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Groteske Hilflosigkeit

Bernd Greiner: "9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen". C.H. Beck, 280 Seiten, 19,95 Euro.

Von Mirko Smiljanic

Mit einer Pappfigur, die den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush darstellt, feiern Menschen vor dem Weißen Haus in Washington den Tod von Osama Bin Laden.
Mit einer Pappfigur, die den ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush darstellt, feiern Menschen vor dem Weißen Haus in Washington den Tod von Osama Bin Laden. (picture alliance / dpa)

Was geschah wirklich am 11. September 2001? Seit zehn Jahren recherchieren staatliche Ermittler und Historiker, endlos ist die Zahl der Verschwörungstheorien. Gestützt auf neues Archivmaterial schildert der Historiker und Politikwissenschaftler Bernd Greiner die Ereignisse und untersucht ihre Auswirkungen.

9/11 - was für eine Chiffre! Eingängig, als sei sie Mittelpunkt einer Werbekampagne; unlösbar verbunden mit der "Marke" des Terrors; global so bekannt, dass viele wissen, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als sich zwei Passagiermaschinen - die erste um 8:46 Uhr, die zweite um 9:03 Uhr - in die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Centers bohrten und eine politische Zeitenwende einläuteten.

Bernd Greiner, Leiter des Arbeitsbereichs "Theorie und Geschichte der Gewalt" am Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor am Fachbereich Philosophie und Geschichtswissenschaften der Universität Hamburg, beginnt sein Buch denn auch, wie 9/11 begonnen hat: schnörkellos, brutal.

Ein Passagierflugzeug, das sich am 11. September 2001 auf halber Höhe in einen Wolkenkratzer fräst; zerklumpte Metallteile auf den Straßen, Überreste eines Triebwerks, daneben zerfetzte Körper mit breiten Gurten um die Hüften; der benachbarte Büroturm, auch er wenige Minuten später in Flammen und Rauch, getroffen von einem zweiten Düsenjet; im oberen Drittel der Hochhäuser Eingeschlossene, den Tod durch Ersticken oder Verbrennen vor Augen, mit Stofffetzen um Hilfe winkend die einen, in ihrer Verzweiflung zum Sprung aus hunderten von Metern Höhe bereit, die anderen.

Detailliert wie ein Reporter beschreibt Greiner den Ablauf des 11. Septembers 2001. Den Funkverkehr zwischen Piloten und Tower; die Gespräche der Stewardessen mit ihren Airlines; das Weinen und Flehen, letzte Gespräche vor dem Tod. Und er beschreibt die groteske Hilflosigkeit der amerikanischen Luftsicherheit.

Gerade mal sieben Stützpunkte und 14 Abfangjäger waren in den gesamten USA in Alarmbereitschaft. "Meint Ihr das ernst, oder ist es eine Übung?", fragte der Diensthabende beim North-East Air Defense Sector ungläubig, als um 8:37 Uhr die Nationale Luftfahrtbehörde in der Kommandozentrale anrief und die Entführung von American Airlines 11 meldete.

Nebenbei entlarvt Bernd Greiner viele Verschwörungstheorien als Hirngespinste. Unfug sei etwa, dass United 93 über Shanksville abgeschossen wurden. Im Chaos der Ereignisse waren nur wenige Direktiven so eindeutig, wie das Abschussverbot von Flugzeugen.

Um 10:10 Uhr machte das NEADS-Kontrollzentrum allen im Einsatz befindlichen F-15 und F-16-Piloten unmissverständlich klar: "Negative - negative clearance to shoot." Eine Abschusserlaubnis wird unter keinen Umständen gegeben.

Minutiös verfolgt Greiner alle Stränge, die zum 11. September 2001 geführt haben: Der Kalte Krieg, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, die Rollen Saudi-Arabiens und Pakistans im geopolitischen Gezerre um den Nahen Osten, der Aufstieg der Taliban und natürlich Osama Bin Laden, Mitglied einer reichen saudischen Familie, seit 1994 staatenloser Terrorist und Symbolfigur diverser dschihadistischer Gruppen.

"Ich kann Euch hören! Der Rest der Welt kann Euch hören! Und diejenigen, die diese Gebäude haben einstürzen lassen, werden bald von uns hören."

Ruft der damalige US-Präsident George W. Bush in martialischer Rhetorik am 14. September 2001 von Ground Zero aus der Menge zu: Die Jagd auf Osama Bin Laden war eröffnet, die - das wissen wir heute - zehn Jahre dauerte. An genau dieser Stelle feierten vor wenigen Tagen Tausende den Tod des Terroristen. Genau hier gedachte etwas später Barack Obama den Opfern der Anschläge, übrigens ohne den ebenfalls eingeladenen George W. Bush, da er den direkten Vergleich mit seinem Nachfolger scheute. Niemand sprach den Namen des Terroristen aus, der so viel Unglück über die Welt gebracht hatte, obwohl er früh schon ins Visier amerikanischer Fahnder geraten war.

Jahr für Jahr hatte die Regierung Clinton zwischen 1994 und 2000 vom Sudan und später von den Taliban seine Auslieferung verlangt, ungezählte Dossiers versuchten Lebenslauf und Weltbild des rätselhaften Saudis zu erklären.

Wer aber steht hinter den Terroranschlägen? Welche Motive treiben die Täter an? Der Terror sei religiös motiviert und geschehe im Namen Allahs, ist die gängige Antwort. Dies sei zu kurz gegriffen, entgegnet Bernd Greiner:

Soziale Entwurzelung, Enttäuschung, Demütigung, Bindungslosigkeit, verletztes Ehrgefühl, Wut und Zorn über nationale Erniedrigung, Rache für die Opfer von Amerikas Politik und Kriegen in muslimischen Ländern und nicht zuletzt: ein Pochen auf soziale Gerechtigkeit, unterlegt von politischer Leidenschaft zur Durchsetzung dieses Ziels.

Säkulare Motive befeuern den Terror weit stärker als religiöse. Auf diesen Zusammenhang weisen auch andere Autoren hin, selten ist er aber wie in Bernd Greiners Buch "9/11 - Der Tag, die Angst, die Folgen" so präzise belegt worden. Dies gilt auch für die "unerwünschten Ergebnisse des Krieges gegen den Terror": Das Terroristengefängnis Guantánamo und die Schwierigkeiten, es zu schließen; die Folterdebatte; vor allem aber die seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts geführte Auseinandersetzung um die "Imperiale Präsidentschaft":

"Ich entscheide, was für die Exekutive Gesetz ist."

Was "nationale Sicherheit" bedeutet oder "nationales Interesse", entschied nach dem 11. September ausschließlich George W. Bush. Damit hebelte er aber die fein austarierte Gewaltenteilung zwischen Weißem Haus und Kongress aus mit dem Ergebnis, dass während der Ära Bush junior die demokratische Verfassung großen Schaden nahm.

Also jenes politische Wertesystem, das gegen jede terroristische Herausforderung verteidigt werden muss.

Wer die Geschichte der Anschläge vom 11. September 2001 verstehen will, wer verstehen will, warum Barack Obama manches gegebene Versprechen noch nicht eingelöst hat - die Schließung von Guantánamo etwa - wer die Entwicklungen verstehen will nach dem gewaltsamen Tod Osama Bin Ladens - der sollte "9/11 - Der Tag, die Angst, die Folgen" lesen. Ein hervorragendes Buch!

Bernd Greiner: "9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen". C.H. Beck, 280 Seiten, 19,95 Euro.

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