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Die Royal Academy in London zeigt die Landschaftsbilder von David Hockney

Von Hans Pietsch

Der britische Maler David Hockney
Der britische Maler David Hockney (AP Archiv)

Ein baumbestandener Feldweg, ein Wäldchen, gefälltes Holz im Winter und blühender Weissdorn am Straßenrand. Diesen vier Motiven widmet die Royal Academy einen eigenen Raum im Rahmen der Ausstellung über David Hockney Landschaftsbilder.

Vier Gemälde in einem fast runden Raum dienen als Einstimmung. Drei gewaltige Bäume, vom selben Standort aus gemalt, in den vier Jahreszeiten - Blätter wachsen und fallen ab, Getreide reift, braune Ackerfurchen, grüne Hügel bleichen ins Bläuliche aus. David Hockneys Thema dieser Schau: die genaue Beobachtung der Landschaft seiner Heimat Yorkshire, in die er vor ein paar Jahren aus dem sonnigen Kalifornien zurückkehrte.

Wie der verehrte Claude Monet geht er hinaus in die Landschaft und malt en plein air. Eine Staffelei, ein kleiner Falttisch, auf ihm vier flache Schalen, auf denen er seine Farben mischt, und ein Topf voller Pinsel, dazu natürlich seine Farbtuben - das ist alles, was er braucht. Ein Foto im Katalog zeigt ihn hemdsärmelig auf einer kleinen Anhöhe über goldenen Kornfeldern und grünen Hecken, links von ihm drei Leinwände, an denen er gleichzeitig arbeitet, und die, aneinandergereiht, einen Ausschnitt der vor ihm liegenden Landschaft darstellen.

Landschaft begleitet Hockney als Motiv von Anfang an. Als 18-Jähriger malt er, noch ganz dem englischen Realismus verhaftet, seine unmittelbare Umgebung, bald findet er zu sich selbst, freche Landschaften zwischen Figuration und Abstraktion entstehen, der Blick aus seinem Atelier in Los Angeles so grün, dass es die Augen schmerzt, der Grand Canyon, aus 60 Leinwänden zusammengesetzt, singt in Rottönen. Doch erst, als er das Aquarell für sich wiederentdeckt, dessen Spontaneität vor Ort er auf die Ölmalerei zu übertragen versteht, wird die Landschaft zum dominierenden Thema. Die Wiederentdeckung Yorkshires tut das Übrige. Das Ziel: auszutesten, was der Maler zeigen kann, was der Fotografie nicht gelingt. Dem stellt er sich mit Elan und seinem malerischen Können.

Vier Räume der Schau sind je einem Motiv gewidmet: ein baumbestandener Feldweg, ein Wäldchen, gefälltes Holz im Winter und, der Höhepunkt der Schau, blühender Weissdorn am Straßenrand. Kaskaden von weißen Dolden, ihre Intensität fast übernatürlich.

Hockneys Interesse an neuen Technologien ist bekannt. Jede Entdeckung löste eine Periode kreativer Energie aus. Mit der Polaroidkamera gemachte Fotos setzte er in den 80-er-Jahren zu witzigen Collagen zusammen, etwa "Pearblossom Highway”, voller Straßenschilder und weggeworfener Bierflaschen. Er machte Fotokopien, malte mit den ersten Computerprogrammen wie Paintbox, heute sind es iPad und iPhone. Mit ihnen zeichnet er vor Ort und druckt die Zeichnungen aus. Im größten Raum, der ebenfalls einem Motiv gewidmet ist - "Die Ankunft des Frühlings in Woldgate, East Yorkshire” - füllen 51 von ihnen dicht an dicht drei der Wände. Sie entstanden im letzten Jahr und feiern das Erwachen der Natur.

Die vierte Wand nimmt ein aus 32 Leinwänden bestehendes Ölgemälde ein, neun mal vier Meter groß. Ein Wald mit hoch aufragenden Baumstämmen, die ersten Blätter, der Waldboden schon ein Meer von Frühlingsblumen, dazwischen grünes Farnkraut. Es ist bezeichnend für die Schau, dass die Darstellung des scheinbar winzigen Motivs von Waldgate in Yorkshire einen sehr viel größeren Raum erhält als die des grandiosen Grand Canyon von 1988.

Die Ausstellung endet, wie sie begann: in einem kleinen, fast runden Raum. Hier hängen fünf großformatige iPad-Grafiken, die im Oktober letzten Jahres im Yosemite Park in Kalifornien entstanden. Steil aufragende Felswände und Bäume, Nebelschwaden. Wie die Waldgate-Grafiken können sie ihren digitalen Ursprung nicht verleugnen - sie sind flach, ohne Oberfläche, als könnte man sie mit einem Lappen abwischen. Sie wirken fast wie tot. Bescheiden bezeichnet Hockney die Landschaft als "kleines Motiv” - hier ist sie es wirklich.

David Hockney: A Bigger Picture. Royal Academy, London, bis 9. April 2012.



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