Donnerstag, 18.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheAbschied vom Proporzdenken11.12.2017

Grüne DoppelspitzeAbschied vom Proporzdenken

Die Grünen haben ein schweres Jahr hinter sich, doch die Partei könnte sich mit einer neuen Doppelspitze neu erfinden, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Eigentlich dürften zwei "Realos" die Partei aufgrund des Parteienproporzes nicht anführen. Doch davon scheinen die Grünen inzwischen genug zu haben.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Bündnis90/Die Grünen) spricht am 25.11.2017 in Berlin auf dem Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen zu den Delegierten. (picture alliance / Kay Nietfeld/dpa)
Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Bündnis90/Die Grünen) spricht am 25.11.2017 in Berlin auf dem Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen zu den Delegierten. (picture alliance / Kay Nietfeld/dpa)
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Was sind sie überschüttet worden mit Kritik und Häme: Zu angepasst, zu profillos, zu langweilig. Es war ein schwieriges Jahr für die Grünen, der Stimmungswandel kam erst im Herbst während der Jamaika-Sondierungen: Da strahlten die Grünen Teamgeist aus und viel Kompetenz bei den Themen. Bis die FDP Jamaika platzen ließ. Jetzt stehen die Grünen an einem Wendepunkt: Entweder ziehen sie sich als kleine Oppositionspartei in den Schmollwinkel zurück. Oder sie drehen den Spieß um: Reißen die Fenster auf, lassen frischen Wind rein und machen klar: Wir haben was zu sagen, und wir werden gebraucht.

Robert Habeck - "ein Glücksfall"

Für diesen selbstbewussten Weg steht Robert Habeck. Seine Kandidatur für den Parteivorsitz könnte sich deshalb als Glücksfall erweisen - ganz gleich, ob Deutschland nun in eine Große Koalition, eine Minderheitsregierung, oder in eine Neuwahl steuert. Robert Habeck kann - anders als die grüne Fraktions- und Parteispitze in Berlin - sechs Jahre Regierungs-Erfahrung in Schleswig-Holstein vorweisen. Er hat sich dort als Umweltminister mit Landwirten, Naturschützern und Surfern angelegt - also Sturköpfen aller Art.

Habeck, der in Land und Bund zwei Mal Jamaika sondiert hat, besitzt zudem Verhandlungsgeschick. Und fast wäre er im Januar bei der parteiinternen Urwahl Grüner Spitzenkandidat geworden.

Eine viel versprechende zweite Kandidatin

Ebenfalls vielversprechend: Die Kandidatur von Annalena Baerbock: Die 36-Jährige hat sich als Landesvorsitzende in Brandenburg mutig mit der Braunkohlelobby angelegt, sie ist Europapolitikerin und hat sich seit 2013 einen überaus guten Ruf als Klimaexpertin im Bundestag erworben. Dass sie zudem als Mutter zweier kleiner Kinder in ein politisches Spitzenamt drängt, zeigt, dass die Grünen ernst machen mit Gleichberechtigung, während die anderen Parteien ein massives Frauenproblem haben.

Die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock (Grüne) spricht am 09.12.2017 in Hamburg während der Landesmitgliederversammlung der Hamburger Grünen.  (dpa / Georg Wendt)"Die Grünen ernst machen mit Gleichberechtigung: Annalena Baerbock in Hamburg während der Landesmitgliederversammlung (dpa / Georg Wendt)

Bleibt als Wermutstropfen die Flügel-Arithmetik der Grünen. Die Parteilinke ist verstimmt, weil mit Habeck und Baerbock zwei Realos antreten, und Habeck noch dazu ein Jahr lang Amt und Mandat behalten will. Doch das Murren bleibt recht leise. De facto ist das grüne Machtzentrum längst in die politische Mitte gerückt. Solange sich die Führungsspitze aber weiter für Bienen und Klimaschutz einsetzt, folgt die Partei ihnen.

Genug von der Flügelarithmetik 

Leute wie Baerbock und Habeck haben ohnehin genug vom Parteienproporz und wollen talentierte Leute nicht der Flügelarithmetik opfern - sich selbst eingeschlossen.

Andere wären übrigens froh: Bei der SPD schart man sich verdruckst um Martin Schulz, weil kein Herausforderer sich aus der Deckung traut. In der Merkel-CDU erst recht nicht. Und die FDP sollte sich vielleicht in die CL-FDP umbenennen - es gibt nur einen Christian Lindner.

Die Grünen bieten da einiges mehr an fähigen Frauen und Männern: Das muss man erst einmal schaffen - als Opposition und kleinste Fraktion im Bundestag.

Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern (Deutschlandradio / Bettina Straub)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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