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StartseiteBüchermarktGroßes menschliches Theater30.01.2013

Großes menschliches Theater

Nora Bossong: "Gesellschaft mit beschränkter Haftung". Hanser Verlag

Insbesondere die Form des Familienunternehmens habe sie interessiert, meint die Autorin Nora Bossong zu ihrem neuen Roman "Gesellschaft mit beschränkter Haftung". Der Roman erzählt von Intrigen, Komplotten und Verwicklungen und verstrahlt dabei bewusst die Klaustrophobie eines Kammerspiels.

Von Claudia Kramatschek

"Gesellschaft mit beschränkter Haftung" ist der dritte Roman der 1982 in Bremen geborenen Lyrikerin und Prosaautorin Nora Bossong.  (K. Pauls)
"Gesellschaft mit beschränkter Haftung" ist der dritte Roman der 1982 in Bremen geborenen Lyrikerin und Prosaautorin Nora Bossong. (K. Pauls)
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Essen lag 6000 Kilometer entfernt, gefühlt neun Stunden, zwei Lufthansa-Menüs, drei Tageszeitungen. Luise Tietjen befand sich durch ein Weltmeer von der Firma Tietjen und Söhne getrennt und wurde dennoch in das Unternehmen hineingeschleudert, dorthin, wo sie hingehörte, wo sie zuletzt hatte hingehören wollen.

Januar 2012: Luise Tietjen, 27 Jahre alt und die Haupterbin der Firma Tietjen und Söhne, ist soeben in New York gelandet. Wieder einmal hat ihr Vater sie herbei geordert, wieder ist sie gekommen, obwohl Kurt Tietjen sechs Monate kein Lebenszeichen von sich gab, die Familie und die Firma im heimischen Essen im Ungewissen ließ darüber, wie und ob es weitergehen würde.

Doch als Luise die Wohnung ihres Vaters in Brooklyn erreicht, wird sie von Polizisten in Empfang genommen: Ihr Vater, so erfährt Luise, sei wenige Stunden zuvor verstorben. Am Anfang von Nora Bossongs neuem Roman steht somit ein unwiderrufliches Ende. Am Ende des Romans aber wird auch Luise Tietjen alles verspielt haben: das Vermögen der Familie, die Firma, ihr eigenes Leben, eine Möglichkeit von Glück. Man darf das verraten. Denn in Bossongs fiktiver und bewusst aus der Retrospektive geschilderten Bilanz eines unternehmerischen Niedergangs geht es nicht um Zahlen, sondern – so Bossong – um Menschen, die vom Gewicht der Zahlen menschlich und moralisch zermahlen werden.

"Zum einen hat mich Wirtschaft tatsächlich interessiert und da eben insbesondere die Form des Familienunternehmens, weil eine Tradition da relativ stringent weiter gegeben wird. Das heißt, man kann die Veränderungen von Wirtschaft und von der Bundesrepublik, das ist ja relativ eng miteinander verwoben, sehr schön nach verfolgen.

Und zum Dritten geht es ja auch ganz stark darum, was so ein Erbe eine Rolle spielt für jemanden, also ein Erbe, was nicht einfach nur ein Einfamilienhaus ist oder die 100.000 Euro, die man dann von einem Erbonkel bekommt, sondern ein Erbe, was tatsächlich mit Verantwortung zu tun hat und was gleichzeitig auch eine extrem große Pflicht ist und auf die Figuren in meinem Roman zumindest einen relativ dunklen Schatten wirft, schon bevor sie überhaupt in den 'Genuss" des Erbes kommen."

Eine Art dunkler Schatten lastet von Anfang an auch auf dem Unternehmen Tietjen und Söhne, das Luises Urgroßvater am Anfang des 20. Jahrhunderts aus einem kleinen Betrieb in Essen heraus aufbaut. Aus rauen Leinentüchern werden flauschige Frotteehandtücher – aus Justus Tietjen, dem Patriarchen und Firmengründer, wird ein gewiefter Unternehmer, der bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges die pfiffige Idee hat, Frotteehandtücher als Rüstungsgut zu vermarkten: Ein Exklusivvertrag mit dem kaiserlichen Heer – jeder Offizier an der Front wird mit einem Tietjenhandtuch ausgestattet – sichert das Weiterbestehen der Firma.

Kurt Senior, der Großvater, wird zwielichtige Geschäfte mit den Nazis machen. Kurt junior, Luises Vater, wird Ende der 80er-Jahre seinen Vater wegen illegaler Geschäfte vor Gericht bringen. 20 Jahre später – die Firma lässt zwar inzwischen in China produzieren, hat die Globalisierung aber dennoch verschlafen – steht Kurt selbst am Pranger der Medien, wegen Dumpinglöhnen und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen wider besseres Wissen. Doch weder die beständigen Übertretungen dessen, was rechtschaffen ist, noch die Expansion in das Reich der Mitte, haben der Firma geholfen, wie Luise Tietjen in New York erkennen muss:

Jahresumsatz 38 Millionen Euro, Umsatzentwicklung minus 2,7 Prozent, 14 Millionen verkaufte Frotteeprodukte im letzten Geschäftsjahr. Es war die Wucht von 8,9 Millionen Eigenkapital, die Luise an diesem Tag, mitten im verschneiten Brooklyn, traf. 226 Mitarbeiter, Verlustvorträge nach wie vor über dem Stammkapital, Tendenz rückläufig.

Und noch etwas muss Luise erkennen: Es ist genau diese Wahrheit, vor der ihr Vater geflüchtet ist. Denn der war 2009 zu einer Geschäftsreise nach New York geflogen – und kam nicht mehr zurück. Während die Firma vor die Hunde geht, schlüpft er in New York in ein neues Leben, das so durchschnittlich ist wie die Frau, in die er sich verliebt.

Seit ihr Vater sich nach New York zurückgezogen hatte, wirkte er ärmlich, wie jene Arbeiter, die zur Mittagszeit an den Resopaltischen neben den Supermarktkassen sitzen und verkochtes Gemüse aus Aluminiumschalen essen. Seine Kleidung war farblos und ohne Stil. Er trug einen Dreitagebart, der an ihm ungepflegt wirkte. Er sah aus wie ein Arbeitsloser, der sich um die Nachmittage drückte.

Kurt Tietjen aber verspürt in New York gerade deshalb eine ungeahnte Freiheit – und das Moment einer späten Rache an seinem eigenen Vater, der ihm nur ein Gefühl gab: nicht gut genug zu sein für die Firma, die er diesem Sohn überträgt.

"Ich wollte es zuspitzen auf einen Konflikt in der Jetztzeit, wo die ganze Historie des Unternehmens mit hineinspielt, aber dann doch auf eine überschaubare Gruppe von Menschen und eben einen klassischen Antagonismus. Kurt Tietjen ist ja eine Figur, die extreme Angst vor Verantwortung hat und sich der eigentlich auch nicht gewachsen fühlt, gleichzeitig aber auch nicht die Konsequenz zieht und sagt, er macht das nicht – der sozusagen in so einem Korsett aus Sitten und Gepflogenheiten festsitzt und es auch nicht schafft, dieses zu lösen und dem zu entkommen.

Und in dem Moment, in dem er entkommt, ist es eigentlich viel zu spät und er macht eigentlich alles nur viel katastrophaler als es hätte sein müssen. Wogegen Luise Tietjen diejenige ist, die Verantwortung annimmt, die aber dann immer falsch an diesen Fäden zieht, also es auch nicht so richtig glückt. Im Prinzip ist sie die verantwortungsvollere Figur, aber damit auch wiederum in dem Sinne die unsympathischere, weil sie sehr viel von ihrem eigenen Leben wegschneidet, wie so ein kleines Maschinchen vor sich hin rattert und dadurch natürlich auch sehr viel an Menschlichkeit einbüßt."

Tatsächlich liefert Bossong von ihren zwei Hauptfiguren so kühle wie genaue Psychogramme: Wie sie beide leiden unter dem Druck, der auf ihnen lastet; wie der Vater die Tochter vor eben diesem Druck retten will, und ihr genau dadurch schadet; wie sie einander umzingeln, sich gegenseitig misstrauisch beäugend; langsam einander fremd, zu Gegnern werdend. Denn auch Luises Entschluss, die Leitung der Firma zu übernehmen und diese zu retten, ist ein Akt der Rache an einem Vater, der in ihren Augen immer nur abwesend war, nie etwas für sie empfand:

Sie würde nicht länger warten, sie fühlte sich gut, mehr noch, sie fühlte sich vollständig. Ihr Vater hatte schon einmal ihr Leben kaputtgemacht. Dafür würde sie sich rächen. Sie baute seine Firma wieder auf!

Im Unterfutter beider Figuren schimmert wiederum beständig durch, wie sie als Vertreter unterschiedlicher Generationen auch über sich selbst hinausweisen.

"Auf jeden Fall geht es auch darum, dass es zwei unterschiedliche Arten sind, auf ein Unternehmen zu blicken und auch den Unternehmer innerhalb eines Unternehmens zu verstehen. Und da ist Kurt der sehr viel 'Menschelndere'. Er entlässt seine Mitarbeiter nicht, obwohl er müsste. Auf der einen Seite ist es Gutherzigkeit, auf der anderen Seite eine Feigheit. Luise Tietjen greift da einfach viel rabiater durch.

Das ist zum einen natürlich eine Mentalitätsfrage, zum anderen aber auch eine Frage der Zeit. Vielleicht war es eben in der Zeit, in der Kurt Tietjen das Unternehmen übernahm, noch möglich, schwierige Situationen erst mal zu überbrücken und zu umschiffen und zu hoffen, dass es dann doch noch gut geht. Und in der Zeit, in der Luise dieses Unternehmen übernimmt – das ist ja auch gerade die beginnende Wirtschaftskrise – ist es einfach eine ganz andere Lage auf dem Markt. Und da ist so ein ausweichendes Verhalten, wie es Kurt Tietjen an den Tag legt, einfach nicht mehr möglich."

Während der Roman also einerseits gekonnt zwischen den Zeiten hin und her wechselt, verwebt Bossong zugleich hellsichtige Bezüge zur nüchternen Gegenwart, die im Mittelpunkt des Geschehens steht – Schlecker hatte übrigens gerade Insolvenz angekündigt, als Bossong ihr Romanmanuskript im Verlag abgab.

Nichtsdestotrotz bietet der Roman vor allem eins: großes menschliches Theater – und das auf engstem Raum. Es gibt Intrigen, Komplotte, Verwicklungen – und folglich mehr als nur eine Wahrheit. Bossong liefert daher quasi zwei Versionen ein und derselben Geschichte, indem sie abwechselnd aus der Sicht von Vater und Tochter erzählt, die Widersprüche beider Versionen aber bis zum Schluss nicht auflösen wird.

Zugleich verstrahlt der Roman bewusst die Klaustrophobie eines Kammerspiels: Den Figuren ist fast kein Bewegungsspielraum erlaubt; die Handlung selbst wirkt wie statisch, scheint manchmal wie auf der Stelle zu kreisen. Figurenerleben und Leseerleben fallen durch diesen Kunsttrick in eins.

Man spürt förmlich dieselbe Beklemmung, die auch den Figuren zu eigen ist, die unausweichlich eingesperrt sind in das, was ihr negatives Schicksal ist: Rädchen in einem System zu sein, das einen erst formt, dann deformiert. Es ist dieser Prozess, dem Nora Bossong ihr ganzes Augenmerk schenkt – und den sie, wie schon in "Webers Protokoll", mit kristalliner Klarheit und fernab jeglicher moralischer Wertungen in einer so dichten wie luziden Sprache einfängt:

"Es sind im Prinzip komplexere Zusammenhänge oder komplexere Erklärungsmuster nötig, als einfach die Kategorien 'moralisch richtig', 'moralisch falsch', 'moralisch unrechtmäßig' oder so. Sondern – wenn man es jetzt ökonomisch sagen würde – das Ausbalancieren von Vor- und Nachteilen, wo sehr viele Argumente auf der Für- und auf der Gegenseite stehen und sich zu großen Teilen widersprechen und wo es einfach wirklich schwierig ist zu sagen: War das jetzt gut oder war es nicht gut?"

Nora Bossong: "Gesellschaft mit beschränkter Haftung." Roman.
Hanser Verlag, München 2012, 300 Seiten, 19,90 Euro.

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