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StartseiteInterviewGrünhelme-Chef fordert Lebensmittel-Luftbrücke für Horn von Afrika14.07.2011

Grünhelme-Chef fordert Lebensmittel-Luftbrücke für Horn von Afrika

Rupert Neudeck will humanitäre Katastrophe verhindern

Laut UNO droht bis zu zehn Millionen Menschen am Horn von Afrika der Hungertod. Rupert Neudeck, Vorsitzender der Hilfsorganisation Grünhelme, schlägt vor, im besonders notleidenden Somalia binnen drei Tagen Lebensmittel über den Dürregebieten abzuwerfen.

Rupert Neudeck im Gespräch mit Friedbert Meurer

Neu angekommene somalische Flüchtlinge im kenianischen Dadaab werden versorgt. (picture alliance / dpa / WFP/Rose Ogola)
Neu angekommene somalische Flüchtlinge im kenianischen Dadaab werden versorgt. (picture alliance / dpa / WFP/Rose Ogola)

Friedbert Meurer: Wir bleiben auf dem afrikanischen Kontinent, gehen etwas weiter nach Norden. Am Horn von Afrika, dort droht die schlimmste humanitäre Katastrophe seit Jahrzehnten. Zehn Millionen Menschen sind laut UNO-Angaben wegen der Dürre und des Bürgerkriegs vom Hungertod bedroht. Wenn nicht jetzt massiv geholfen wird, so lautet die Warnung, werden mehr Menschen sterben als Mitte der 80er-Jahre in Äthiopien. Damals verhungerten eine Million Menschen.

"Tausende Flüchtlinge suchen verzweifelt nach Hilfe." Das war der Bericht der BBC 1984. Man sah dort Kinder, sie litten unter der Hungersnot, ihre Arme und Beine dünn wie Stöcke.
Es waren die Bilder, die schrecklichen Bilder der Kinder, die damals für so viel Entsetzen gesorgt haben. Jetzt könnte sich das Drama wiederholen, noch schlimmer: von der Dimension her bis zu verzehnfachen.

Oft geholfen, oft in Somalia und Äthiopien gewesen ist Rupert Neudeck, der Vorsitzende der Hilfsorganisation Grünhelme. Guten Morgen, Herr Neudeck.

Rupert Neudeck: Guten Morgen, Herr Meurer!

Meurer: Wie erinnern Sie sich an die Katastrophe von 1984 und an die vielen anderen schwierigen Zeiten in Somalia und Äthiopien?

Neudeck: Gleich so wie jetzt: Großes Entsetzen, aber dann sofort Aufhören mit dem Entsetzen, weil das hilft den Menschen nicht und deshalb musste man damals überlegen, welche unkonventionellen Mittel man anwenden kann, wenn Menschen in den nächsten 48 Stunden in Gefahr sind zu krepieren, zu verhungern, zu verdursten. Und das hat damals ja in einer eigentlich ganz erstaunlichen Weise geklappt. Wir haben damals sogar die Zusammenarbeit von westdeutschen und ostdeutschen – es gab ja damals noch die DDR, es gab ja den Kalten Krieg -, wir haben sogar ostdeutsche und westdeutsche Flugzeuge gehabt, die dabei waren, Nahrungsmittel abzuwerfen. Das ist etwas, was man jetzt eigentlich für die Menschen, die Hunderttausenden, die da auf dem Wege sind, oder die gar nicht mehr auf dem Wege sein können, weil sie zu schwach sind, das wäre ja jetzt auch eine der Möglichkeiten.

Meurer: Aus welchem Grund wird das jetzt nicht gemacht Ihrer Meinung nach, Herr Neudeck?

Neudeck: ... , weil eben Somalia ein Staat ist, der nicht mehr existiert. Wir haben den Zustand, den die UNO nicht vorsieht und die Menschheitsgemeinschaft, dass ein Land einen Staat verliert. Das ist 1991 praktisch geschehen, dadurch, dass der damalige Staatspräsident, den wir in Deutschland ja auch ganz gut kannten, Siad Barre, das Land verlassen hat in wilder Flucht, und seit dieser Zeit gibt es in Somalia das nicht, was wir alle vorsehen für jedes Land der Welt, nämlich eine Regierung, eine ordentliche Verwaltung. Das ist alles in Anarchie und Chaos zusammengebrochen und deshalb geht in Somalia, das ist eigentlich ein "no man's land", da kann man nicht rein, da kann man nicht raus. Das ist einfach eine politische Katastrophe, die jetzt zu dieser humanitären Todeskatastrophe für Hunderttausende von Somalis führt.

Meurer: Wird es, Herr Neudeck, wieder geradezu zwingend zu Hunderttausenden von Hungertoten kommen, weil ja die Hilfsorganisationen, das Welternährungsprogramm, viele andere Organisationen, eben, wie Sie auch schildern, nicht ins Land hineinkommen, sondern sich darauf konzentrieren müssen, in den Flüchtlingslagern um Somalia herum zu helfen?

Neudeck: Ja ich hoffe natürlich, dass in den nächsten 48 Stunden es im Grunde einen Politikwechsel gibt. Die westliche Welt hat sich dabei auch nicht gerade sehr mit Ruhm bekleckert, dadurch, dass sie in den letzten Jahren mehr dafür investiert hat, Armeen da reinzuschicken. Zum Beispiel das Unsinnigste, was man sich vorstellen kann: Die Armee des Nachbarlandes Äthiopien, das eigentlich ein bisschen der Erzfeind der Somalis ist, die wurde beauftragt, in Somalia einzumarschieren, um das zu regeln. Das hat natürlich nicht geklappt, sondern das hat eigentlich die Feindschaftsgelüste der Somalis, alle der Milizen, die dort weiter tätig sind, verstärkt.

Meurer: Und von wem wurde Äthiopien beauftragt?

Neudeck: Das war eine US-Empfehlung, die auch mit sehr viel Geld verbunden war. Alle die Ahnung haben in dieser Region, die wissen, dass diese Menschen und diese Völker zusammenarbeiten müssen als Nachbarn, haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, dass das damals passiert ist. Das ist etwas an unserer Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit vorbei gegangen, trägt aber jetzt seine politischen negativen Früchte. Ich hoffe, weil im Süden des Landes gibt es noch einen sehr großen Hafen - es gibt nicht nur Mogadischu, das ist ja eine riesenlange Küste -, der heißt Chisimaio. Eigentlich müsste man darüber, wenn man sich vorstellt, dass das letzte Mittel jetzt Abwurf von Nahrungsmitteln ist, es gibt keine andere Möglichkeit, man muss sich da alles andere abschminken. Es gibt nur noch die Möglichkeit, entweder mit einem Flugzeugträger in der Region zu sein, die Amerikaner sind ja meistens da überall, aber auch mit anderen Möglichkeiten. Man muss Nahrungsmittel über dem Süden von Somalia abwerfen, da tobt ganz offenbar diese Dürre, die ist nicht von schlechten Eltern, die ist wahrscheinlich so ähnlich wie damals 1984 in Äthiopien. Das muss man jetzt tun und gleichzeitig muss man versuchen, mit diesen Shabab-Milizen zu sprechen, die sind ja auch schon bereit, weil sie sehen, das können sie auch nicht auf sich ruhen lassen.

Meurer: Die Shabab-Milizen, das sind die Islamisten im Süden, die den Süden kontrollieren. Die haben vor zwei Jahren alle Helfer, ich sage es jetzt mal, rausgeworfen. Jetzt sagen sie, ihr könnt wiederkommen. Kann man ihnen trauen?

Neudeck: Ja, die sind ja deshalb so allergisch geworden gegen uns Westler, weil die Äthiopier damals eben mit ihrer Armee gekommen sind und die USA haben das unterstützt mit ihren militärischen Mitteln. Das muss man ja auch ein bisschen verstehen. Das sind natürlich Leute, die haben eigentlich für die Somalis – Das kann man auch noch mal sagen: vor fünf Jahren war es so, dass diese Shabab-Milizen erst mal für Ordnung gesorgt haben ...

Meurer: Aber man kann nicht verstehen, Herr Neudeck, dass Islamisten so skrupellos sind, oder Rebellen, und Menschen verhungern lassen, oder?

Neudeck: Das habe ich eigentlich so in dieser Weise noch nicht erlebt. Ich habe eigentlich immer erlebt, dass Menschen, von denen wir sagen, dass sie Islamisten sind, oder radikal-islamische Terroristen, ich habe das eigentlich nicht erlebt bisher, dass die sich nicht von dem Schicksal ihrer eigenen Leute erweichen lassen, und deshalb glaube ich schon, dass wir sehen müssen jetzt, dass wir verhandeln können. Interessanterweise: Wir finanzieren auch als Deutsche, die gesamte EU finanziert eine sogenannte Übergangsregierung. Die hält sich meist in großen Villen in Nairobi auf, in Somalia. Das ist eine Regierung, die hat zu diesem Konflikt, zu diesem Riesenproblem ihres eigenen Volkes noch gar nichts gesagt. Also diese Investition war wahrscheinlich auch für die Katz. Jetzt geht es wirklich darum, alles andere ist zweitrangig, in den nächsten 74 Stunden muss irgendetwas geschehen, damit im Süden Somalias Nahrungsmittel abgeworfen werden, damit in dem Lager von Kenia, diesem Riesenlager, ein zweites existiert. Eigentlich ist das die große Stunde für Kenia zu beweisen, dass es in der Lage ist, als eine Führungsmacht in Afrika diese Situation wenigstens an der Grenze zu lindern. Ich rechne damit, dass man dann auch "cross border operations" machen kann, das heißt also über die Grenze gehen kann mit mutigen Hilfsorganisationen. Das wird sicher möglich sein, wenn man mit einigen Somalis das macht, die es auch in Äthiopien, bei uns hier in Deutschland, in Ruanda gibt. Ich kenne da einige. Also man muss jetzt wirklich in den nächsten 74 Stunden versuchen, andere Möglichkeiten der sofortigen Nothilfe für Menschen, die in Gefahr sind zu sterben, zu ergreifen.

Meurer: Das ist der Appell von Rupert Neudeck, der Vorsitzende der Grünhelme, zur Hungersnot in Äthiopien und Somalia heute im Deutschlandfunk. Danke und auf Wiederhören, Herr Neudeck.

Neudeck: Danke!

Die Äußerungen unserer Gesprächspartner geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

DKultur-Interview vom 12. Juli 2011: UNO-Welternährungsprogramm-Sprecher 500 Millionen Dollar zur Linderung der Hungersnot in Somalia nötig

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