• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteCorsoBühnenfassung "war eine große Gratwanderung"06.02.2017

"Große Liebe" von KermaniBühnenfassung "war eine große Gratwanderung"

Bei der Umsetzung von Navid Kermanis Roman "Große Liebe" habe es einen doppelten Anspruch gegeben, sagte der Intendant und Autor der Bühnenfassung Magnus Reitschuster im DLF. Dieser Anspruch habe darin gelegen, der ästhetischen Qualität der Vorlage gerecht zu werden und zugleich das Stück auf der Bühne nachvollziehbar darzustellen.

Magnus Reitschuster im Gespräch mit Fabian Elsäßer

Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani, steht nach der Verleihung des Kleist-Preises am 18.11.2012 in Berlin im Berliner Ensemble. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Der Schriftsteller Navid Kermani (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Mehr zum Thema

Navid Kermani "Dieses Verständnis für Putin entfremdet mich von meinem eigenen linken Milieu"

Navid Kermani: "Sozusagen Paris" Biotop einer links-ökologischen Mittelstandsfamilie

Navid Kermani: "Sozusagen Paris" "Man wird in der Liebe nicht klüger"

Navid Kermani: "Sozusagen Paris" Der Roman kann eine Eheberatung ersetzen

Fabian Elsäßer: Ein 15-jähriger Gymnasiast erlebt die erste Liebe, Anfang der 80er-Jahre in einer kleinen Großstadt in Nordrhein-Westfalen, nämlich Siegen. Die Schulhofschönheit nimmt ihn mit in ein besetztes Haus, zeigt ihm die Welt von Sex, Alkohol und Drogen und lässt ihn ziemlich rasch wieder fallen. Jahrzehnte später denkt der inzwischen Erwachsene, der eine ziemlich gescheiterte Beziehungskarriere hinter sich hat, an diese erste Liebe zurück. Das ist die sehr, sehr kurze Kurzfassung des Romans "Große Liebe", den der Autor und Orientalist Navid Kermani im Jahr 2014 veröffentlicht hat. Es ist ein autobiografisch geprägtes Buch, das am Wochenende in Kermanis Geburtsstadt Siegen erstmals in einer Bühnenfassung gezeigt wurde. Geschrieben hat sie der Intendant des Apollo-Theaters Magnus Reitschuster, und er ist uns jetzt aus Siegen zugeschaltet. Willkommen bei "Corso"!

Magnus Reitschuster: Hallo, guten Tag!

Elsäßer: Herr Reitschuster, der Deutsch-Iraner Navid Kermani gilt als einer der großen Intellektuellen dieses Landes. Und sein Roman "Große Liebe" wurde ja damals regelrecht gefeiert. Unter anderem beschreibe das Buch – so schrieb "Die Welt" –, dass körperliche Liebe eine Brücke zu Gott sein kann, und dass Kermani damit eine Facette des Islam zeigt, die man leicht vergessen kann angesichts von Terroranschlägen oder den Mördertruppen des IS. Haben Sie das auch so aus dem Roman herausgelesen?

Reitschuster: Ja, natürlich. Also, dieser Zusammenhang zwischen sinnlicher Liebe und spiritueller Liebe und Gottesliebe ist ein ganz spezifischer und spannender bei Kermani. Für uns war allerdings die Frage, wie wir diese arabisch-persischen Weisheiten und diese Literatur in unsere Dramatisierung integrieren. Wir hatten ja diese Aussagen den Kapiteln vorangestellt, wir haben diese Texte dem Jungen gegeben, von dem Kermani ja schreibt, er lebt im Land seiner Lieblingslektüren. Und er hat also die persische Literatur benutzt, um an seine Geliebte heranzukommen und um ihr zu zeigen, was für ein großartiger Denker er schon ist.

"Die Geschichte auch der Alternativbewegung, der Friedensbewegung in den 80er-Jahren"

Elsäßer: Das heißt, der Tabubruch "Junger Moslem entdeckt Sex, Drogen, Alkohol" ist überhaupt nicht relevant, nicht fürs Buch und nicht für die Bühne?

Reitschuster: Nein, dieser Tabubruch … Es ist ein Jugendlicher, der in dieser Stadt aufgewachsen ist, der 1983 15 Jahre alt war. Das ist Kermani ja auch nicht so wichtig, er versteht sich ja als Deutscher und will nicht so sehr in seiner Rolle als Fremder und Migrationshintergründler wahrgenommen werden. Insofern gab es jetzt keinen Anlass, also, da einen Schauspieler mit Migrationshintergrund zu suchen, sondern einfach die Geschichte dieser Liebe zu erzählen in einer sehr protestantischen Stadt, und die Geschichte auch der Alternativbewegung, der Friedensbewegung in den 80er-Jahren, so wie sie vor dem Hintergrund dieser Stadt stattgefunden hat.

Elsäßer: Sie sagten gerade: in einer protestantisch geprägten Stadt. Das Siegerland und seine Bewohner gelten ja – Achtung: Klischeefalle! – zumindest mal so aus Richtung Rheinland gesehen eher so als, ja, protestantisch, freikirchlich, etwas zurückhaltender, beschaulich, vielleicht etwas in sich gekehrter. Ja, wie stellt man in diesem Umfeld dann Sexualität auf der Bühne dar?

Reitschuster: Ja, so wie Kermani das beschrieben hat. Ich glaube, wir haben da eine tolle Lösung gefunden, der Autor liest den Text über die Sexualität, wir haben eine Jutta als Musikerin, die Musik macht dazu, und dieser großartige Schauspieler Nico Holonics, den wir vom Schauspiel Frankfurt gewinnen konnten, der tanzt sozusagen diesen Höhepunkt des Romans, der ein realer Höhepunkt im Leben dieses Jungen war und auch ein Höhepunkt dieser Aufführung ist. Was natürlich für mich wichtig ist, diesen Autor Kermani in dieser Stadt zu verankern. Diese Stadt hat ja vor allem Musiker hervorgebracht, Fritz und Adolf Busch, Rubens wurde hier geboren, aber noch nie …

Elsäßer: Wenngleich er nur zwei Jahre da war.

Reitschuster: Ja, ja, acht Monate. Aber noch nie einen Mann des Wortes. Und da bedurfte es schon der Einwanderung aus der persischen Kultur, dass hier ein aus Siegen stammender Junge dann zu einem bedeutenden europäischen Intellektuellen und Dichter wird. Und das möchte ich gerne den Menschen in dieser Region mit dieser Aufführung auch vermitteln.

Elsäßer: Nehmen sie es an?

Reitschuster: Ja, wir haben im Februar nur ausverkaufte Vorstellungen. Wir haben zehn Vorstellungen angesetzt, das läuft sehr gut. Das war ja die große Schwierigkeit bei der Umsetzung dieses Romans, also den doppelten Anspruch, den wir hatten, der ästhetischen Qualität dieses Romans gerecht zu werden und zugleich das so zu machen, dass es für alle Menschen, die ins Theater kommen, auch nachvollziehbar ist. Das war eine große Gratwanderung.

Ironische Distanz zur Jugendzeit

Elsäßer: Die "Neue Zürcher Zeitung" hat damals, als der Roman veröffentlicht worden ist, darüber geschrieben, das sei nicht nur ein Roman über eine pubertäre Schulhofleidenschaft, das sei auch eine Soziologie der Liebe in Zeiten der großen Gefühlsduselei. Zitat: "Das Milieu der frühen 1980er gleicht hier einem veritablen Gruselkabinett." Sie sind zehn bis 15 Jahre älter als Navid Kermani, haben also diese Zeit der Friedensbewegung ebenfalls mitbekommen, schon als junger Erwachsener. Haben Sie es denn auch so empfunden, als ein Gruselkabinett?

Reitschuster: Nein, natürlich, wenn das zur eigenen Jugend gehört, ist das nicht ein Gruselkabinett, sondern man tendiert dazu, eher das zu verklären. Also, es war für mich persönlich eine schöne Zeit, aber ich konnte sie nicht richtig fassen. Und in Kermanis Roman – und ich glaube ja auch, in unserer Aufführung – wird diesem Gefühl Ausdruck verliehen. Natürlich aus der Distanz. Kermani denunziert die Zeit ja nicht, sondern er macht das, was Hegel mit "aufheben" benennt: Er bewahrt es, indem er damit bricht. Also, indem man ironische Distanz einbaut, aber nicht jetzt sagt: Wie waren wir alle blöd, sondern sagt: Ach, es war eine große Zeit, auch wenn wir nicht recht hatten.

Elsäßer: Magnus Reitschuster, Intendant des Apollo-Theaters Siegen, hat Navid Kermanis Roman "Große Liebe" als Theaterstück inszeniert. Die nächsten Aufführungen sind am 12. und 13. Februar, bereits ausverkauft, sowie am 3. und 11. März. Herr Reitschuster, vielen Dank fürs Gespräch!

Reitschuster: Ich bedanke mich ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk