dass gefeierte Konzertpianisten ein wildes Liebesleben führen. Auf Seite 51 dann die Ernüchterung: In Delmarcs Dasein haben bisher nur 3 Frauen eine Rolle gespielt: seine Schwester, die im selben Haus wie er lebt; seine Jugendliebe Rose, mit der er aber nie zusammenkam; und eine Frau mit Hund, der er zuweilen durch die Straßen von Paris folgt. Hinter dem Klischee "gefeierter Konzertpianist" lauert nur der alltägliche Dienst am Publikum. Und es kommt noch dicker: Denn nachdem Delmarc von einem Straßendieb erstochen worden ist, begleitet ihn Jean Echenoz ins Fegefeuer:

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Idee gekommen bin. Vielleicht, weil ich an bestimmte Themen des amerikanischen Kinos gedacht habe. Da gibt es, glaube ich, einen Film von Capra über das Leben nach dem Tod, über das Thema der zweiten Chance. Literarisch war das nicht einfach zu bewältigen, weil es von dem, was ich bis dahin gemacht hatte, weit weg war. Das fiel in die Kategorie des Phantastischen. Die Herausforderung für mich war, das so zu behandeln, dass es anti-phantastisch wirkte, also so prosaisch, so banal oder - wie die Engländer sagen - so "matter-of-fact" wie möglich. Ich wollte diese irreale Situation so konkret und alltäglich wie möglich beschreiben. Dieses Paradox hat mich interessiert.

Autor 3: Mehr vom Plot des Romans Am Piano zu verraten, wäre gemein. Nur so viel: die subtile Verhohnepipelung von Fegefeuer, Himmel und Hölle ist, wie immer, höchst amüsant. Und doch weht ein Hauch von Abschied über dem Roman. Das Spiel mit den Genre-Mustern des Abenteuer- und Kriminalromans, das Jean Echenoz bis zur Perfektion getrieben hat, tritt in den Hintergrund. Auch die Seitenhiebe auf gesellschaftliche Absurditäten sind rarer als in seinen Romanen Die großen Blondinen und Ich gehe jetzt. Und in der Tat: Jean Echenoz sucht nach neuen Wegen. Er sieht sich am Schluß eines Zyklus angekommen. Das dürfte den
Echenoz-Liebhabern schon jetzt die Schweißperlen des Entzugs auf die Stirn treiben. Doch in einem entscheidenen Punkt wird sich der 1947 geborene Romancier treu bleiben:

Das ist zunächst einmal mein Vergnügen. Ich denke, glaube ich, nie wirklich an die Leser an sich. Wenn ich an einen Leser denke, dann an mich selbst. Ich schreibe meine Geschichten, um mich selbst in Versuchung zu führen. Ich vertraue da ganz auf mein Unterbewußtsein. Im Grunde schreibe ich, was ich selbst lesen möchte, also eher über ernste Dinge. Meine Bücher erzählen deshalb meist düstere Geschichten, ohne jedoch ins Pathos abzudriften, ins Psychologisieren. Auch wenn es tragisch zugeht, behalte ich mir immer die Möglichkeit offen, mit dem Tragischen zu spielen.

Ein begnadet ironischer Spieler, da bin ich sicher, wird Jean
Echenoz weiterhin bleiben. Er wird unsere Wahrnehmungsgewohnheiten auch weiter in die Irre führen, das Reale nach seinen absurden Ingredenzien abklopfen. So scheinbar schwerelos seine Prosa auch dahin gleitet: sie steckt voller Widerhaken, die unseren Blick auf die Wirklichkeit verunsichern. Ein Filigranarbeiter eben, und ein höchst bescheidener dazu. Auftrumpfen ist seine Sache nicht. Während des Interviews hielt sich Jean Echenoz, wie beim letzten Mal auch, buchstäblich an seiner Zigarette fest.

Jean Echenoz
Am Piano
Berlin Verlag, 196 S., EUR 18,-

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